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Plakatmotiv: Flucht von Alcatraz (1979)
Harte Kerle, kluge Männer,
ein unbarmherziges System
Titel Flucht von Alcatraz
(Escape from Alcatraz)
Drehbuch Richard Tuggle
nach dem Roman „Escape from Alcatraz“ von J. Campbell Bruce
Regie Don Siegel, USA 1976
Darsteller Clint Eastwood, Patrick McGoohan, Roberts Blossom, Jack Thibeau, Fred Ward, Paul Benjamin, Larry Hankin, Bruce M. Fischer, Frank Ronzio, Fred Stuthman, David Cryer, Madison Arnold, Blair Burrows, Bob Balhatchet, Matthew Locricchio u.a.
Genre Biografie, Drama, Crime
Filmlänge 112 Minuten
Deutschlandstart
20. September 1979
Inhalt

Der wegen Raubes verurteilte Häftling Frank Morris ist schon mehrmals aus dem Gefängnis ausgebrochen. Deshalb wird er auf die Gefängnisinsel Alcatraz verlegt. Dort ist noch nie einem Gefangenen die Flucht gelungen. Diejenigen, die versucht haben, aus der Gefängnisanlage zu entkommen, wurden entweder von den Aufsehern erschossen oder sind im kalten Meerwasser ertrunken.

Auf Alcatraz geht es rau und unmenschlich zu. Der Direktor ist kalt und effizient: „Alcatraz ist ein Hochsicherheitsgefängnis. Wir machen hier keine guten Bürger. Aber wir machen gute Gefangene!“ Gefangene, die sich nicht an die strengen Regeln halten, werden über Tage oder sogar Wochen in den D-Block verbannt – in Dunkelhaft. Die Zustände motivieren Morris erst recht dazu, auch auf Alcatraz einen Fluchtversuch zu unternehmen. Die beiden Brüder Clarence und John Anglin und Morris’ Zellennachbar Charles Marsh wollen ebenfalls fliehen.

Plakatmotiv: Flucht von Alcatraz (1979)Die vier werden von anderen Gefangenen unterstützt, die selbst nicht fliehen wollen. Mit primitiven Werkzeugen, die sie sich aus Essbesteck bauen, vergrößern sie in ihren Zellen in mühevoller Arbeit die Lüftungsöffnungen, bis sie die Gitter entfernen und über das Lüftungssystem auf das Dach gelangen können …

Was zu sagen wäre

Der Gefangene wird bei Nacht und Regen nach Alcatraz überführt. Das verdeutlicht gleich die Hoffnungslosigkeit der Menschen, die hier, nun ja, leben. Ein Schild warnt Gefangene davor, die Flucht zu versuchen. Und so geht es zehn Minuten weiter. Der Gefangene verliert seine Kleider, wird nackt durch mehrere Schleusen bugsiert und endet schließlich in der Zelle. Signal: Deine Freiheit ist Vergangenheit. „Welcome to Alcatraz!“, grunzt der Wärter, als das Zellengitter sich schließt. Der Direktor, der Morris persönlich in seinem Büro zum haftantritt begrüßt, zeigt weder Wäreme noch Empathie seinen Schutzbefohlenen gegenüber: „Alcatraz wurde gebaut, um alle faulen Eier in einem Korb zu halten. Niemand ist je aus Alcatraz entkommen. Und niemand wird das je tun.“ Da der Film aber nicht „Nie entkam jemand aus Alcatraz“ heißt, wissen wir, dass die Prognose des Direktors nicht mehr lange haltbar ist. Fortan schaut Regisseur Don Siegel also seinen Kerlen dabei zu, wie sie heimlich still und leise, das von Meerwasser und Fäulnis aufeweichte Mauerwerk zerbröseln. Als Direktor hat Siegel Patrick McGoohan besetzt („Trans-Amerika-Express“ – 1976; „Nobody ist der Größte“ – 1975; Eisstation Zebra – 1968), der kalten Blick und schnarrende Stimme gekonnt als Ausdruck eines großen Arschlochs einsetzt.

Clint Eastwood, der ausgiebig Gelegenheit hat, sich als harter und intelligenter Bursche zu präsentieren, wird nach Jahren, in denen er sich Frauen nahm wie sie kamen, hier erst einmal selbst zum Objekt der Begierde. Kaum eingeliefert auf Alcatraz, erregt er die Aufmerksam des sehr großen, sehr dicken Wolf, der ihn ganz offensichtlich nehmen will – darauf deuten dessen Gestik und Mimik schon beim ersten gemeinsamen Gang in die Gefängnisküche hin. Don Siegel und sein Buddy Clint Eastwood haben sich ein geschlossenes System ausgesucht, um eine Variante ihrer A-Man-has-got-to-do-what-a-man-has-got-to-do-Geschichte zu erzählen. Vor neun Jahren landete Eastwood unter Siegels Regie in einem Mädchenpensionat und ging pseudo-kastriert vor die Hunde. Jetzt ist es eine Männerwelt, in die er gerät – der Film verhält sich zu Betrogen in etwa wie der Bruder zur Schwester – damals Frauen, heute Männer. Diesmal wird er, das werden seine Fans wissen, nicht kastriert werden – Wolf macht er gleich unter der Dusche klar, wo der Hammer steht – aber er bekommt alle Möglichkeiten, gegen das System der (Gefängnis)Bürokraten zu rebellieren; da sind Siegel und Eastwood sehr bei sich. Von der zarten Romantik des Birdman of Alcatraz ist hier wenig zu spüren.

Zu einem Gefängnisfilm gehört der Besuch von Verwandten, in diesem Film die einzige Möglichkeit, Frauen und Sentiment auftreten zu lassen. Und zuverlässig ist die kurze Szene elementar für die Dramaturgie. Den weiteren Verlauf beobachtet Siegel dann so trocken wie ein Dokumentarfilmer, der kaum einmal Musik einsetzt. Und wenn Jerry Fielding seinen Score laufen lässt, dann ist der eher melodiös unterstützendes Geräusch als tatsächliche Musik. Ein stiller Film, ebenso überraschend wie zunehmend spannend, fotografiert von Bruce Surtees, der seinen Einstand bei Siegel und Eastwood mit der Fotografie von Betrogen (1970) gab und seither bei Sadistico (1971), Dirty Harry (1971), Sinola (1972), Ein Fremder ohne Namen (1973) und Der Texaner (1976) mit Eastwood zusammengearbeitet hat.

Ein harter Kerl, aber kaum Action. Eine Männerwelt, aber lauter verlorene Hunde. Das klingt nicht auf den ersten BLick als erfolgversprechend an der Kinokasse in Zeiten zwischen dem opernhaften Godfather und der street credibility eines „Taxi Driver“, die aufgelockert wird von alerlei Star gespickten visuell opulenten Katastrophenfilmen. Eastwood ficht das ales nicht an, da ist er so sturköpfig wie die Figuren, die er immer spielt. Seine Malpaso Company stellt sich einfach quer und macht weiter ihr Ding, nämlich Männer-Kino. Egal, was die jungen Kerle da im Kino lostreten. Clint Eastwood und Don Siegel huldigen dem Kino der 50er und 60er Jahre, als ein Mann noch in der Lage war, sei Leben selbst zu bestimmen. Eastwood weiß: Dafür gibt es ein Publikum. Acht Millionen US-Dollar hat Malpaso investiert für diesen Film und allein im Inland 43 Millionen Dollar an der Kinokasse eingenommen.

Wertung: 4 von 8 D-Mark
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