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Plakatmotiv: Dirty Harry (1971)
Ein harter Kerl für harte Zeiten
Gegen New Hollywoods Weicheier
Titel Dirty Harry
(Dirty Harry)
Drehbuch Harry Julian Fink + Rita M. Fink + Dean Riesner + Terrence Malick + Jo Heims
Regie Don Siegel, USA 1971
Darsteller Clint Eastwood, Harry Guardino, Reni Santoni, John Vernon, Andrew Robinson, John Larch, John Mitchum, Mae Mercer, Lyn Edgington, Ruth Kobart, Woodrow Parfrey, Josef Sommer, William Paterson, James Nolan, Maurice Argent, Jo de Winter, Craig Kelly u.a.
Genre Acton, Thriller
Filmlänge 102 Minuten
Deutschlandstart
10. März 1972
Inhalt

Ein unbekannter Killer tötet vom Dach eines Wolkenkratzers aus ein ahnungsloses Mädchen. Der Täter hinterlässt eine Nachricht, in der er verkündet, jeden Tag einen Menschen zu töten, sollte ihm die Stadt nicht 100.000 Dollar zahlen. Er gibt an, als Nächstes einen „katholischen Priester oder einen Nigger“ zu töten, unterschrieben ist die Nachricht mit Scorpio. Der Bürgermeister beauftragt Inspektor Harry Callahan damit, den Killer schnellstens zu fassen. Callahan, ein zynischer Einzelgänger, ist für seine harten, wenn auch effektiven Ermittlungsmethoden bekannt und hat regelmäßig Ärger mit seinen Vorgesetzten.

Mit seinem jungen Partner Gonzales, der dem widerwilligen Inspektor zwangsweise zugeteilt wird, nimmt Callahan die Ermittlungen auf. Inzwischen gibt die Stadt an, das Geld zahlen zu wollen, um Zeit zu gewinnen. Der Killer lässt sich mit der Antwort, man sei bereit zu zahlen, brauche aber Zeit, um das Geld zusammen zu bekommen, nicht abspeisen und versucht einen schwarzen Jugendlichen zu erschießen. Dabei wird er von der Polizei gestört, er kann aber fliehen.

Am nächsten Tag entführt Scorpio eine junge Frau, vergewaltigt sie und begräbt sie lebendig. Er erhöht seine Lösegeldforderung auf 200.000 Dollar. Bei der aufwändigen Lösegeldübergabe kann Scorpio mit dem Geld zuächst entkommen, wird aber später, weil Callahan ihn mit einem Messer verletzt hatte, über ein Krankenhaus aufgespürt. Callahan stellt ihn und presst durch Folter den Aufenthaltsort des Mädchens aus dem Killer heraus. Die junge Frau kann nur tot geborgen werden, die Obduktion ergibt, dass sie von Scorpio kurz nach ihrer Entführung ermordet wurde.

Plakatmotiv: Dirty Harry (1971)Scorpio kommt frei, da ihm sein Recht auf einen Anwalt vorenthalten und die Hausdurchsuchung seines Verstecks ohne richterliche Vollmacht durchgeführt wurde, alle Beweise wurden dadurch unbrauchbar (Früchte des vergifteten Baumes). Callahan verfolgt Scorpio, um ihn bei einer kriminellen Handlung zu erwischen. Dieser lässt sich gegen eigene Bezahlung zusammenschlagen und startet eine öffentliche Kampagne gegen Inspektor Callahan, dem nun Willkür und Brutalität vorgeworfen wird …

Was zu sagen wäre

Nimmt man die Story ernst, hat man schon verloren. Nimmt man den Film ernst, gerät man in Teufels Küche. Don Siegel inszeniert mit seinem Star Clint Eastwood den Archetypen einer Comicfigur, eine Art Mann ohne Namen im Straßenanzug mit etwas größerem Wortanteil und einer 44er Magnum, für den 29,95 Dollar für eine Hose viel Geld ist.

Dieser Inspector Callahan ist ein mürrischer Einzelgänger mit einem gewissen Spaß, es Gewalttätern mit gleicher Münze heimzuzahlen; sein Gerechtigkeitssinn ist so archaisch wie er selbst in einer Welt, in der Anwälte jeden Paragraphen gegen die Gerechtigkeit biegen, Schwerverbrecher wegen Formfehlern aus dem Gefängnis holen, in der sich hohe Beamte schmieren lassen, amerikanische Soldaten in einem fernen Krieg verheizt werden – Auge um Auge. Da ist dieser Harry Callahan ein naher Verwandter eines gewissen Deputy Sheriffs namens Coogan, den Don Siegel und Clint Eastwood vor drei Jahren auf die Leinwand brachten. Mittlerweile hat die östliche Bürokratie, vor die Pioniere immer wieder gen Westen geflohen sind, bis sie am Pazifik nicht mehr weiter kamen, eingeholt. Es zeugt von feiner Ironie, dass Don Siegels Law-and-Order-Mann in San Francisco Dienst tut, der Stadt von Flower Power, Happiniess und freiem Drogenkonsum, also jener Auswüchse, die eine freie Gesellschaft mit sich bringt und die von einer Alle-haben-die-gleichen-Rechte-Bürokratie geschützt, statt verhindert werden.

In Teufels Küche gerät der Zuschauer, weil er in dieser zynischen Welt moralisch schnell auf Callahans Seite ist. Immerhin lebt er nicht in einer Fantasy-Welt wie jener Man without Name aus Sergio Leones Dollar Trilogie, die Eastwood berühmt machte. In „Dirty Harry“ geht es um das Beweisverwertungsverbot für unrechtmäßig erlangte Beweismittel, die das amerikanische Strafprozessrecht konsequent durchsetzt.– „So ein Gesetz ist scheiße!“, knurrt Callahan. Und was hat es mit Gerechtigkeit zu tun, wenn ein Killer freikommt, weil man ihm bei der Verhaftung seine Rechte nicht vorgelesen hat? Kaum hat man es sich einfach gemacht, liest man, dass die Handlung des Films auf den Ereignissen um den „Zodiac-Killer“ basiert, der in den späten 1960er Jahren in San Francisco wahllos Menschen erschoss. Dieser Killer wurde nie gefasst.

Clint Eastwood in der Rolle des Callahan ist großartig. Anders als in Play Misty for me, in dem er mit seiner einsilbigen Linie an den Feinheiten eines romantischen Alltagshelden scheitert, kann er sich unter der Regie seines Buddys Don Siegel (Betrogen – 1971; Ein Fressen für die Geier – 1970; Coogans großer Bluff – 1968; „Nur noch 72 Stunden“ – 1968; „Der Tod eines Killers“ – 1964; Die Dämonischen – 1956) wieder auf seine Kernkompetenz verlassen – klare Linie, große Wumme, jeder Schuss ein Treffer; ubnd an seiner Schauspielkunst kann er auch ein bisschen feilen. Eastwood spielt statt Frank Sinantra, der die Callahan-Rolle ursprünglich übernehmen sollte; auch Steve McQueel und Paul newman waren im gespräch, die aber keinen zweifelhaftenb Cop spielen wollten. Die Filmfigur des Callahan geht auf den echten Zodiac-Ermittler Dave Toschi zurück, der Detective beim SFPD war. Die beiden Testosteron-Buddies, Siegel und Eastwood, nehmen in der aufkommenden Ära der friedliebenden Flower-Power-Hippiebewegung konsequent die Gegenposition ein.

Wo Peter Fonda und Dennis Hopper im jungen Kino 1969 ohne Waffen ihr „Amerika suchten, es aber nirgends mehr finden konnten“ und schließlich von Rednecks vom Motorrad geballert werden, greift Callahan gerade deshalb zur Wumme, einer Smith & Wesson Mod. 29 im Kaliber .44 Magnum, um sein Amerika zu verteidigen, bevor es von verrückten Hippies und Killern zerstört wird. In Siegels Dirty Harry manifestiert sich also eine rechte Gegenbewegung zum New Hollywood, welches das konservative Amerika von der linken Seite aus kritisiert.

Die Callahan-Fraktion unter den Filmemachern fühlt sich augenscheinlich unwohl in diesem heraufziehenden neuen Amerika und steckt tief in der Ideologie der – um im Bild zu bleiben – frühen Eastwood-Cowboys, die in einer Zeit lebten, in der Recht hatte, wer schneller und präziser schoss. Nicht zufällig endet der Showdown in „Dirty Harry“ in einem alten Steinbruch – mit einem Duell. Nachdem Callahan schneller (und präzise) geschossen hat, zieht die Kamera in eine große Totale auf, die keine Stadt mehr zeigt, sondern eine an die Prairielandschaften alte Western erinnernde Welt, in der Callahan dann seinen Sheriff-Stern wegschmeißt. Mit den Weicheiern der modernen, libertären Peacekultur will er nichts zu tun haben – da lässt Gary Copper aus 12 Uhr mittags grüßen, wo er, ebenfalls in der letzten Szene, seinen Stern vor die Füße der Weicheier aus der Stadt spuckt.

Solche Figuren gab es im Kino schon öfter. Schon John Wayne griff gerne zur moralisch gerechtfertigten Selbstjustiz, etwa in John Fords The Searchers. Aber das waren eben Western. Mit denen konnte sich das Publikum auf eine historisch-akademische Weise auseinandersetzen – die Wilden Zeiten des Westens da im Kino waren ja außerhalb des Kinos zum Glück vorbei. Aber in „Dirty Harry“ nun greift ein Sheriff im San Francisco von heute zur Waffe und beugt Recht. Dabei hat sich das Kinopublikum doch in den letzten Jahren daran gewöhnt, dass der Sheriff eher Vertreter einer faschistoid angehauchten Staatsmacht ist und – wenigstens unter Arthur Penns Regie – Typen wie „Bonnie und Clyde“ (1967) oder – unter George Roy Hills Regie – Butch Cassidy und Sundance Kid (1969) nicht Raubmörder, sondern wirtschaftliche Opfer des kalten Establishments sind; eines Establishments, das um sich selbst kreist und dessen Kinder an dessen Normen verrückt werden, wie Dustin Hoffman in Die Reifeprüfung (1967). Derselbe Dustin Hoffman machte – ebenfalls unter Penns Regie – als Little Big Man 1969 die Erfahrung, das die Indianer ehrbare, freundliche Menschen sind, während der große Vertreter des weißen Establishments, Genral Custer, ein tumber, eitler, strategisch inkompetenter Lackaffe ist.

Und jetzt schlägt dieses Establishment mit Clint Eastwood als Meister der One Liner unter dem treibenden Jazz-Score Lalo Schiffrins zurück. <Nachtrag 2018>Klar, dass „Dirty Harry“ heftig diskutiert wurde. Einerseits erwies sich die widersprüchliche Figur des Inspektors Callahan für viele Zuschauerschichten attraktiv. Andererseits schoss die einflussreiche Filmkritikerin Pauline Kael scharf dagegen, weil Callahan „Selbstjustiz“ propagiere. Clint Eastwood wies diese Deutung zurück und ließ für die Fortsetzung Dirty Harry II – Callahan (1973) eine Handlung entwerfen, mit der er die Kritik an Dirty Harry entkräften wollte: Callahan bekämpft hier eine Gruppe von Polizisten, die Lynchjustiz praktizieren.

Der zynische Grundton von „Dirty Harry“ prägte die Kriminal- und Polizeifilme der 1970er Jahre. Einflüsse sind zum Beispiel in Ein Mann sieht rot (1974) mit Charles Bronson oder in dem französischen Thriller „Angst über der Stadt“ (1974) mit Jean-Paul Belmondo zu erkennen.</Nachtrag 2018>

Wertung: 6 von 8 D-Mark
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