Kinoplakat: Die Sensationsreporterin
Ein kalter Blick auf das
Geschäft mit Schlagzeilen
Titel Die Sensationsreporterin
(Absence of Malice)
Drehbuch Kurt Luedtke
Regie Sydney Pollack, USA 1981
Darsteller
Paul Newman, Sally Field, Bob Balaban, Melinda Dillon, Luther Adler, Wilford Brimley, Barry Primus, Josef Sommer, John Harkins, Don Hood, Arnie Ross, Phanie Napoli, Shelley Spurlock, Shawn McAllister, Joe Petrullo u.a.
Genre Drama, Thriller
Filmlänge 116 Minuten
Deutschlandstart
5. März 1982
Inhalt
Seit einem halben Jahr ist der Gewerkschaftsführer Joey Diaz spurlos verschwunden. Die Ermittlungen in dem Fall leitet Elliot Rosen, er hat nicht die geringste Spur. Er steckt der Reporterin Megan Carter, dass gegen Mike Gallagher ermittelt wird. Gallagher betreibt in Miami einen Spirituosengroßhandel. Sein verstorbener Vater war Alkoholschmuggler und Mitglied der örtlichen Mafia.

Rosen glaubt, dass Gallagher über ihn an den verschwundenen Diaz rankommt. Megan schreibt einen Artikel über die Ermittlungen gegen Gallagher. Der steht plötzlich öffentlich am Pranger, ist völlig unschuldig und erhält keine Möglichkeit, seine Unschuld zu beweisen. Der Skandal treibt ihn fast in den wirtschaftlichen Ruin. Also dreht Gallagher den Spieß um …

Was zu sagen wäre

Eine viertel Stunde ist der Film alt, da sitzt die wackere Reporterin beim Verlagsjuristen, der uns Zuschauer erst einmal einnordet auf das, was Sydney Pollack in der Folge über uns ergießen möchte.

„Falls er mit uns spricht“, sagt also der Jurist zur Reporterin, „werden wir auch seine Dementis drucken, was den Anschein der Fairness hervorrufen wird. Wenn er es ablehnt zu sprechen, können wir wohl kaum verantwortlich für die Fehler sein, die zu korrigieren er sich weigert. Falls wir ihn nicht erreichen, haben wir es wenigstens versucht.“
„Was wollen Sie denn damit ausdrücken?“
„Ich will ausdrücken, Madame, dass es vor dem Gesetz irrelevant ist, ob Ihre Story wahr ist oder nicht. Wir wissen nicht, ob Ihre Story unwahr ist, also könnte man uns nicht des bösen Vorsatzes bezichtigen. Wir haben angemessen vorsichtig gehandelt und somit nicht fahrlässig. Wir dürfen über Mister Gallagher behaupten, was wir wollen und er ist machtlos, uns Schaden zuzufügen.“ Und dann fügt er noch als boshaften Kommentar für niemanden hinzu: „Der Demokratie ist Genüge getan.“
Dieser Satz ist ein schönes Beispiel für die Tendenzen des Kinos der 1970er Jahre, seine Zuschauer gerne auch noch in Hauptsätzen zu belehren, wahrscheinlich aus der Furcht der Autoren heraus, der Zuschauer könne es durch die erzählte Handlung noch nicht verstanden haben.

Mal abgesehen davon, dass so niemand mit niemandem spricht, macht dieser kurze Monolog die Schwierigkeit deutlich, das System der Pressefreiheit in ein Kinodrama von zwei Stunden zu pressen. So schreiben Essayisten für ihre Leser. Figuren in einem Film sprechen so nur, wenn sie dem Zuschauer einen Sachverhalt klar machen müssen, der für das Verständnis des Films wichtig ist.

Sydney Pollack lässt drei Züge aufeinander zu rasen: die Pressefreiheit, das Persönlichkeitsrecht, die Macht des Beamtenapparates. Diese Züge werden personifiziert durch Sally Field (Pressefreiheit), Paul Newman (Persönlichkeitsrecht) und Wilford Brimley in einem seiner immer grandiosen Kurzauftritte. Solche Filme gehören zur hohen Klasse. Scripts wie das von Kurt Luedtke sind selbst in Hollywood rar, vor allem, weil sie optisch so entsetzlich unsexy sind – ästhetisch bewegen sich solche Filme zwischen Druckerpressen, hemdsärmeligen Chefredakteuren, riesigen Großraumbüros und erfrischend undiplomatisch keifenden Spitzenpolitikern. Diesen Part übernimmt hier Paul Newman („The Bronx“ – 1981; Flammendes Inferno – 1974; Der Clou – 1973; „Der Mackintosh Mann“ – 1973; Butch Cassidy und Sundance Kid  – 1969; „Indianapolis“ – 1969; „Der Unbeugsame“ – 1967; Haie der Großstadt – 1961; „Exodus“ – 1960; „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ – 1958; Der lange heiße Sommer – 1958). Der erfrischenderweise nicht keift – sondern sehr paulnewmanesk an die Sache heran geht, cool. Abgeklärt. Seinen Counterpart gibt Sally Field gekonnt hibbelig und schuldbewusst („Jagd auf die Poseidon“ – 1979; „Norma Rae – Eine Frau steht ihren Mann“ – 1979; Mister Universum – 1976).

Als Schatten über den beiden liegt die Sucht der Hollywood-Banker, ihren alten Haudegen zwecks Nachweises ihrer Virilität immer noch junge Prinzessinnen zuzuführen. Der in Ehren 56-jährig gewordene Paul Newman geht ein Verhältnis mit Sally Field ein, die 21 Jahre jünger ist … braucht‘s das? Können die nicht einfach miteinander umgehen?

Der Aufmerksamkeitskniff, den Sydney Pollack für sein komplexes Thema wählt ist der des mehr oder weniger ganz normalen Typen von nebenan. Hier gerät nicht ein Großindustrieller mit dem man sich schwer identifizieren kann, in die Medienmaschinerie aus Schlagzeile und Gerücht. Hier ist es Paul Newman, Gemüsehändler, Mensch wie Du und Ich. Pollack leuchtet mit seinem wunderbaren Ensemble alle Eckpunkte seines Filmessays über die Ethik in den Medien ausaus und macht sie zu einem ordentlichen Fundament. Auf dem steht am Ende die ebenso banale wie (eben dadurch) große Erkenntnis: Du sollst nicht lügen und Du sollst als Massenmedium Deine Quellen ordentlich prüfen.

Wertung: 7 von 9 D-Mark