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Kinoplakat: Die Farbe des Lebens
Ein Ballett am Spieltisch
Ein Rausch aus Farben

Titel Die Farbe des Geldes
(The Color of Money)
Drehbuch Richard Price
nach einem Roman von Walter Tevis
Regie Martin Scorsese, USA 1986
Darsteller
Paul Newman, Tom Cruise, Mary Elizabeth Mastrantonio, Helen Shaver, John Turturro, Bill Cobbs, Robert Agins, Alvin Anastasia, Randall Arney, Elizabeth Bracco, Vito D'Ambrosio, Ron Dean, Lisa Dodson, Donald A. Feeney, Paul Geier u.a.
Genre Spielerfilm, Drama
Filmlänge 119 Minuten
Inhalt

Auf seinen Touren durch die Poolbars entdeckt der ehemalige Poolbillard-Profi Eddie Felson den talentierten jungen Spieler Vincent. Schnell wird Eddie klar, dass er hier einen ungeschliffenen Diamanten vor sich hat und so nimmt er Vincent, mit dem Versprechen ihn bis zu den Meisterschaften in Atlantic City zu bringen, unter seine Fittiche.

Doch der anfängliche Erfolg des Duos weckt nicht nur wieder die Lust am Spiel in Eddie, sondern lässt Vincents überhebliche Seite zum Vorschein kommen. Was bald schon zur Trennung der beiden Männer führt, ehe sie sich in Atlantic City im großen Finale wieder gegenüberstehen sollen …

Was zu sagen wäre
Nicht für das Billard, für das Leben lernen wir. „Die Farbe des Geldes“ ist ein Film über einen Lehrer und seinen Schüler. Eddie bringt Vincent das psychologische Billardspiel bei, das nicht auf dem Tisch, sondern um den Tisch stattfindet. Und Tom Cruise (Top Gun – 1986; Legende – 1985; Der richtige Dreh – 1983; „Lockere Geschäfte“ – 1983; Die Outsider – 1983) hängt an Paul Newman Lippen, schaut ihm zu, wie man eine geschriebene Rolle mit Leben füllt. Bei manchen Dialogen ist in der Tat nicht ganz klar, ob da Eddie mit Vince oder Paul Newman mit Tom Cruise Lebensweisheiten austauscht.

Martin Scorsese („Die Zeit nach Mitternacht“ – 1985; „King of Comedy“ – 1982; „Wie ein wilder Stier“ – 1980; „Taxi Driver“ – 1976; „Hexenkessel“ – 1973) und Kameramann Michael Ballhaus haben wunderbar die verrauchte, ausgelebte Atmosphäre der Billardsalons eingefangen, die erste Einstellung beginnt ganz close auf einem Whiskey im Glas und wenn die Kamera dann langsam aufzieht, gruppiert sich um das Glas die Welt der Spieler und Glücksritter. An der Theke sitzt „Fast“ Eddie Felson und flirtet mit seiner On-Off-Freundin Janelle hinter der Bar. Eddie, der immer ein guter Verkäufer seiner selbst war, ist als Whiskey-Vertreter zu Geld gekommen. Dem Spielen hat er notgedrungen abgeschworen, seit er sich vor 25 Jahren mit Bert Gordon (George C. Scott) angelegt hatte. Heute nimmt er das Leben wie es ist, Überraschungen erwartet er keine mehr. Bis er auf Vincent Lauria trifft.

Paul Newman spielt seine ganze Erfahrung, seine Souveränität aus („Harry & Sohn“ – 1984; „The Verdict“ – 1982; Die Sensationsreporterin – 1981; Flammendes Inferno – 1974; Der Clou – 1973; „Der Mackintosh Mann“ – 1973; Butch Cassidy und Sundance Kid – 1969; „Der Unbeugsame“ – 1967; Haie der Großstadt – 1961; „Exodus“ – 1960; „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ – 1958; Der lange heiße Sommer – 1958) . Er präsentiert seinen Eddie mit eleganter Lässigkeit; in seinem Kamelhaarmantel, dem weißen Cadillac und mit der immer sonoren, nie laut werdenden Stimme strahlt er die Lebensklugheit aus, die ihm an den (damals noch schwarz-weißen) Billardtischen früher gefehlt hat. Dass er es immer noch drauf hat, immer hellwach ist und reaktionsschnell, das zeigt Newman eher beiläufig. Tom Cruise ist sein Spiegel: Immer unter Dampf tänzelt er um die Spieltische, nutzt seinen Queue als imaginäres Gewehr, Schwert, Ballettstange und Spielgerät – dieser Junge hat kein Geheimnis und wird also enden, wie Eddie vor 25 Jahren. Das macht Eddie ihm unmissverständlich klar. Aus diesem Gegensatz zieht der Film seine innere Statik. Die beiden Frauen fungieren eher als Aggregatoren. Eddies On-Off-Freundin Janelle zwingt ihn bisweilen zu alltäglich-menschlichen Reaktionen, Mary Elizabeth Mastrantonio („Scarface“ – 1983) treibt als lebenskluge Carmen ihren Freund Vince an, der stets fürchtet, sie könne ihn verlassen, wenn er ausstiege; darüberhinaus bleibt ihr die – eindrucksvoll gespielte – Rolle des schönen Beiwerks.

Scorsese, Ballhaus und Cutterin Thelma Schoonmaker haben in „Die Farbe des Geldes“ aus Farben, Bewegungen und rasanten Schnitten am Tisch einen großen Spielerfilm gemacht. Eine melancholische Erinnerung an ein aussterbendes Amerika, ein aussterbendes Filmgenre, angereichert mit Schlaghosen und Seidenhemden.

Während Tom Cruise sich schüttelt vor Lachen, wissen wir im Kinosaal nicht, ob wir nicht besser weinen sollten, als Eddie die Treppe hinauf eilt in einen alten Billardsalon, den wir noch aus Haie der Großstadt (1961) kennen – und in dem längst keine Spieltische mehr stehen, sondern alte Sessel gelagert werden. Die Welt der alten Spieler stirbt. Die letzten Überlebenden treffen sich an sterbenden Orten wie Atlantic City und hoffen auf das große Geld an den Tischen in den Hinterzimmern. Als trostlos indes erscheint diese sterbende Welt nur dem Zuschauer, der kein Spieler ist. Die Spieler selbst finden sie magisch. „Fast“ Eddie, der es eigentlich besser weiß, hat, nachdem er das erste Mal wieder an einem Tisch gespielt hat, wieder Blut geleckt, wie ein trockener Alkoholiker, der nach 25 Jahren einmal am Whiskey nippt.

„Die Farbe des Geldes“ ist ein Drama voller Melancholie und Sehnsucht, das nie ins Seifige abrutscht, sondern mit Newman, Cruise und Mastrantonio glaubwürdig und realistisch bleibt. Magic Moment – und mein inszenatorischer Höhepunkt – ist Eddie erster Stoß nach 25 Jahren. Diese eine Bewegung baut Scorsese aus drei Einstellungen, wobei die mittlere – Newman Gesicht close – nur wenige Frames lang ist, und die anderen ein Reißschiene und ein hektischer Zoom sind. Auch optisch ist dieser Film ein großes Kunstwerk.

Wertung: 9 von 10 D-Mark
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