Kinoplakat: Der Medicus

Teure Bestseller-Verfilmung.
Oberflächlich nacherzählt.

Titel Der Medicus
(The Physician)
Drehbuch Jan Berger
nach dem gleichnamigen Roman von Noah Gordon
Regie Philipp Stölzl, Deutschland 2013
Darsteller Tom Payne, Stellan Skarsgård, Olivier Martinez, Emma Rigby, Ben Kingsley, Elyas M'Barek, Fahri Yardim, Makram Khoury, Michael Marcus, Stanley Townsend, Emil Marwa, Martin Hancock, Adam Thomas Wright, Jodie McNee, Dominique Moore u.a.
Genre Abenteuer, Drama
Filmlänge 150 Minuten
Deutschlandstart
25. Dezember 2013
Website medicusfilm.de
Inhalt

London, 11. Jahrhundert: Der junge Rob Cole lebt mit Mutter und zwei Schwestern in ärmlichen Verhältnissen. Er hat eine besondere Gabe: Es war ihm möglich den bevorstehenden Tod seiner Mutter zu spüren, einige Zeit bevor er eintritt. Als seine Mutter stirbt, wird Rob von einem fahrenden Bader aufgenommen und begleitet diesen fortan auf seinen Reisen.

Unterwegs lernt er Taschenspielertricks und wird aber auch in die Welt der Heilkunde eingeführt. Dabei merkt Rob, dass den Methoden der Heilkunde Grenzen gesetzt sind. Um diese Grenzen zu sprengen, begibt er sich auf eine verbotene Reise in das persische Isfahan, um dort bei Ibn Sina zu lernen, der als „Arzt aller Ärzte“ gilt.

Weil er als Christ dort nicht lernen darf, gibt sich Rob als Jude aus und findet Aufnahme in der jüdischen Gemeinde Isfahans. Hier lernt er Rebecca kennen, eine junge Frau, die dem alten Bar Kappara zur Frau versprochen ist. Als in der Stadt die Pest ausbricht und sie hermetisch abgeriegelt wird, sucht Rob fieberhaft nach einem Mittel, um die Seuche zu stoppen. Bar Kappara ist geflohen und hat Rebecca zurückgelassen. Sie und Rob verlieben sich ineinander …

Was zu sagen wäre

Es ist ein schwieriges Unterfangen, einen Bestseller angemessen zu verfilmen, noch dazu, wenn der so umfangreich erzählt ist, wie Noah Gordons „Der Medicus“. Philip Stölzl hat die Herausforderung gelöst, indem er viel Geld in imponierende Kulissen, teure Bilder und adrette Jungschauspieler plus Ben Kingsley und Stellan Skarsgård gesteckt hat; für die eigentliche Story, das Drehbuch hat es dann nicht mehr gereicht, Stölzl und sein Autor Jan Berger arbeiten mit simplen dramaturgischen Vier-Minuten-Bögen. Der Film wurde co-produziert von ARD/Degeto und wird Weihnachten 2014 als Mehrteiler im Fernsehen ausgestrahlt. Das erklärt die simple Dramaturgie. Es ist eine Erzählung im Und-dann-und-dann-und-dann-Stil.

Der Film ist dabei, statt mittendrin

Es ist gefällig vorgetragen, wie der junge Rob aus dem vermatschten, nasskalten London sich auf den Weg macht ins verheißungsvolle Isfahan, das gelobte Land der Medzin. Da ist unterwegs viel Platz für Spannung, Charakterzeichnung und das Flair fremder Welten. Und wenn Rob dann in Isfahan ist, einen Juden spielt und damit dauernd in Lebensgefahr schwebt und gleichzeitig die Kunst des Heilens erlernt und die Pest bekämpft, dann gibt das viele Gelegenheiten, aufregende Miniaturen zu gestalten. Noah Gordon gelingt das in seinem Roman ausgezeichnet (der nicht zufällig zum Bestseller wurde). Stölzl gelingt das nicht; er will in 150 Minuten (in der TV-Version in 178 Minuten) alle diese Miniaturen abbilden, findet aber für keine das Besondere. Die Pest taucht auf, die Stadt wird abgeriegelt, ein Freund stirbt (nebenbei, statt mit Drama), Rob sieht die Ratten, erkennt die Lösung und rettet Isfahan; und nicht eine Sekunde fiebere ich mit. Stölzl hält seine Zuschauer auf Distanz, bildet ab, statt mitzureißen.

Kinoplakat: Der MedicusEs gibt eine Szene in dem Film, die Stölzls Stil schön abbildet: Der Schah lässt einen Löwen töten. Man sieht des Shahs Gesicht, seinen Befehl zu schießen – und das war‘s. Man sieht den Pfeil nicht, hört ihn nicht, aber der Löwe ist tot. Überhaupt dieser Schah: „Wenn die Welt gerecht wäre, müsste ich vor Euch knien. Ist sie aber nicht!“, sagt er zum jungen Medicus. „Meinem Vater war es gelungen, den Tod zu einer Frage von Präzision und Berechnung zu machen, wie Kalligrafie oder Bogenschießen“ begründet er seine kalte Kriegslust.

Platitüden und grober Strich

Ein charmanter Diktator, der in Rob Cole einen hübschen Toyboy sieht, den er zum Freund gewinnen will – warum, wird nicht so recht klar. Aber er erkrankt zum richtigen Zeitpunkt an der geheimnisvollen Seitenkrankheit, die auch schon Robs Mutter hingerafft hatte und Rob, der mittlerweile heimlich Obduktionen an Leichen vorgenommen hat und deshalb gerade zum Tode verurteilt worden war, besiegt jene Seitenkrankheit, die heute Blinddarmentzündung heißt und kann den Schah retten, der wenige Minuten nach der Operation am offenen Bauch aufs Pferd steigt und gegen die Seldschuken reitet – nicht ohne allen Juden vorher aus Dankbarkeit die Freiheit zu schenken, bevor diese von den bösen, narbengesichtigen Mullahs gemeuchelt werden würden.

Der Film ist gehüllt in Platitüden und gefüllt mit Schwarz-Weiß-Plastiken: Der gute Freund und Lebemann stirbt (natürlich), der glutäugige Freund wechselt das Lager und wird böser Mullah, die Mullahs sind sehr sehr böse und schenken den vernarbten, noch böseren Seldschuken die Stadt, der weise Arzt ist … Ben Kingsley, der zu viele solcher Rollen gespielt hat (Ender's Game – 2013; Hugo Cabret – 2011; Shutter Island – 2010; Schindlers Liste – 1994). Die Love Interest ist sehr hübsch, anrührend neugierig und belesen, aber im richtigen Moment heißblütig, ihr Ehemann verschlagen und zur rechten Zeit dann auch tot. Nie hält der Film mal inne und geht in die Tiefe. Er bleibt immer an der Oberfläche.

Beckerfaust-Momente ohne Herz

Während seine Geliebte mit dem ungeliebten Gatten eheliche Pflichten beweisen muss, gräbt Rob in aufgeschnittenen Leichen nach dem medizinischen Fortschritt. Solche Parallelmontagen sind seit Coppolas Finale von Der Pate (1972) beliebtes Stilmittel, um das Nebeneinander von Leben und Tod zu dramatisieren; bei Stölzl ist es als Nebeneinander von blutleerem Sex und blutiger Wissenschaft bloßer Effekt.

„Wir schneiden den Schah auf und entfernen die Krankheit!“ Stölzl liefert lauter zauberhafte Beckerfaust-Momente und großartige Panoramen. Das Drumrum stimmt, aber in seinem Inneren ist der Film tot. Es fehlt das Herz, das einen Film unsterblich macht.

Wertung: 3 von 8 €uro