Kinoplakat: Der Anschlag
Ben Affleck als Jack Ryan
ist eine Fehlbesetzung
Titel Der Anschlag
(The sum of all fears)
Drehbuch Paul Attanasio + Daniel Pyne
nach dem Roman „Das Echo aller Furcht” von Tom Clancy
Regie Phil Alden Robinson, USA, Deutschland 2002
Darsteller Ben Affleck, Morgan Freeman, James Cromwell, Liev Schreiber, Bridget Moynahan, Alan Bates, Ciarán Hinds, Philip Baker Hall, Ron Rifkin, Bruce McGill, Colm Feore, Josef Sommer, Russell Bobbitt, Ken Jenkins, John Beasley u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 124 Minuten
Deutschlandstart
8. August 2002
Inhalt

Der Nahe Osten, 1973: Über den Weiten der Golan-Höhen wird von einer ferngelenkten Rakete ein israelischer Jet abgeschossen. Der Jet war atomar bewaffnet. Der Sprengkopf bleibt zwischen all den Trümmern intakt, wird vergessen und über die Jahre vom Flugsand begraben.

29 Jahre später, Washington. CIA-Mann Jack Ryan wird früh morgens aus dem Bett geklingelt. Der russische Präsident ist einem Herzinfarkt erlegen, Ryan soll über den Nachfolger im Kreml Bericht erstatten, über den er vor Jahren ein Dossier angelegt hat.

Auf den Golan-Höhen findet jemand die Bombe aus dem Jom-Kippur-Krieg; der ahnungslose Bauer riecht ein Zubrot und verscherbelt den Fund an den nächstbesten Interessenten – 400 US-Dollar zahlt der und mailt einem Geschäftspartner, er habe, was dieser suche und biete es für einige Millionen Dollar.

Ryan begleitet den CIA-Chef nach Moskau zu einem informellen Treffen mit dem neuen russischen Präsidenten. Im Westen war der durch markige Sprüche aufgefallen – „Russland zur alten Größe”, „Wir sind immer noch eine Großmacht und müssen entsprechend agieren” und so weiter. Ryan ist der einzige, der diese offizielle Haltung nicht glaubt und in dem neuen Kremlchef einen ernsthaften Partner in Sachen Abrüstung vermutet. Im Rahmen des Besuchs dürfen die Amerikaner sich das Atomforschungslabor der Russen ansehen; Ryan fällt auf, dass drei Wissenschaftler fehlen. „Drei, die das Wissen zum Bau einer Atombombe besitzen”, bemerkt der CIA-Direktor.

Die israelische Bombe ist jetzt in den Händen von einer schwerreichen Gruppe von weltweit agierenden Neo-Nazis. In der Ukraine bauen sie sie in einem geheimen Labor – gemeinsam mit den vermissten russischen Forschern – für ihre Zwecke um.

Kaum wieder in Washington erlebt Ryan seine erste Niederlage auf dem glitschigen Parkett der Regierungsbehörden: Während er den Verteidigungsminister, den Außenminister und den Präsidenten von der Friedfertigkeit des russischen Präsidenten zu überzeugen sucht, bombardiert der die tschetschenische Hauptstadt Grosny, um dem dortigen Terror gegen Russland Einhalt zu gebieten. Ryan verliert seine gerade gewonnene Glaubwürdigkeit.

In einem Fahrstuhl im Kreml verlangt der russische Präsident von seinem Berater gleichzeitig Informationen, wer hinter dem Bombardement stecke. Offenbar haben sich einige Miltärs selbständig gemacht.

Und während die diplomatischen Drähte zwischen Moskau und Washington glühen, um den beendeten Kalten Krieg nicht wieder heiß werden zu lassen, verfrachten Gewährseute der Neo-Nazis die frisch gebaute Atombombe in das Football-Stadion von Baltimore, in dem der US-Präsident und seine Leute sich gerade ein Spiel ansehen.

Ryan war unterdessen mit Top-Agent John Clark in der Ukraine und hat dort Zusammenhänge aufgedeckt zwischen russischen Bomben auf Grosny, verschwundenen Atomwissenschaftlern und einem atomaren Sprengkopf. Leider kann er seinen Chef nicht erreichen, denn der sitzt im vollbesetzten Stadion von Baltimore und das Klingeln seines Handys geht im Lärm der Fangesänge unter.

Und im Parkdeck tickt – versteckt – eine Atombombe

Was zu sagen wäre

Neben „Clear and Present Danger“ (Der Schattenkrieg) ist The sum of all fears Tom Clancys spannenster Roman. Phil Alden Robinson (Sneakers – Die Lautlosen – 1992; Feld der Träume – 1989) hat aus dem gelungenen Drehbuch von Paul Attanasio einen adäquaten Film gemacht. Natürlich bleibt der lange Weg der Bombe aus den Golanhöhen ins Stadion, der dem Buch seine atemberaubend dichte Spannung gibt, im Film auf der Strecke. Auch bleibt nach dem 11. September 2001 ein fahler Geschmack von „Ist das wirklich so einfach, eine A-Bombe in die Vereinigten Staaten zu schmuggeln?”. Andererseits ist nach dem 11. September und seinen offensichtlich – aus Laien-Sicht – hanebüchenen Pannen im Vorfeld des Anschlags sowas schon wieder glaubwürdig. Die andere Frage, die sich dem mitteleuropäischen Raucher stellt: „Gibt es eigentlich Zigarettenautomaten in den USA?”

Der Film „The Sum of all Fears” weicht in mehreren Punkten von seiner Vorlage ab: Jack Ryan ist wieder jung und Anfänger bei der CIA; er ist noch nicht verheiratet und hat also auch keine Kinder. Wer also die Clancy-Romane nur in deren verfilmter Form kennt und dort erst Alec Baldwin (Jagd auf Roter Oktober – 1990) und dann Harrison Ford (Stunde der Patrioten – 1992; Das Kartell – 1994) in der Rolle des Jack Ryan erlebt hat, der mag sich über diese Diskontinuität wundern. Mittlerweile ist aber Hollywood-Beau Ben Affleck (Spurwechsel – 2002; Pearl Harbor – 2001; „Bounce – Eine Chance für die Liebe” – 2000; Wild Christmas – 2000; „Dogma” – 1999; Shakespeare in Love – 1998; Armageddon – 1998; Good Will Hunting – 1997) als Jack Ryan unterwegs und dessen Zielgruppe, so mögen Marketing-Leute herausgefunden haben, scheint einen verheirateten Affleck nicht ertragen zu wollen. Das ist ein Doppelfehler: Erstens ist Affleck als Ryan eine Null; schon Harrison Ford war nach Alec Baldwin die schlechtere Besetzung, aber Affleck fehlt das Charisma des CIA-Bürohengstes völlig. Zweitens wird Jack Ryan am Ende des Folgeromans „Ehrenschuld” – sollte der je verfilmt werden – Präsident der Vereinigten Staaten (nachdem ein japanischer Pilot eine zivile Boeing 747 ins vollbesetzte Capitol von Washington gejagt hat!!!!!). Affleck als kommender US-Präsident. Au weia!

Die Wandlung Ryans zurück zum Greenhorn machte aber die Dramaturgie einfacher: Autor Paul Attanasio hat offenbar John McTiernans Jagd auf Roter Oktober studiert und einfach die langsame Heldwerdung Ryans studiert: Erst glaubt ihm keiner, dann bekommt er seine Chance und rettet schießlich die Welt. Auch Clancys chronische Humorlosigkeit ignoriert der Film. So gibt es zahlreiche Szenen, die offen auf den Lacher im Kinosaal abgelegt sind und sogar funktionieren. Eine Entdeckung ist Liev Schreiber (der vermeintliche Killer aus Scream) in der Rolle einer weiteren zentralen Figur aus den Clancy-Romanen, John Clark. Mag Willem Dafoe als Clark in Das Kartell auch mehr Kontur gehabt haben, Schreiber besitzt Statur und strahlt die Clark-eigene Kaltblütigkeit aus.

Unmittelbar nach der Pressevorführung in München waren von den anwesenden Journalisten die üblichen Verrisse zu hören – „reaktionär“, „nationalistisch“, „an den Haaren herbei gezogen“, „Clancy ist ein verblendeter Militarist“ und der üblichen gleichen mehr. Ich bin naiv-neugieriger Zeitungsleser, der nichts dagegen hat, wenn Hollywood seine Stars-and-Stripes stolz flattern lässt und Filme liefert, die „so amerikanisch” sind (sollen die französisch sein?) und der trotz solcher Filme in der Lage ist, Realität und Fiktion auseinander zu halten. Der Film hat Schwächen in Ben Affleck und in einigen zu laschen Umgehungen der Realität, aber er ist unterhaltsam, also voll kinotauglich.

Wertung: 4 von 6 €uro