Kinoplakat: Departed – Unter Feinden

Scorsese reanimiert einen Hongkong-Thriller
und bleibt aber den Grund dafür schuldig

Titel Departed – Unter Feinden
(The Departed)
Drehbuch William Monahan
nach dem Script zu dem Thriller „Mou gaan dou / Infernal Affairs“ von Alan Mak + Felix Chong
Regie Martin Scorsese, USA, Hongkong 2006
Darsteller Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg, Martin Sheen, Ray Winstone, Vera Farmiga, Anthony Anderson, Alec Baldwin, Kevin Corrigan, James Badge Dale, David O'Hara, Mark Rolston, Robert Wahlberg, Kristen Dalton u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 151 Minuten
Deutschlandstart
7. Dezember 2006
Inhalt

Boston, Massachusetts. Vor Jahren gelang es dem Boss der irischen Mafia, Frank Costello, mit dem jungen Colin Sullivan ein Bandenmitglied in die Massachusetts State Police als Maulwurf einzuschleusen. Etwa zur gleichen Zeit wird der Polizeikadett Billy Costigan von Captain Queenan, dem Leiter der Undercover-Abteilung, und seinem Assistenten Dignam mit einem heiklen Auftrag betraut: Aufgrund seines Familienhintergrunds glauben sie, dass Billy gute Chancen hat, Costellos Organisation unbemerkt zu infiltrieren, wozu Costigan jedoch zunächst einmal ins Gefängnis muss. Nur die beiden Polizeibeamten werden Billys wahre Identität als Undercover-Polizist kennen – denn sie vermuten, dass ihre Abteilung längst selbst unterwandert wurde.

Einige Zeit später ist Colin Sullivan ein respektierter Polizist in der Special Investigation Unit (SIU) und informiert Costello über jede Bewegung der Einheit. Umgekehrt hat Costigan sich inzwischen eine Vertrauensstellung bei Costello erarbeitet, wenngleich er auch unter dem Stress seiner Tätigkeit schwer zu leiden hat.

Auch allgemein droht alles aus den Fugen zu geraten, da sich sowohl in der SIU als auch unter Costellos Mobstern die Erkenntnis verdichtet, dass sich ein Spitzel unter den eigenen Männern befindet. Ausgerechnet die beiden Unterwanderer werden nun jeweils damit beauftragt, den Maulwurf – also sich selbst – zu entlarven.

Costello gibt Sullivan außerdem die Anweisung, den Undercover-Polizisten in seiner Organisation zu enttarnen …

Was zu sagen wäre

Martin Scorsese kehrt ins Milieu der Mafia zurück, lässt aber Little Italy, sein gewohntes Habitat diesmal außen vor. Boston statt New York, Iren statt Italiener. Anders geht es aber auch in der Hauptstadt Massachussetts nicht zu. Scorsese führt uns eine Welt vor Augen, in der niemand niemandem trauen kann. Eine kalte Welt voll Verrat, Brutalität und Schüssen in den Kopf. „Wenn Du hier aufwächst“, sagt Costello dem jungen Colin, als er ihn unter seine Fittiche nimmt, „wirst Du entweder Krimineller oder Cop. Wenn man Dir aber eine Knarre an Kopf hält, was macht das dann für einen Unterschied?“

Nach einer knappen Einleitung – bis Scorsese seine Figuren auf dem Schachbrett verteilt hat, vergehen etwa 20 Filmminuten – wird es ungemütlich; und es bleibt ungemütlich bis zum Schluss. Da zeigt sich Scorseses Meisterschaft. Er kann Kino. Er braucht keine exaltierten Gewaltausbrüche, für die er durchaus auch bekannt ist, um den Zuschauer in den Sitz zu drücken. Das Drehbuch von William Monahan (Königreich der Himmel – 2005) ist glasklar geschrieben, die Dialoge sitzen, Michael Ballhaus‘ Kamera ist dynamisch wie eh und je, so kann sich Scorsese entfalten und eine ganze Riege Class-A-Schauspieler dirigieren. Vorne dran Jack Nicholson („About Schmidt“ – 2002; Das Versprechen – 2001; Besser geht's nicht – 1997; Mars Attacks! – 1996; Eine Frage der Ehre – 1992; Batman – 1989; „Shining“ – 1980; „Einer flog über das Kuckucksnest“ – 1975; „Chinatown“ – 1974; Easy Rider – 1969; Psych-Out – 1968; Der Rabe – Duell der Zauberer – 1963), der natürlich sehr JackNicolsonesk spielt, aber seine stete Unberechenbarkeit helfen Scorsese für seine Zwecke sehr.

Nicholson soll am Set nach Herzenslust improvisiert haben, was manche seine Partner am Set an den Rand der Verzweifliung getrieben haben soll. Leonardo DiCaprio soll eine Weile gebraucht haben, bis er sich darauf eingestellt hatte. Er schlägt sich wacker, ist aber gleich eine Nummer vielfältiger, wenn Nicholson nicht in der Szene ist. Seine Szenen mit Martin Sheen, der einzigen warmherzigen, geradezu väterlichen Figur, gehen mir nahe, weil DiCaprio hier einfach spielen und seine Erfahrung ausspielen kann (Catch Me If You Can – 2002; Gangs of New York – 2002; The Beach – 2000; Celebrity – Schön, reich, berühmt – 1998; Der Mann in der eisernen Maske – 1998; Titanic – 1997; (William Shakespeares) Romeo & Julia – 1996; Gilbert Grape – 1993).

Matt Damon als Undercover-Mafioso nimmt seine in den Bourne-Filmen antrainierte Körperlichkeit sehr zurück und spielt wunderbar ausgeglichen einen vorgeblichen Bieder-Cop mit dehnbarer Loyalität. Sein Spiel mag nicht sehr variabel erscheinen, aber in seinen Rollen ist er eine feste bank für jeden seiner Regisseure (Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind – 2002; Ocean's Eleven – 2001; All die schönen Pferde – 2000; Forrester – Gefunden! – 2000; Die Legende von Bagger Vance – 2000; Der talentierte Mr. Ripley – 1999; Dogma – 1999; Der Soldat James Ryan – 1998; Good Will Hunting – 1997; „Der Regenmacher“ – 1997; Chasing Amy – 1997). Zwischen den Männern steht Vera Farmiga als Psychologin, bei der man nie so recht weiß, ob sie warmherzig oder nicht dch eher berechenbar und leidenschaftlich kühl ist! Unauffällig in einer kleinen Rolle als Konflikt-Treibsatz im Polizeipräsidium glänzt Mark Wahlberg (The Italian Job – Jagd auf Millionen – 2003; Planet der Affen – 2001; Der Sturm – 2000; The Yards – 2000; Three Kings – Es ist schön König zu sein – 1999; Corruptor – 1999; Boogie Nights – 1997).

Scorseses Verrat-und-Doppel-Verrat-Story macht den Zuschauer bisweilen etwas dizzy. Selbst im Kinosessel ist nicht immer gleich klar, wer hier gerade mit wem spricht – Verräter oder Informant, Verratener oder Verräter, das macht den Film noch düsterer. Ein Film ohne positive Bezugsperson macht es dem Zuschauer schwierig, sich zu entscheiden; eigenltlich wäre Leonardo DiCaprio dieses Bezugsperson, aber um den habe ich die ganze Zeit gar keine Angst – eher um Matt Damon, perfiderweise.

Martin Scorsese greift auf historisch verbürgte Figuren aus dem Bostoner Milieu zurück, die er aber dann sehr freizügig für seine Zwecke umbaut. Das Gerüst seiner Story hat er sich aus dem jüngeren Hongkong-Kino gehol – Infernal Affairs von 2002. Dessen offenes Ende hat Scorsese allerdings in „The Departed“ allerdings abgeschwächt und einer endgültigen Lösung zugeführt. Das kratzt prompt am Lack seines Films, weil ich den Eindruck gewinne, Scorses wolle seinen zweieinhalbstündigen Thriller jetzt halt rasch zu Ende bringen. Da bleiben plötzlich die kunstvoll gewobenen Fäden lose hängen, es übernimmt grimme Wut das Tempo und der Zuschauer denkt „Ja, aber …“.

Vieles ist da, was Scorsese ausmacht („Aviator“ – 2004; Gangs of New York – 2002; Bringing Out the Dead - Nächte der Erinnerung – 1999; Casino – 1995; „Zeit der Unschuld“ – 1993; Kap der Angst – 1991; GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia – 1990; „Die letzte Versuchung Christi“ – 1988; Die Farbe des Geldes – 1986; „New York, New York“ – 1977; „Taxi Driver“ – 1976): Bestleistungen einer exquisiten Darstellerriege, eine sehr bewegliche Kamera und eine Geschichte, die an regnerischen Tagen geeignet ist, schwerblütige Zuschauer in die Depression zu treiben – die Welt bei Scorsese ist wie sie ist: schlecht mit Spuren von Grau.

Wertung: 4 von 7 €uro