Kinoplakat: Easy Rider
Das Kino nimmt sich
neue Freiheiten
Titel Easy Rider
(Easy Rider)
Drehbuch Peter Fonda + Dennis Hopper + Terry Southern
Regie Dennis Hopper, USA 1969
Darsteller
Peter Fonda, Dennis Hopper, Jack Nicholson, Antonio Mendoza, Phil Spector, Mac Mashourian, Warren Finnerty, Tita Colorado, Luke Askew, Luana Anders, Sabrina Scharf, Sandy Brown Wyeth, Robert Walker Jr., Robert Ball, Carmen Phillips, Ellie Wood Walker u.a.
Genre Road Movie, Abenteuer, Drama
Filmlänge 95 Minuten
Deutschlandstart
19. Dezember 1969
Inhalt
Der Kokain-Deal ist sauber gelaufen. Rüber über die Grenze nach Mexiko, Stoff prüfen, alles in Ordnung. In den Batterien ihrer Bikes haben sie das Koks über die Grenze zurück in die USA gebracht, da an ihren Verbindungsmann übergeben und das vereinbarte Geld kassiert. Alles easy.

Jetzt sind sie frei. Wyatt und Billy haben das Geld, das sie brauchen, um ihren Traum zu verwirklichen. Sie rollen die Dollarnoten zusammen, stopfen sie in einen Schlauch, den sie im Tank ihres Choppers drapieren und fahren los – zwei Männer, zwei Harley-Davidson-Motorräder – ihr Ziel: der Mardi-Gras in New Orleans. Aber sie haben Zeit.

Wyatt nimmt einen Hippie mit, der am Straßenrand den Daumen raus hielt.  Billy sorgt sich kurz, ob der Fremde nicht beim Tanken das geld entdecken könnte, aber – alles easy – der Hitchhiker bezahlt sogar die Tankfüllung, außerdem bringt er sie in eine ippie-Kommune inklusive idyllischem Bad in heißen Quellen.

Eilig haben sie es nicht, aber Billy fühlt sich bei den Hippies nicht so recht heimisch, also ziehen sie weiter und am Horizont wartet ja Mardi Gras. Unterwegs treffen sie auf eine Parade, der sie hinterherfahren. Sie kommen weter in den Süden, prompt werden die schnoddrigen Biker von der Polizei wegen „unerlaubter Teilnahme an einer Parade“ verhaftet.

Im Gefängnis schläft der junge Anwalt George Hanson seinen Rausch aus. Das macht er eigentlich jede Nacht. Hanson trinkt gerne Whisky. Dank seiner Beziehungen kann der Anwalt sie aus dem Gefängnis herausholen, woraufhin sie ihn mitnehmen.

Auf der Weiterfahrt erreichen die drei einen ländlichen Ort in Louisiana, in dem sie in einem Restaurant essen wollen. Dabei flirten die örtlichen Mädchen mit dem Trio. Doch die männlichen Bewohner und selbst der Sheriff diffamieren die drei, deuten an, dass die Biker die Gemeindegrenze nicht lebend erreichen werden …

Was zu sagen wäre

Was das große Ziel der beiden Biker Wyatt und Billy ist, für das sie viel Geld im Tank des mit Stars & Stripes lackierten Choppers verstecken, bleibt bis zuletzt offen. Es wirkt ohnehin, als lebten die beiden Jungs bereits ihren Traum. Als sie ein Farmer zum Essen einlädt, bei dem sie ihren Reifen geflickt haben, während der Farmer seinem Pferd neue Eisen an die Hufen schlug, zollt Wyatt dem Farmer seinen Respekt, der habe sein eigenes Land und könne nach eigenem Zeitplan sein eigenes Zeug pflanzen und ernten. Wyatt und Phil wirken nicht wie Farmer, ihr Traum, der mit dem Geld im Tank verwirklicht werden soll, bleibt offen.

Es bleibt vieles offen in diesem Film und das stört gar nicht. Nach dem Kokain-Deal cruisen sie über die Landstraßen der Painted Desserts, durchs Monument Valley, sie genießen den Fahrtwind und lassen sich treiben; lernen Menschen kennen und kiffen. Dass sie Wyatt und Phil heißen, erfahren wir irgendwann mitten im Film, eher zufällig. Alles an diesem Film ist zufällig, er wirkt wie ein großes, impressionistisches Werk über den neuen American Way of Life. Let‘s ride across the country like the Cowboys did.

Nicht Tellerwäscher und Millionär sind hier die beiden Extreme, sondern schlicht, die Freiheit zu leben in diesem unermesslich großen Land. Aber es wird den beiden Jungs und dem Anwalt auf dem Sozius nicht gelingen. Zum amerikanischen Traum gehört hier auch der Albtraum der Intoleranz. Die Freiheit endet, wo sie einen anderen stört. Und manchmal stört einen Mann mit Gewehr nur, dass sein Gegenüber lange Haare und einen Chopper hat.

Das war mal ein herrliches Land“, klagt Anwalt Hanson, nachdem sie in dem Diner in Louisiana diffamiert worden sind und rätselt, was nur passiert ist. „Alle haben sie Schiss“, sagt Billy und erzählt, dass sie mit ihren Bikes sogar in zweitklassigen Motels kein Zimmer bekommen. „Die denken, wir schneiden ihnen die Kehle durch. Sie haben Angst vor uns.“ „Oh, die haben keine Angst vor Dir“, sagt darauf der Anwalt, dem Jack Nicholson (Psych-Out – 1968; Der Rabe – Duell der Zauberer – 1963) eine versoffen-pragmatische Aura leiht, der ich nicht mehr entkomme. „Sie haben Angst vor dem, was Du für sie repräsentierst: Freiheit!“ Darüber zu reden und es tatsächlich zu sein, sei eben nicht dasselbe. „Es ist schwer, frei zu sein, wenn man verladen und verkauft wird, wie eine Ware. Aber wehe, Du sagst jemandem, er sei nicht frei, dann wird er Dich sofort töten oder zum Krüppel schlagen, zum Beweis, dass er frei ist.“ Diese Szene wirkt so, als sei sie die einzige in dem ganzen Film, die tatsächlich so geplant war, dies ist – und da ist der Film über eine Stunde alt – der erste wichtige, inhaltliche, richtungsweisende Dialog in diesem cineastischen Impressionismus, der ansonsten von seinem Soundtrack voran getrieben wird. Auch das ist neu: Statt eines speziell für den Film komponierten Soundtrack nutzt Hopper zeitgenössische Rocksongs zur Untermalung. Und auch dies entstand aus der Improvisation.

Geplant war eigentlich, dass Crosby, Stills & Nash den Score liefern und die Rocksongs, Peter Fondas damaligen Lieblingssongs, nur in der Rohfassung auftauchen sollten – es stellte sich heraus, dass die Wirkunng der Songs dem Film einen eigenen Drive geben, der eine nachträgliche Vertonung als überflüssig erscheinen ließ.

Und dann endet der Traum auch sehr plötzlich.

An diesem Film ist nichts perfekt. Das Team kämpfte mit improvisierten Drehbüchern, Improvisationen vor der Kamera – legendär ist Jack Nicholsons Marihuana-Albernheiten vor laufender Kamera beim Lagerfeuer – es kämpfte mit Dennis Hoppers Verfolgungswahn und der fehlenden Struktur des Films. Nichts ist perfekt. Aber alles stimmt. Der Film ist nie langweilig, er ist nie unglaubwürdig, er ist nur eben kein klassischer Drogenkrimi oder Gangsterthriller oder Bikerfilm. Er ist ein Aufschrei gegen die gewachsenen Strukturen, ein Schwerthieb gegen das Film– wie gegen das gesellschaftliche Establishment. Er ist – endlich mal – was Neues. Und das macht diesen Film in seiner ganzen schnoddrigen Unperfektheit zu einem großen, zeitgenössischen Kunstwerk.

Wertung: 8 von 8 D-Mark