Plakatmotiv: Marty (1955)
Hollywood feiert die Inneren
Werte und Ernest Borgnine
Titel Marty
(Marty)
Drehbuch Paddy Chayefsky
Regie Delbert Mann, USA 1955
Darsteller
Ernest Borgnine, Betsy Blair, Esther Minciotti, Augusta Ciolli, Joe Mantell, Karen Steele, Jerry Paris, Marty Piletti, James Bell, Joe Bell, John Beradino, Nick Brkich, Marvin Bryan, Charles Cane, Paddy Chayefsky, John Dennis, Steven Hecht, Paul Hoffman, Walter Kelley u.a.
Genre Drama
Filmlänge 90 Minuten
Deutschlandstart
2. September 1955
Inhalt

Marty Piletti, ein einsamer Schlachtermeister aus der Bronx, ist ein sympathischer Mann von 34 Jahren. Und er hat immer noch keine Frau gefunden. Mit seiner Einfachheit hat er einen schweren Stand bei den Frauen. Er ist überzeugt, dass, was immer es sein mag, was die Frasuen an Männern mögen, er es bestimmt nicht hat. Seine Abende verbringt er mittlerweile am liebsten vor dem Fernseher.

Plakatmotiv: Marty (1955)Als ihn seine Mutter drängt, sich endlich eine Frau zu suchen, lernt er in einem Tanzlokal die Lehrerin Clara kennen, die am selben Abend von ihrer Verabredung verstoßen wurde. Die beiden kommen sich näher und verbringen die nächsten Stunden gemeinsam. Marty stellt Clara auch seiner Mutter vor, die sich zunächst erfreut zeigt.

Martys Freunde aber reagieren mit Spott und bezeichnen Clara als hässlich und zu alt. Auch Theresa ist – beeinflusst durch ihre Schwester – auf einmal gegen die Bekanntschaft ihres Sohnes, da sie befürchtet, ihn dadurch an die andere Frau zu verlieren …

Was zu sagen wäre

Die Liebe ist ein schwierig Ding. egeal wo. Egal, zu welcher Zeit. Egal, bei wem. „Marty“ ist ein e der großen Romanzen der Filmgeschichte, angesiedelt in so etwas wie der US-Version des europäischen Neo-Realismus. Eine Romanze im Stil des film noir. Das coole Paar lässt die Herzen sprechen, während um das liebende Paar herum alle damit beschäftigt sind, Kapital aus der Liebe zu ziehen und Kapital zu schützen vor der Liebe. Und diese Liebe kommt bei Delbert Mann und Paddy Chayefsky nicht als romantisch‘ Wölklein daher, wer liebt, stellt über sich selbst ganz rational fest, dass er „aber ganz schön plappert“ und damit weiß, dass er wohl sehr verliebt ist – „Wenn ich sonst mit einem Mädel ausgehe, bekomme ich kein Wort raus.“ „Wenn man sich liebt, ist es völlig egal, ob jemand hässlich ist“, sagt Marty, der korpulente Metzger, der wenige Szenen zuvor seiner Mutter seine ganze Verzweiflung ins Gesicht gebrüllt hat. Die Mädchen geben ihm einen Korb, geben ihm zu verstehen, dass er, der Metzger, der Dicke, für sie kein Treffer ist.

Diese Szenen sind für sich schon anrührend, aber Ernest Borgnine macht daraus ein Fest der Schauspielkunst – kein Wunder, dass er dafür mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Seine stumme Verzweiflung, seine unbekümmerte Fröhlichkeit füllen die Leinwand und greifen direkt nach dem Herz des Zuschauers. Das Time-Magazine erinnerte seine Darstellung an den Hamlet unter den Metzgern. Ihm zur Seite spielt Betsy Blair die aufrechte Lehrerin, die anständig darauf wartet, dass ein Mann sie erwählt – „Ich könnte gar nicht Auto fahren. Ich hätte dauernd Angst, jemanden zu überfahren.“ – und „Angst vor dem Allein sein“ hat. Sie personifiziert jene Art unauffälliger Schönheit, in die man sich erst auf den zweiten Blick verliebt. Ihr gehört der magic moment dieses Films; wenn der Sonntag gekommen und gegangen ist und Marty die Lehrerin, anders als versprochen, nicht angerufen hat, sitzt diese zwischen ihren alternden Eltern auf dem Sofa, in einsame Tränen aufgelöst, und schaut eine Unterhaltungsshow im Fernsehen.

Plakatmotiv: Marty (1955)

Der Film feiert diese inneren Werte. Auch Ernest Borgnine ist ja nicht die klassische Schönheit, bekannt geworden eher durch seine Rollen als rüpelhafter Schläger oder breit grinsender Draufgänger („Stadt in Angst“ – 1955; „Vera Cruz“ – 1954; „Verdammt in alle Ewigkeit“ – 1953). Hier spielt er den schwer verliebten, netten, etwas stolprigen Romantiker. Das bemerkenswerte an diesem Film aus dem Jahr 1955 ist das Milieu, das er schildert – das ebenso erst auf den zweiten Blick heimelig wirkt, wie seine Protagonisten schön sind.

Da sind die Kunden des Metzgers, die die falschen, weil aufdringlichen Fragen nach Martys Beziehungsleben stellen, da sind verbitterte Schwiegermütter, die ihre Söhne nicht ziehen lassen können, da sind die Menschen in der Bar, die alle auf irgendjemanden, über irgend etwas schimpfen. Alle schimpfen über alle, aber alle suchen eben jenes „Glück“, über das sie sich ausgiebig lustig machen. Die Mutter hat Angst, von ihrem Sohn, einmal verheiratet, aus dem Haus gedrängt zu werden, seine Freunde reden über Frauen als lästige Fetteln, die hier und da notwendig sind zum „Zeitvertreib“ und Martys Schwager Tommy ist ein Maulheld, der seine Frau für seine Unentschiedenheit verantwortlich macht.

Die Männer in diesem Film sind alle keine strahlenden Exemplare. Während die älteren Frauen, die Mütter, überfürsorgliche Giftspritzen sind, deren Witwendasein sie mehr kränkt als beflügelt, sind die jüngeren Frauen die eigentlichen Strippenzieher; sie warten ruhig – wenn auch nicht ohne Tränen – ab, bis sie ihr Ziel erreichen.

Delbert Mann erzählt eine anrührende Geschichte über betont einfache Menschen; ein aufrichtiges Bild der kleinen Leute in Amerika, romantisch verklärt und mit ordentlich Sentiment aufgehübscht – wie sich das für einen Hollywoodfilm geziemt. Auch Mann erhielt den Oscar. Er war der erste Regisseur, der gleich für sein Debüt mit dem Regie-Oscar ausgezeichnet wurde. „Marty“ ist bis heute der einzige Film, der gleichzeitig die Goldene Palme von Cannes gewinnen konnte.

Wertung: 6 von 7 D-Mark