Kinoplakat: Das Schmuckstück
Charmant. Naiv.
Und sehr 70ies
Titel Das Schmuckstück
(Potiche)
Drehbuch François Ozon
nach dem Stück Potiche von Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy
Regie François Ozon, Frankreich 2010
Darsteller Catherine Deneuve, Gérard Depardieu, Fabrice Luchini, Karin Viard, Judith Godrèche, Jérémie Renier, Sergi López, Évelyne Dandry, Bruno Lochet, Elodie Frégé, Gautier About, Jean-Baptiste Shelmerdine, Noam Charlier, Martin De Myttenaere, Yannick Schmitz, Christine Desodt, Jean-Louis Leclercq, Alexandre Chaidron, Anne Carpriau, Nathalie Laroche, John Flanders u.a.
Genre Komödie, Action
Filmlänge 103 Minuten
Deutschlandstart
24. März 2011
Website potichemovie.com
Inhalt

Eine kleine Stadt irgendwo in Frankreich, wir schreiben das Jahr 1977. Suzanne Pujol ist Gattin eines erfolgreichen Regenschirmfabrikanten, Hausfrau, Mutter und Dichterin.

Und Suzanne Pujol ist nicht ausgelastet. Ihre Hausarbeit besteht darin, dass sie die Haushälterin kontrolliert und korrigiert. Ihre Dichtkunst erschöpft sich in Kurzgedichten, hingekritzelt in ihr allgegenwärtiges Notizbuch. Ihre Mutterschaft … naja, die Kinder sind erwachsen: Laurent ist ein Träumer, der sein Leben in der Kunst vermutet und seit ewigen Zeiten Politik studiert und Joëlle ist unglücklich mit einem ständig geschäftsreisenden Ehemann und verrät der Mutter: „Ich will auf keinen Fall so werden, wie Du … ein Schmuckstück.”

Schmuckstück trifft die Situation gut. Die Regenschirmfabrik, die ihr Göttergatte so erfolgreich leitet, hat ihr Vater gegründet und jetzt verbietet ihr ihr Gatte das Denken: „Du hast eine Meinung? Ich möchte nur, dass Du meine Meinung teilst. Alles andere ist sinnloses Gequatsche und Energieverschwendung. Also sei so lieb und begnüge Dich mit Deinen kleinen Gedichtchen.” Suzanne bleiben einsame Runden in rotem Trainingsanzug und Lockenwicklern im Haar durch den zum Grundstück gehörenden Wald. „Nenn mir mal eine Frau, die nach 30 Jahren Ehe so verwöhnt wird, wie Du!”, sagt der Ehemann, der ab und an seine Sekretärin Nadège besteigt. Aber ein so ganz unbeschriebenes Blatt ist Suzanne auch nicht.

Als die Arbeiter der Fabrik mehr Geld fordern und anfangen zu streiken, sucht Suzanne den kommunistischen Bürgermeister Maurice Babin auf. Sie hatten einst eine Affäre und nun soll er ihr dabei helfen, den Streik zu beenden. Als Babin Robert damit konfrontiert, sich auf Firmenkosten einen teuren Wagen und andere Luxusgüter geleistet zu haben, erleidet Robert eine Herzattacke. Babin überredet daraufhin Suzanne, die Leitung der Fabrik zu übernehmen und mit den Arbeitern zu verhandeln.

Durch ihre diplomatische und freundliche Art gelingt es Suzanne, die Arbeiter zu beruhigen und die Produktion wieder in Gang zu bringen. Insbesondere der sonst eher passive Laurent unterstützt seine Mutter nach Leibeskräften. Inspiriert von seinem Lieblingskünstler Wassily Kandinsky entwirft er neue Muster für die Regenschirme. Mit seinen Ideen und Suzannes respektvollem, jedoch effizienten Führungsstil macht das Unternehmen mehr Gewinn denn je …

Was zu sagen wäre

Kinoplakat (Fr.): PoticheDer Vorspann sieht aus, wie in einer französischen Bourvil-Komödie aus den 70er Jahren. Ich bin also gleich drin in der richtgen Zeit, denn die Geschichte spielt in einem fiktiven Städtchen im Frankreich des Jahres 1977. Das ist das wunderbar Nostalgische an diesem Film von Francois Ozon (8 Frauen - 2002): der perfekt eingefangene Zeitkolorit jener Zeit, der heute etwas ranzig wirkende Renault R16 hat seinen Auftritt und man glaubt, gleich steige Jean Gabin aus dem Wagen. Klamotten, Verhalten der Figuren, selbst das Filmmaterial wirkt künstlich gealtert und farbstichig.

Große Schauspiel-Nummern

Und Catherine Deneuve, die Große („Nachtblende“ – 2010; 8 Frauen – 2002; Dancer in the Dark – 2000; „Indochine“ – 1992; Begierde – 1983; „Wahl der Waffen“ – 1981; „Die letzte Metro“ – 1980; „Belle de Jour“ – 1967; Ekel – 1965), im Trainingsanzug mit Lockenwicklern, ist natürlich ein Hingucker. Ihr entgegen stehen zwei Männer, beide hinreißend: Gérard Depardieu verschleudert selbst als übergewichtiger, fetthaariger Steinzeitsozialist Charme und Esprit und Fabrice Luchini als chauvinistischer Gernegrößer mit halblangem Haar, gestutztem Bart und großer 70er-Jahre-Brille gibt den Inbegriff des arrivierten, arroganten, halbgebildeten Schmierlappens. Große Nummern alle drei!

Leider gilt das Seventies-Flair auch für den Film als solchen, der etwas frivoler sein mag, als jene aus jenen Tagen, aber sich ansonsten auch mit den damaligen Sehgewohnheiten begnügt. Die Geschichte entwicklet sich plätschernd, wie selbstverständlich macht die Industriellen-Gattin aus dem Handgelenk alles richtig, der lebensuntüchtige Sohn erblüht sofort mit seinen Kandinsky-Schirmen, die Tochter emanzipiert sich. Aber es bleibt alles Behauptung. Nichts wird optisch belegt. Da merkt man die Herkunft vom Theaterstück, das auf der Leinwand aber eben kein Theaterstück mehr ist - anders, als auf der Bühne wechseln hier häufig die Schauplätze.

Alles wird behauptet - Wenig belegt

Wie Suzanne das Unternehmen führt, wird erzählt, aber dabei zusehen können wir nur einmal ganz am Anfang. Sie betritt die Firma, erwähnt ihren allseits verehrten Vater, schon sind drei Monate rum und die Firma ist in der Erfolgsspur. Warum? Wodurch? Durch buntere Regenschirme und einen neoliberalen Geschäftsplan, den sie von Herzen ablehnt - geschrieben von Tochter Joëlle. Deren seltsame Ehe besteht optisch aus zwei halbwüchsigen Kindern - der Ehemann existiert nur in Erzählungen und dient offenbar lediglich dazu, den jeweiligen Aggregatzustand der Tochter zu erklären. Am Ende tritt sie aber für ihn, von dem sie sich eben noch hat scheiden lassen wollen, gerne und schwanger zurück ins Glied, um ihm den Vortritt im Beruf zu lassen.

Als Ehemann Robert seine Suzanne dann in der eigenen Firma ausbootet, da braucht es auch nicht allzu lang, da startet sie eine Karriere als Politikerin und wieder läuft alles rund und ohne Komplikationen - eine französische Geschichte über die Befreiung der Frau, die hier eine Befreiung der Großen Catherine ist und ohne nennenswerte Hindernisse dem Abspann entgegen gleitet. Aber weil die zum Schluss auch noch singt, nehme ich das alles nicht so ernst und nicht so übel.

Charmant. Oberflächlich. Eine naive Finesse, wie man sie in den 70ern drehte.

Wertung: 3 von 6 €uro