Kinoplakat: Das brandneue Testament
Schrulliges wie liebenswertes
Respektlos-Kino aus Belgien
Titel Das brandneue Testament
(Le tout nouveau testament)
Drehbuch Thomas Gunzig + Jaco Van Dormael
Regie Jaco Van Dormael, Belgien, Frankreich, Luxemburg 2015
Darsteller Pili Groyne, Benoît Poelvoorde, Catherine Deneuve, François Damiens, Yolande Moreau, Laura Verlinden, Serge Larivière, Didier De Neck, Marco Lorenzini, Romain Gelin, Anna Tenta, Johan Heldenbergh, David Murgia, Gaspard Pauwels, Bilal Aya u.a.
Genre Komödie, Fantasy
Filmlänge 113 Minuten
Deutschlandstart
3. Dezember 2015
Website dasbrandneuetestament-derfilm.de
Inhalt

Gott existiert und lebt mit seiner Frau und seiner zehnjährigen Tochter Éa in einer Hochhauswohnung in Brüssel. Er ist ein cholerischer und sadistischer Gott, der seine Familie tyrannisiert und seinen verstorbenen Sohn Jesus für ein Weichei hält. Er hat eine Freude daran, den Menschen das Leben mit absurden Geboten zu erschweren (Warum fällt der Toast immer auf die Marmeladenseite, und weshalb erwischt man im Supermarkt grundsätzlich die langsamste Schlange an der Kasse? Als wäre das nicht schon schlimm genug, lässt er immer wieder Dampf ab, indem er Naturkatastrophen oder Kriege arrangiert.), und manipuliert ihr Schicksal über ein Computerprogramm. Sein Büro, in dem sein PC steht, ist für die Familie absolut tabu. Als sich seine Tochter dennoch einmal hineinschleicht, verprügelt er sie fürchterlich.

Daraufhin beschließt Éa, gegen ihren Vater aufzubegehren. Sie schickt jedem Erdenbürger eine Nachricht mit seinem persönlichen Sterbedatum; anschließend lässt sie den Rechner abstürzen. Bei ihrem Bruder, der als kleine Figur auf dem Küchenschrank steht, holt sie sich Rat: Sie soll vor dem Vater fliehen und draußen sechs weitere Apostel finden. Dazu kriecht sie in die Trommel der Waschmaschine und einen anschließenden Geheimgang, der in die Freiheit führt. Sie war noch nie außerhalb der elterlichen Wohnung und findet Hilfe bei einem Stadtstreicher, der für sie das „Brandneue Testament“ – also ihr Handeln und Tun – aufschreiben soll.

Durch die Bekanntgabe jedes einzelnen Sterbedatums verändern sich die Menschen. Viele erfüllen sich ihre sehnlichsten Wünsche, kriegerische Auseinandersetzungen werden weltweit eingestellt. Die Menschen haben keine Angst mehr. So hat Gott mit einem Mal keine Macht mehr über sie. Er ist entsetzt und außer sich vor Wut, denn er kann seinen Computer nicht mehr gebrauchen. Um seine Tochter einzufangen, folgt er ihr durch den Geheimgang, der in einem Waschsalon endet. Doch er findet sich in der Realität nicht zurecht und gerät aufgrund seines herrischen Charakters und seiner rüden Art mit jedermann aneinander. Aber als Gott ist er der Meinung, dass er inmitten des ganzen Chaos auch noch ein gewaltiges Wort mitzureden hat …

Was zu sagen wäre

Ein Fest für alle Religionszweifler, für alle Europazweifler, für alle Menschheitszweifler. Ja, wir alle bekommen hier bestätigt, was wir immer schon ahnten: Die Welt, ihre Menschen und Regeln sind in ihrer Mehrheit Scheiße und natürlich ist es Gott-gewollt, dass das Marmeladenbrot immer auf die Marmeladenseite fällt – das steht in einem SEINER vielen tausend Gebote, die er über die Jahre erlassen hat! Das wissen wir alles nur deshalb nicht, weil Jesus, dieser Nichtsnutz von einem Sohn nicht SEINE Wahrheiten verbreitet hat, sondern lieber dieses liebe-Deinen-Nächsten-wie-Dich-selbst in die Welt bließ. Es ist ein Film voller skurriler Momente, der seinen Regisseur Jaco Van Dormael als Schüler von Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro outet, die so bahnbrechende Kinowunder wie „Delicatessen“ oder „Die wunderbare Welt der Amélie“ geschaffen haben.

Motiviert ist das alles im Hintergrund von jenem Hohen Wesen, das in den Testamenten noch nie aufgetaucht ist. Wenn Jesus der Sohn Gottes ist, wer ist dann Jesus‘ Mutter? Die fristet ein etwas langweiliges Hausmütterchen-Leben unter der Knute ihres notorisch schlecht gelaunten Göttergatten. Ihre wahre Macht bricht erst durch, als ihre Tochter Éa aus den 12 Aposteln 18 Apostel für jenes titelgebende Brandneue Testament gemacht hat, auf dass die Apostel statt nur der Gott-gewollten Fußballmannschaft jetzt eine von der Göttin favorisierten Baseballmannschaft bilden können. Siehe, die Welt war bunt und schön und Gottes persönliche Hölle ist Usbkistan. Diese Éa, Tochter Gottes, Schwester Jesu, ist ein Phänomen für sich. Das Mädchen muss sich über ihre Augen für den Film qualifiziert haben – ihrem Blick glaubt man sofort, wenn sie sagt, sie sei die Tochter Gottes und könne Deine „persönliche Musik“ im Herzen hören, Deine Bestimmung.

Éa sammelt die sechs Apostel unter überraschendem Personal – der Autor des Testaments ist ein Obdachloser, die Apostel werden ein Killer, ein frustrierter Junge mit Sexphantasien, eine junge Frau, der die Métro den linken Arm genommen hat und eine frustrierte Industriellengattin, die Ihr Heil in der Liebe zu einem Zirkusgorilla findet. Catherine Deneuve gibt dieser Gattin souveräne Statur (Das Schmuckstück – 2010; „Nachtblende“ – 2010; 8 Frauen – 2002; Dancer in the Dark – 2000; „Indochine“ – 1992; Begierde – 1983; „Wahl der Waffen“ – 1981; „Die letzte Metro“ – 1980; „Belle de Jour“ – 1967; Ekel – 1965), die Bettszene wirkt keine Sekunde albern. Benoît Poelvoorde spielt einen göttlich prolligen Gott mit angegammeltem Bademantel und versiffter Unterwäsche. Als er zur Erde herniedergestiegen ist, um seine Tochter zur Ordnung zu rufen, gerät er als erstes in einen Platzregen und als zweites an eine Gruppe Trinker, die ihn gleich mal ins Krankenhaus prügeln – Willkommen auf der Erde, und es wird für diesen gottlosen Gott im Verlauf des Filmes nicht besser. Aber er hat es ja auch nicht verdient – also dieser Gott hier.

Fasst man diesen Film für einen knappen Klappentext zusammen, müsste es heißen: Dieser Film beantwortet die Fragen aller Verzweifelten, wie Gott so etwas zulassen kann! Die Antwort ist einfach: Gott ist schlecht gelaunt und seit Jahrhunderten einfach nur schrecklich gelangweilt. Also ärgert er seine Schöpfungen mit immer neuen schrecklichen Geboten, etwa Wenn Du einen Menschen besonders liebst, wirst Du sicher nicht ihm zusammenkommen. Éa rettet also nicht weniger als eine Welt voller Verzweifelter, in der die Verzweifelten Erlösung finden.

Ein Film mit klarem Handlungsbogen, der durch die einzelnen Geschichten wirkt, die Skurrilitäten machen ihn aus, letztlich nicht das Brandneue Testament; das lässt mich mit dem Film fremdeln. Lustig, einfallsreich, aber am Ende mehr eine Sammlung kurzer Schicksale, die als Summe weniger ist, als diese Einzelschicksale.

Wertung: 4 von 8 €uro