Plakatmotiv: Sadistico (1971)
Eine spannende Story inszeniert und
gespielt vom Anfänger Clint Eastwood
Titel Sadistico
(Play Misty for me)
Drehbuch Jo Heims + Dean Riesner
Regie Clint Eastwood, USA 1971
Darsteller Clint Eastwood, Jessica Walter, Donna Mills, John Larch, Jack Ging, Irene Hervey, James McEachin, Clarice Taylor, Don Siegel, Duke Everts, George Fargo, Mervin W. Frates, Tim Frawley, Otis Kadani, Britt Lind u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 102 Minuten
Deutschlandstart
28. Januar 1972
Inhalt

Dave Garver arbeitet als DJ für einen kleinen Radiosender in der Stadt Carmel-by-the-Sea. Er lernt Evelyn Draper in seiner Stammkneipe kennen, die ihn bewundert, und besucht sie in ihrer Wohnung. Sie offenbart ihm, dass sie jene Anruferin ist, die ihn jede Nacht bittet, den Song „Misty“ zu spielen. Dave und Evelyn verbindet für eine kurze Zeit eine sexuelle Beziehung, die von Dave beendet wird.

Dave wird in der nächsten Zeit immer mehr von Evelyn belästigt. Sie beobachtet Dave heimlich. Außerdem ließ sich Evelyn in einer passenden Situationen Daves Wohnungsschlüssel nachmachen, um somit Zutritt zur Wohnung zu bekommen. Als Evelyn sauer auf Dave ist, verwüstet sie während seiner Abwesenheit seine Wohnung. Daves Haushälterin ertappt sie dabei. Evelyn fügt ihr daraufhin Schnittverletzungen zu. Evelyn wird festgenommen. Nach ihrer Entlassung aus der Haft ruft sie Dave an, um sich für ihr Verhalten bei ihm zu entschuldigen. Außerdem erklärt sie, sie habe eine Therapie erfolgreich abgeschlossen und Arbeit auf Hawaii gefunden.

Während einer Radioshow Daves ruft Evelyn an, um sich erneut den Song „Misty“ zu wünschen. Aufgrund eines von ihr aufgesagten Zitates findet Dave heraus, dass sie unter falschem Namen mit seiner Freundin Tobie Williams in deren Appartement wohnt …

Was zu sagen wäre

Dies ist die Geschichte eines testosteronhaltigen Softies, dem das Herz gebrochen wurde und der deshalb in eine dumme Geschichte rauscht. Nebenher ist er Radio-DJ und sein Arbeitsplatz ist praktisch die Rampe, die ihn ins Unglück stürzt. Aber vielleicht ist „stürzen“ nicht der richtige Ausdruck. Es dauert, bis die Bedrohung gewahr wird, die eigentliche Geschichte dieses Films also beginnt.

Bis dahin erleben wir Clint Eastwood in schmucken Alltagsklamotten im Cabrio den Highway No. 1 entlangfahren, ein bisschen Kalendersprüche ins Radiomikro hauchen, wie er Evelyn kennenlernt, die sich gleich so aufdringlich und sozial auffällig verhält, dass der Mann, der „keine Lust auf Komplikationen mit Frauen“ hat, eigentlich gleich die Tür zwischen sich und ihr zuschlagen sollte. Tut er aber nicht und das Unheil kommt in Bewegung.

Bevor es aber echten Lauf aufnimmt, taucht erst noch die Herzbrecherin wieder auf, seine Ex, eine blonde Hübsche, mit der er, ganz Radiomann, ein sehr langes Beziehungsgespräch führt über seine Libido und ihre Mitbewohnerinnen, während beide in Totalen durchs schöne Camel-by-the-Sea wandeln – welches by-the-Sea heißt, weil es wirklich malerisch an der kalifornischen Westcost liegt – und schließlich in Talking Head-Aufnahmen mündet, die den dramaturgischen Charme einer TV-Serie verbreiten und nur wenig Inhalt. Und wenn sich die beiden Ex's schließlich geeinigt haben, es, wenn überhaupt, langsam wieder angehen zu lassen, kommt Evelyn als zunehmend wahnsinnige Stalkerin daher.

Und dann wird's spannend. Schade, dass Regisseur Eastwood so wenig daraus gemacht hat. Überhaupt ist es erstaunlich, miterleben zu müssen, wie sehr sich das Image Clint Eastwoods entleibt, wenn dieser als Leinwand-Held bekannte Cowboy in Alltagsklamotten den Durchschnittstypen mit unordentlichem Gefühlsleben spielen soll. Ohne seinen Poncho, ohne seine Westernmontur wird aus dem Bigger-than-life-Star, aus der Kunstfigur des Man without Name, ein sehr gut aussehender Schauspieler, der versucht, ein Gefühlsspektrum zwischen Verliebter Gockel, Radioprofi und Terroropfer zu bespielen und schon der Verliebt… scheitert; dar Schauspieler passt in überhöhte Kunstfiguren, für Mr. Average ist es – wenigstens – noch zu früh.

Dabei spielt er im Ansatz eine ähnliche Figur, wie er sie im Jahr zuvor in „Betrogen“ gespielt hat – unter der Regie seines Kumpels Don Siegel, der in ÍSadistico“ den kumpelhaften Barkeeper spielt: In „The Beguiled“ spielt er enen Sehr von sich und seinem Sex überzeugten Kerl, der im Bürgerkrieg von sechs Frauen der Gegenseite in einer Mädchenschule gesundgepflegt wird. Und weil die jungen Frauen ihn, sobald er wieder gesund ist, ausliefern wollen, muss er seinen Eros spielen lassen, um sie davon abzuhalten. Die vorgespielte Romantik beherrscht er besser als die ehrliche oder die One-Night-Stand-Romantik. Unter eigener Regie spielt er seinen Liebhaber somnambul.

Wie gut, dass um ihn herum mehr Leben ist. Jessica Walter als Evelyne schaffte es, das einem diese frau nach wenigen Minuten herzhaft auf die Nerven in ihrer Übergriffigkeit geht, wo der eitle Radio-Gockel noch mit seinen Schwellkörpern kämpft. Jessica Walter ist eine herrliche Durchgeknallte. Auch einen guten eindruck mmacht John Larch als Sergeant McCallum, der dem Schauspieler Eastwood eine große Hilfe ist als Sparringspartner für klassische Männer-Dialoge, in denen immer ein Satz ausreicht. Wenn Eastwood Kerl spielen kann, ist er bei sich, dann ist das Kino wieder in der Fantasie-Welt, aus der wir und Eastwood uns kennen. Donna Mills, die dessen blonde Herzensdame spielt, ist süß, blond, blauäugig und herzlich loyal – also jener Engel, den sich Männer so wünschen, und ganz das Gegenteil der dunkelhaarigen Evelyn. Beide sind das klassische Männer-Yin-Jang – zusammengesetzt ergäben sie die Heilige und Hure, das klassische Vollweib des Kinos.

Für alle Figuren aber gilt, dass sie am Ende sind wie am Anfang, sofern sie nicht unterwegs ermordet wurden und Charaktere, die keine Entwicklung durchmachen, verlieren irgendwann das Interesse ihrer Zuschauer. Deshalb ist der Film in der zweiten Hälfte, in der eigentlich allerorten Panik herrscht, egentümlich zäh. Wenn alle – Zuschauer und Protagonisten – wissen, dass hinter der Ecke die Frau mit dem Messer wartet, lässt uns die Frau mit dem Messer nicht mehr aus dem Kinosessel schrecken, wenn sie hervorspringt – auch nicht, wenn Eastwood liebevoll Anleihen an Alfred Hitchcocks Duschszene nimmt.

Dass der Film nicht komplett abszürzt, liegt an der spannenden Story (Jo Heims + Dean Riesner) und der für den männlichen Kinogänger ungewöhnlichen, aber in der Ära von Peace, Flower Power und Emanzipation gruseligen Idee einer Frau, die einem Mann mit Gewalt nachstellt – das ist im Kino immer noch ungewöhnlich; die tödlichen Kinofrauen von einst – Barbara Stanwyck, Bette Davis u.a. – hatten andere Motive als Liebe und Sex, sie waren eher auf das Geld ihrer Männer, oder auf Rache aus. Eine eigene Clint-Eastwood-Handschrift auf dem Regiestuhl, den er hier erstmals besetzt, kann man noch nicht ausmachen – die Erzählweise, die Inszenierung bewegen sich in ausgetretenen Pfaden und wirken, als wolle Eastwood sich in diesem Beruf erst mal Sicherheit antrainieren.

Wertung: 4 von 8 D-Mark