Plakatmotiv: Pale Rider – Der namenlose Reiter (1985)
Clint Eastwood verbeugt sich in seiner
Paraderolle vor Sergio Leone und Shane
Titel Pale Rider – Der namenlose Reiter
(Pale Rider)
Drehbuch Michael Butler + Dennis Shryack
Regie Clint Eastwood, USA 1985
Darsteller Clint Eastwood, Michael Moriarty, Carrie Snodgress, Chris Penn, Richard Dysart, Sydney Penny, Richard Kiel, Doug McGrath, John Russell, Charles Hallahan, Marvin J. McIntyre, Fran Ryan, Richard Hamilton, Graham Paul, Chuck Lafont u.a.
Genre Western
Filmlänge 115 Minuten
Deutschlandstart
24. Oktober 1985
Inhalt

Eine kleine Gruppe Goldschürfer um den frommen Hull Barret und seine Verlobte Sarah Wheeler soll von Handlangern des Bergbau-Industriellen Coy LaHood gewaltsam vertrieben werden, der das gesamte Gebiet mit industriellen Methoden abgraben möchte. Sarahs minderjährige Tochter Megan bittet nach einem solchen Überfall in einem Gebet um ein Wunder.

Das Wunder erscheint in Form eines Unbekannten auf einem Schimmel, der Hull Barret zu Hilfe kommt, als dieser in der Stadt von LaHoods Schlägern verprügelt wird. Barret nimmt den Fremden mit in sein Haus, wo er auf seinem Rücken vernarbte Schusswunden bemerkt. Der Fremde gibt sich den frommen Leuten gegenüber als Prediger aus, nennt jedoch keinen Namen, weshalb er nur mit „Prediger“ angesprochen wird. Unter seinem Einfluss gewinnen die Goldschürfer neues Selbstvertrauen. Da es LaHood weder gelingt, den „Prediger“ von seinem Beistand abzubringen noch den Goldschürfern ihre Claims abzukaufen, droht er Gewalt in Form eines berüchtigten Killers an, der sich Marshal Stockburn nennt und mit sechs Spießgesellen, seinen Deputys, unterwegs ist.

Plakatmotiv: Pale Rider – Der namenlose Reiter (1985)Als Megan eines Abends dem „Prediger“ ihre Liebe gesteht, weist dieser sie nicht unfreundlich, aber bestimmt zurück. Darauf gerät sie in Zorn und beschimpft den „Prediger“, macht sich jedoch große Vorwürfe, als dieser am nächsten Morgen verschwunden ist. Da erschießt in der Stadt der mitterweile eingetroffene „Marshal“ Stockburn den ersten der Goldsucher …

Was zu sagen wäre

Ich schaute auf und sah ein fahles Pferd (pale horse). Und der der darauf saß, hieß Tod. Und die Hölle folgte ihm nach“, liest das Mädchen Megan aus dem 6. Kapitel der Offenbarungen in der Bibel, als im selben Moment der namenlose Reiter in ihre Siedlung kommt. Er soll das Wunder sein, um das Megan am Tag zuvor gebetet hatte, das Wunder, das die bösen Männer für immer vertreiben solle.

Sie nennen ihn „Prediger“, weil er einen weißen Priesterkragen trägt, der auch nicht schmutzig verfärbt, wenn er Schwerstarbeit leistet; und ein Wunder muss er sein, denn die Narben auf seinem Rücken zeugen von mehreren Kugeln, die ihn – zumindest – schwerst verletzt haben müssen, wenn nicht getötet. Was es mit den Narben auf sich hat, bleibt offen, ebenso, welche Vergangenheit den Prediger mit Marshal Stockburn verbindet. Überhaupt bleibt er so unbeschrieben wie fahles Papier, sozusagen ein pale paper.

In dieser Leerstelle ist er ganz nah bei seinem High Plains Drifter von 1973, auch damals umrankte den einsamen Reiter, der aus dem Nichts erschien und im Nichts verschwand, eine Mystik, die ins Religiöse schwappte; und Religion oder zumindest religiöse Symbole finden sich in all seinen Filmen – da verkleidet er sich auf der Flucht vor seinen Komplizen als Prediger, mal wird er am Fuß eines Kreuzes verprügelt, woanders werden Kleinbauern in einer Kirche zusammengepfercht, wenn nicht Eastwoods Filmcharakter selbst gleich Schmerzensmann und Erlöserfigur in einem ist wie in Für eine Handvoll Dollar. Eastwood hat sich selten spezifisch über seine Religiosität ausgelassen, nur erzählt, er sei als Junge jeden Sonntag mit der Familie in die Kirche gegangen, bis zu dem tag, an dem sein Vater ihm sagte, er gehe nicht in die Kirche, weil das der einzige Moment in der Woche sei, wo er mal für sich allein könne; von da an ging auch Klein Clinton nicht mehr in die Kirche: „So although my religious training was not really specific, I do feel spiritual things. If I stand on the side of the Grand Canyon and look down, it moves me in some way.“ Die Spiritualität, die er der Site showbizspy.com beschreibt, welche er angesichts der Erhabenheit der Natur (hier: des Grand Canyon) spürt, schlägt sich im „Pale Rider“ nieder, der wohl wenigstens in die Geschichte eingeht als erster Western, der sich mit dem Umweltschutz befasst. Roy LaHood, der Schurke im Stück, klagt über „die Politiker in Sacramento“, die seine Art des Berg(ab)baus, wahrscheinlich bald verbieten werden; er geht mit schwerem Gerät, Berge aushöhlenden Wasserpumpen und Dynamit auf Goldsuche, was für Megan, das junge, Offenbarungstexte lesende Mädchen, aussieht „wie in der Hölle“.

Unversehens wird Eastwoods Prediger zum Umweltschützer und Sinnstifter für die kleine Gemeinde der bedrohten Goldschürfer. Eigentlich haben sie schon aufgegeben, wollen ein 1.000-Dollar-pro-Claim-Angebot LaHoods annehmen und verschwinden, als der Prediger ihnen wieder Hoffnung gibt und sie den Wert ihres Landes, ihrer Claims wieder entdecken, und der laute nicht Gold. Hull Barret fasst das am Lagerfeuer mit bewegenden Worten zusammen: „Wir sind Bergmänner, also leben und arbeiten wir hier. Das ist mein Zuhause. Wir alle haben hier Menschen begraben, die wir lieben. Wollen wir uns das für 1.000 Dollar nehmen lassen?“ Es sei die Gemeinschaft, auf die es ankomme, sagt der Prediger; auf sich allein gestellt würde jeder von ihnen verlieren – so reden auch Geistliche zu ihren Schäfchen in der Gemeinde.

Man kann sich nur schwer satt sehen daran, wie Eastwood hier eine weitere Ikone seiner Paraderolle meißelt: der Man without Name, der gekommen ist, um Rache zu üben. Der Höhepunkt dieser Ikonographie ist erreicht, wenn die Cinemascope-Kamera die Main Street zeigt, links und rechts Häuser im Anschnitt, im Hintergrund die blauen Berge und genau in der Mitte steht der Namenlose, der Prediger und wartet auf die sieben Reiter der Apokalypse. Aus den wortkargen Regeln des Post-Leone-Westerns kann der Regisseur Clint Eastwood erkennbar mehr heraus holen, als aus den Krimis die er im Hier und Heute inszeniert. Eastwoods Preacher ist nicht ganz so mysteriös wie der namenlose High Plains Drifter damals, aber nahe dran. Mehr noch hat er von Shane, jenem Cowboy, den Regisseur George Stevens 1953 den Farmern um Joe Starrett zur Hilfe schickt gegen die brutalen Machenschaften des Großgrundbesitzers Rufus Ryker und ihnen beibringt, sich zu verteidigen, die Waffe in die Hand zu nehmen, zusammenzustehen. Dass Megan am Ende dem namenlosen Prediger nachruft (und nur noch ein Echo als Antwort bekommt), ist Zitat und elegante Verbeugung vor diesem Westernklassiker.

Wertung: 8 von 9 D-Mark