Plakatmotiv: Ein Fremder ohne Namen (1973)
Ein Mystery-Western mit einem
perfiden Clint-Eastwood-Charakter
Titel Ein Fremder ohne Namen
(High Plains Drifter)
Drehbuch Ernest Tidyman
Regie Clint Eastwood, USA 1973
Darsteller Clint Eastwood, Verna Bloom, Marianna Hill, Mitchell Ryan, Jack Ging, Stefan Gierasch, Ted Hartley, Billy Curtis, Geoffrey Lewis, Scott Walker, Walter Barnes, Paul Brinegar, Richard Bull, Robert Donner, John Hillerman u.a.
Genre Western, Mystery
Filmlänge 105 Minuten
Deutschlandstart
24. Oktober 1973
Inhalt

Ein namenloser Fremder kommt in die kleine Goldminenstadt Lago. Das erregt in dieser pittoresken, malerisch an einem See gelegenen Gemeinde sofort Aufmerksamkeit und als der Mann noch mit einem Bier den Staub der Hochebene runterspült, wird er von drei Männern angemacht, drei Revolvermännern, die ihn pöbelnd bis zum Barbier begleiten. Der Fremde lässt sich nicht aus der Ruhe kriegen – bis die drei Männer, noch vor seiner Rasur, tot auf dem Boden liegen; er war schneller als sie. Die Einwohner des Städtchens haben das Schauspiel interessiert beobachtet. Auf der Straße rempelt ihn eine junge Frau an, provoziert ihn. Der Mann greift sie beim Arm, schleift sie in eine Scheune, wirft sie ins Heu und vergwaltigt sie. Die Einwohner beobachten auch dies interessiert. Statt ihn zu verhaften, engagieren sie ihn, damit er die Stadt vor drei gefürchteten Verbrechern beschütze. Die Einwohner des Ortes haben offenbar Angst.

Achtung: Spoiler!

Der Grund hierfür liegt etwas mehr als ein Jahr zurück. Damals sorgte Marshall Jim Duncan in dem Städtchen für Ruhe – aber störte die Ordnung. Die Goldmine, die der Stadt zu dauerhaftem Wohlstand verholfen hatte, stand auf staatlichem Grund und war also illegal; zumindest hätten ihre Erträge komlett an den Staat abgeführt werden müssen. Marshall Duncan wusste das und drohte, sein Wissen publik zu machen. Also engagierten die Besitzer der Goldmine drei Revolvermänner, die den Marshall zu Tode peitschten – während die Bewohner interessiert zuschauten. In der Folge wurden die drei Revolvermänner immer dreister und bemächtigten sich der Goldvorräte der Mine. Da gelang es den Einwohnern, mithilfe dreier dahergelaufener Halunken, sie ins weit weg gelegene Gefängnis zu stecken. Es sind dieselben drei Halunken, die dem Fremden einen so unhöflichen Empfang bereitet haben und bald tot im Staub lagen – auch sie hatten bald gemerkt, dass es sich bei dem Städtchen um einen Ort voller Feiglinge handelt, weshalb sie sich derart übel aufführten, dass man erleichtert war, als der Fremde sie erschoss.

Heute aber kommen die drei Revolvermänner auf freien Fuß. Sie haben geschworen, zurückzukehren, um sich zu rächen. Deshalb haben die Einwohner des Ortes Angst.

Als neuer Beschützer mit allen erdenklichen Vollmachten ausgestattet, greift der Fremde zu immer ungewöhnlicheren Mitteln, um die Bewohner zu demütigen. Er macht Mordecai, einen Kleinwüchsigen, zum Sheriff und zum Bürgermeister. Des Weiteren weist er die Leute an, alle Häuser rot anzustreichen, am Stadteingang ein Transparent mit der Aufschrift „Welcome home boys“ aufzuhängen und ein Picknick zu veranstalten, um den erwarteten Verbrechern einen gebührenden Empfang zu bereiten. Derart bloßgestellt und ihres eigenen Unvermögens bewusst gemacht, wollen ein paar Bürger den Fremden töten …

Spoiler aus.

Was zu sagen wäre

Italowestern meets 12 Uhr Mittags

Dieser „Fremde ohne Namen“ trägt diese Umschreibung mal zurecht. Er hat wirklich keinen Namen. Clint Eastwood hat den Mann ohne Namen unter Sergio Leones Regie so geprägt (obwohl er dann mal Joe, mal Monco und mal Blondie hieß), dass der deutsche Filmtitel für einen Western mit Clint Eastwood ungefähr so innovativ klingt, wie die Idee, dass Clint Eastwood doch noch einen Western über einen lonesome Cowboy dreht. Dabei ist der Film sehr viel mehr, wenn auch nicht unbedingt in der deutschen Fassung – was nicht nur am deutschen Filmtitel hängt. Der Originaltitel, „High Plains Drifter“ macht aus dem Film gleich etwas anderes, geheimnisvolleres. Es ist eine Rückkehr, die Eastwood inszeniert, gespenstisch schön: Ein Fremder reitet in die Stadt. Diese Stadt schuldet ihm viel – und ahnt nichts.

Plakatmotiv (US): High Plains Drifter – Ein Fremder ohne Namen (1973)Es ist Eastwoods zweite Regiearbeit, 1972, nach dem Stalker-Film Sadistico. Die Stadt, in die der Fremde zurückkehrt, liegt an einem See in der Hochebene – eine wunderschöne Gegend, die dem Western ein neues Terrain erschließt. „Eine gute Stadt mit ehrenwerten Bürgern“, brüstet sich einer stolz. Die Häuser sind frisch gezimmert, und die Bürger bauen an ihrer neuen moralischen Ordnung. Der Fremde zwingt sie, sich an ihre gemeine Vergangenheit zu erinnern; nicht alle überleben das. Eastwood geht einen Schritt weiter als Sergio Leone, der sich für seine Western bei japanischen Samuraifilmen bediente, sein Film ist vom japanischen Geisterkino inspiriert; sein Western ist auch ein Mystery-Thriller.

Der Fremde, den Clint Eastwood selbst spielt, kommt in die Stadt, erschießt drei Großmäuler und vergwaltigt dann eine junge Frau, die ihn zwar belästigt, aber im Grunde auch nicht lästiger ist, als eine Wespe am Bierglas. Später nimmt er sich eine zweite Frau, die ihn schon dauernd mit stummen Blicken verfolgt – eine Mischung aus Mitleid und Bewunderung darin – mit weniger Gewalt aber zunächst auch gegen deren Willen. Diese beiden Szenen zeugen von einem geradezu aggressiven Männlichkeitsideal. Auf die junge Callie mit den blonden Haaren, die sich im anschwellenden Showdown als eine Art städtische Hure outet, schmeißt der Fremde sich im Heu, reißt ihr die Klamotten auseinander und bleibt dann eine Minute bewegungslos auf ihr liegen. Das habe ihr „sicher Spaß gemacht“, ist er später überzeugt und wundert sich, warum sie erst am nächsten Tag empört ob dieser Vergewaltigung reagiert – „Kannst Du mir sagen, warum die erst jetzt explodiert?“ „Vielleicht hat sie bisher auf eine Zugabe gehofft!“, sagt der kleinwüchsige Mordecai grinsend. Sarah, die Frau mit den stummen Blicken, zieht er mit Gewalt auf sein Bett, auf dem sie sich noch 0,7 Sekunden gegen seinen Kuss sträubt, um dann leidenschaftlich stöhnend in seinen Armen weich zu werden. Die Gesellschaft im 19. Jahrhundert in den unendlichen Weiten des amerikanischen Kontinents lebte noch nach anderen Idealen und Regeln und die US-Filmindustrie des 20. Jahrhunderts pflegt traditionell ein schräges Frauenbild. In deutschen Köpfen, die seit Jahren von der Emanzipationsbewegung einer Alice Schwarzer kultiviert werden, wirken solche Szenen, in denen Männer sich zu Kerlen spreizen, wahlweise lächerlich oder empörend.

Die junge Callie, die Vergewaltigte auf dem Stroh, ist dann sogar noch zu doof, ihren in der Badewanne sitzenden Peiniger aus zwei Metern Entfernung zu treffen, obwohl sie dreimal schießt; da möchte man fast das Kino verlassen – so viel abgründige Doofheit hätten wir Clint Eastwood, dem charmanten Raubein, nicht zugetraut.

Gut, dass wir im Sessel sitzen geblieben sind. Dass Callie nicht trifft, erklärt sich später, auf jener Ebene, wo sich der Film beim japanischen Geisterkino bedient.

Der Mann nimmt sich also skrupellos, lüstern frech und gnadenlos, was er will, zeugt von derart gar nicht vorhandener Sozialisation, dass wir, nachdem wir schon mal sitzen geblieben sind, im Kinosessel echten Zorn entwickeln … würden, wäre der Mann nicht, eben, Clint Eastwood. Und weil wir uns deswegen eher wundern als zürnen, schauen wir hin und entdecken die von – im Gegenteil – großer Sozialkompetenz, großer Menschenkenntnis geprägte Perfidie, mit der der Fremde die „ehrenwerten Bürger“ dieser „guten Stadt“ als bornierte, unmenschliche Monster entlarvt, die für das Große Ganze – ihr Großes Ganzes –, für das „Wohl der Allgemeinheit“ geldgeil über Leichen gegangen sind – „Leider müssen wir uns manchmal dazu durchringen, Dinge zu tun, die nicht schön aber erforderlich sind", formulieren sie dann geschäftig. „Das ist der Preis für den Fortschritt!

Genüsslich beginnt der Fremde damit, die feigen Bürger dieser pittoresken, aber – wie sich scheibchenweise herausstelt – auf Blut gebauten Stadt gegeneinander auszuspielen – „Sie haben meinen Wein gestohlen! Du hättest besser aufpassen müssen. Ich mache Dich dafür verantwortlich, Sheriff!“ „Ich bin längste Zeit Dein Sheriff gewesen!“ – bis die sich bald gegenseitig nicht mehr über den Weg trauen. „Diese Menschen sind also alle Ihre Brüder und Schwestern?", fragt der Fremde den scheinheiligen Reverend, der christliche Werte anmahnt, als der Fremde alle Gäste aus dem Hotel werfen lässt. „Dann kann Ihre Familie ja auch bei Ihnen schlafen.

Je mysteriöser diese irre Geschichte ohne sofort erkennbare Sympathieträger wird, desto besser wird der Film. Und wenn schließlich die einst pittoresken Häuschen in Lago, dem einst schnuckligen Städtchen am großen See, rot angestrichen sind, bekommt der wütend formulierte Ausruf „Meinetwegen können wir ganz Lago rot anmalen, aber wenn wir fertig sind, wird es hier wie in der Hölle aussehen“ plus dem Kameraschwenk auf das Ortsschild, auf das der Fremde währenddessen in roten Lettern „Hell“ gepinselt hat, eine explosionsartig klare Bedeutung und ist der Film nicht mehr aufzuhalten. Wie sagt einer, der aus Lago fliehen konnte? „In Lago ist der Teufel los.

… ab hier muss ich spoilern …

Clint Eastwood hat mich überrascht mit einem riskanten, einfallsreich erzählten, unaufgeregt inszenierten Mystery-Western. Ein mutiger Film, weil er anders ist, als er auf Plakat und ersten Blick aussieht – das wirkt sich häufig negativ auf die für das Box Office so wichtige Mundpropaganda aus, weswegen Produzenten solche Uneindeutigkeiten scheuen. Eastwoods Malpaso Production ist ins Risiko gegangen, hat 5,5 Millionen US-Dollar in die Produktion gesteckt, und hat gewonnen – der Film spielte allein in den USA knapp 16 Millionen Dollar ein.

Diesen Film sollte man in der Tat im Original sehen, denn die deutsche Synchronfassung macht ihn, wenn schon nicht kaputt, so doch unverständlich: Die Information, dass der Titelheld der Bruder des ermordeten Marshals ist, hat die deutsche Fassung exklusiv. In der deutschen Synchronfassung sagt der Fremde am Ende, der zu Tode gepeitschte Marshal „war mein Bruder“. Im Original kann man nur Mutmaßungen anstellen. Dort antwortet der Fremde dem zwergwüchsigen Sheriff, als jener den Namen des längst verstorbenen Marshalls nachträglich auf die Grabtafel gravierte, auf die Frage nach seinem Namen („I never did know your name“) mit einem „Yes, you do“. Der Bruder des zu Tode Gepeitschten könnte auch nicht dessen Erinnerungen haben, die wir in einer Rückblende sehen, und so könnte man gar vermuten, der Marshall sei von den Toten zurückgekehrt, um Rache zu üben. Das unterstreichen auch die erste und die letzte Kameraeinstellung, in der der Fremde in der flirrenden Hitze erscheint und sich ebendort am Ende auflöst. Das würde auch die Frage klären, warum die blonde Callie ihn in der Badewanne mit drei Schüssen nicht töten kann. Eastwood klärt die Frage, wer der Fremde ist, aber explizit nicht. Joe Hembus schreibt in seinem Western-Lexikon: 1272 Filme von 1894 bis 1975, Eastwood habe Sergio Leones Für eine Handvoll Dollar noch einmal auf seine Weise gedreht. Er sei „eine faszinierende Fußnote zur Wirkungsgeschichte von Sergio Leone.“ Er treibe „alles, und vor allem alles Morbide und Barocke, auf den Höhepunkt.“ „High Plains Drifter“ sei „eigentlich Jesus Christus, gekreuzigt, begraben, aber unsterblich: wiederauferstanden, um ohne zu zögern, aber unter Einhaltung aller Rituale, das Jüngste Gericht abzuhalten.

Wertung: 7 von 8 D-Mark