Plakatmotiv: Dirty Harry kommt zurück (1983)
Neben Harry greifen jetzt auch
die Frauen zur Selbstjustiz
Titel Dirty Harry kommt zurück
(Sudden Impact)
Drehbuch Joseph Stinson + Earl E. Smith + Charles B. Pierce
mit Charakteren und Material von Harry Julian Fink + Rita M. Fink
Regie Clint Eastwood, USA 1983
Darsteller Clint Eastwood, Sondra Locke, Pat Hingle, Bradford Dillman, Paul Drake, Audrie Neenan, Jack Thibeau, Michael Currie, Albert Popwell, Mark Keyloun, Kevyn Major Howard, Bette Ford, Nancy Parsons, Joe Bellan, Wendell Wellman u.a.
Genre Acton, Thriller
Filmlänge 117 Minuten
Deutschlandstart
3. Februar 1984
Inhalt

Auf Inspektor Harry Callahan werden im Zusammenhang mit seiner Zeugenrolle im Prozess gegen einen Mafiaboss erfolglos Mordanschläge verübt. Um ihn und vor allem die durch seine Selbstverteidigung stark gefährdete Umgebung zu schützen, wird er gegen seinen Willen zeitweise in eine Kleinstadt an der nördlichen Küste versetzt. Dort bekommt er es mit einer Mordserie zu tun. Bei jedem Mord wird dem Opfer zuerst in die Genitalien und dann in den Kopf geschossen.

Callahan stellt im Laufe der Ermittlungen fest, dass Jennifer Spencer, die im Freizeitpark der Stadt als Restauratorin an einem Karussell arbeitet, offenbar mit den Morden in Verbindung steht. Sie wurde vor Jahren in diesem Freizeitpark gemeinsam mit ihrer Schwester Opfer einer Massenvergewaltigung durch mehrere Männer und eine Frau aus der Stadt. Da der Sohn des Polizeichefs der Stadt einer der Täter war, blieben die Ermittlungen offenbar auf dessen Betreiben hin erfolglos. Dieser versucht nun auch Callahans Ermittlungen zu behindern und seine eigenen Schuldgefühle vor ihm zu verbergen. Sein Sohn ist nach einem Selbstmordversuch ein Schwerstpflegefall geworden und wird daher von Spencer verschont.

Der letzte überlebende Vergewaltiger, Mick, sowie seine Freunde Carl und Eddie haben den Hintergrund der Mordserie mittlerweile erkannt, stellen Spencer eine Falle und entführen sie. Mick, der Anführer, erschießt vorher noch den reuigen Polizeichef in dessen Haus mit dem Revolver von Jennifer. Dadurch will er sie auch für diesen Mord verantwortlich machen …

Was zu sagen wäre

Schlimmer noch, als dass wieder einmal ein Killer den Gerichtssaal als freier Mann verlässt, weil Harry Callahan bei dessen Verhaftung gar keinen dafür notwendigen Haftbefehl hatte, ist, dass der Richter, der das verkündet, eine Frau ist. Knapp zehn Minuten ist der Film alt, da sind wir mit Harry Callahan wieder da, wo wir ihn einst, 1976, verlassen haben. Und endlich bekommt er mal Lob und Anfeuerungsrufe, wenn auch nur von Senioren, die so aussehen, als hätten sie noch die wilden Zeiten des Westens erlebt und jetzt in einem Seniorenbus sitzen, den Callahan kurzzeitig kapert, um in einer niedlichen Kleinstadt im Norden kaliforniens einen seiner verhassten „Punks“ zu jagen.

Sieben Jahre sind seit dem emanzipatorisch bemerkenswerten, aber spannungslosen zweiten Dirty-Harry-Aufguss vergangen, in denen Clint Eastwood allerlei ausprobiert hat – Komödie, Drama, ComicRoadmovie – und jetzt fällt ihm wenig mehr ein als eine Nummernrevue von Böse-Buben-mit-dicker-Magnum-ausschalten-Situationen. In Callahans Welt ist es mittlerweile so: Er wird in den Zwangsurlaub geschickt, weil seine Verhaftungen wieder mal zu hohem Sachschaden geführt haben und weil er im  Urlaub keine Gauner jagen kann, kommen die Gauner also zu ihm, auf dass er, der besser zielt, sie, die immer daneben schießen, abknallen kann. Er trinkt im Diner seinen täglichen Kaffee und verhindert prompt einen Überfall von vier schwer bewaffneten Afroamerikanern. Er wird in eine sonnige Kleinstadt im Norden Kaliforniens versetzt und hat sein Motel noch nicht bezogen, da wird er schon Zeuge und Jäger (in besagtem Seniorenbus) eines schießwütigen Kriminellen. Ja, will uns all das offenbar sagen, die Welt mit ihren Gesetzen, Regeln und Vorschriften ist eine andere, gefährlichere geworden. Die Bösen Buben sind noch weniger angreifbar als vor sieben Jahren schon. Da braucht es Harry und seine beiden Freunde „Smith & Wesson“ mit der modifizierten 44. Magnum. Oder wenigstens die weibliche Version davon.

Eastwoods Freundin und optischer Gegensatz, Sandra Locke – klein, schmal, blond und großäugig – gibt hier die Rächerin ihrer Pein. Einst zusammen mit ihrer kleinen Schwester vergewaltigt von einer Clique am Strand sucht sie Vergeltung mit der Waffe – auch die, eine 38., ist das optische Gegenstück zu Eastwoods Magnum, aber ebenso tödlich. Das heißt: Harry jagt sein weibliches Gegenstück, und er hat einen Hund – eine knuddelig, furzende Bulldogge, womöglich wil man mit dem Thema – Frau rächt Vergewaltigung – plus Hund mehr Frauen ins Kino locken, die sich von der bisher gekannten Dirty-Harry-Action nicht so sehr haben überzeugen lassen. Es sind jetzt die 80er Jahre. Das, was in den 70ern noch als Nicht-mehr-so-ganz-Kavaliersdelikt durchging, ist heute ganz verpönt; warfen sich Eastwood in den frühen 70ern die Frauen noch reihenweise in dessen Betten, muss er heute um Erlaubnis bitten. Die Vergewaltigung am Strand, die nun schmerzhaft gerächt wird, hätte es damals nicht in einen kommerziellen Film geschafft, weil der Straftatbestand den meisten Zuschauern nicht als solcher vermittelbar gewesen wäre. Auf deutsch: In den 80er Jahren mutiert der Law-&-Order-Bulle Callahan zum Fighter für die Rechte und Selbstbestimmung der Frauen. Dass dann die Drahtzieherin hinter der Vergewaltigung eine rothaarige Frau ist (Rote haare = Hexe), muss wohl als Beruhigungspflaster fürs (männliche) Eastwoodpublikum gewertet werden.

Das Grunddilemma aber bleibt das Gleiche und kulminiert in einem Dialog zwischen Eastwood und Locke:
Was lässt Sie glauben, dass ich ein Bulle bin?“ „Ich habe den Aufruhr mitbekommen gestern. Sie sind entweder ein Bulle oder Staatsfeind Nummer Eins.“ „Für manche bin ich beides.“ „Tatsächlich? Wer denn?“ „Wichtigtuer, die sich hinter breiten Schreibtischen verstecken und ihre dicken Ärsche schon längst nicht mehr hochkriegen.“ „Warum?“ „Es geht um die Wahl der Methoden. Sie wollen zwar Resultate, aber niemand rührt dafür auch nur den kleinen Finger.“ „Und Sie tun es?“ „Ich tue, was nötig ist.“ „Meinen Glückwunsch, Callahan. Wissen Sie, das ist eine aussterbende Gattung. Wir leben im Zeitalter der Verantwortungslosigkeit, der fehlenden Gerechtigkeit. Heute zählen Schuld und Sühne erst, wenn man sich erwischen lässt. Und nicht einmal dann kann man sich darauf verlassen. Prozesse werden verschleppt, es wird ja soviel vertuscht.

Gesetzeslücken und laxe Rechtsprechung lassen Selbstjustiz als einzig wirksames und legitimes Mittel erscheinen. Darin zumindest ist sich Harry treu geblieben, so wie auch in einer Personalie, die irritiert. Während hinter der Kamera wieder sein Best Buddy Bruce Surtees sitzt, spielt vor der Kamera auch im vierten Dirty-Harry-Film Albert Popwell mit, zum vierten Mal als jemand anderes. Im ersten Teil hatte er einen Bankräuber, im zweiten Teil einen Zuhälter und im dritten Teil einen zwielichtigen Kriminellen, der Dirty Harry jedoch hilft, gespielt. Im vierten taucht er jetzt als Partner von Dirty Harry auf, allerdings ist diese Partnerschaft nicht deutlich erklärt; man könnte meinen, er ist der Gangster aus Teil III, der mit Harry mittlerweile befreundet ist.

Wertung: 4 von 9 D-Mark