Plakatmotiv: Der Texaner (1976)
„Der Teufel holt sich sein Frühstück!“
Eastwood als Erlöser aus der Hölle
Titel Der Texaner
(The Outlaw Josey Wales)
Drehbuch Philip Kaufman + Sonia Chernus
nach dem Roman „Gone to Texas“ von Forrest Carter
Regie Clint Eastwood, USA 1976
Darsteller Clint Eastwood, Chief Dan George, Sondra Locke, Bill McKinney, John Vernon, Paula Trueman, Sam Bottoms, Geraldine Keams, Woodrow Parfrey, Joyce Jameson, Sheb Wooley, Royal Dano, Matt Clark, John Verros, Will Sampson u.a.
Genre Western
Filmlänge 135 Minuten
Deutschlandstart
5. November 1976
Inhalt

Amerika zu Beginn des Bürgerkriegs: Josey Wales hat mit seiner Frau eine kleine Farm in Missouri aufgebaut. Seit einigen Jahren gehört ein Sohn dazu. Die harte Arbeit wird nicht belohnt. Redlegs, irregulären Soldaten der Nordstaaten, überfallen die Farm, morden Frau und Kind und lassen Josey Wells in seinem Blut sterbend zurück. Aber Wells überlebt und trainiert sich am Schießeisen auf Rache. Er schließt sich einer Gruppe von Südstaaten-Guerilleros, sogenannten Bushwhackers, an.

Als der Bürgerkrieg zu Ende ist, sollen alle Bushwhackers amnestiert werden. Wales ist immer noch von Rachegefühlen getrieben und traut den Nordstaatlern, die im Bürgerkrieg über die Südstaatler gesiegt haben, nicht. Wie sich herausstellt, zurecht: Bei der freiwilligen Entwaffnung seiner Kampfgenossen werden diese von den Unionssoldaten hinterrücks niedergeschossen. Wales kann noch einige Soldaten erschießen und dann flüchten.

In einem Indianerreservat schließt sich Wales der alte Indianerhäuptling Lone Watie an. Bald gehört auch die junge Indianer-Squaw Little Moonlight, die Wales vor einer Vergewaltigung bewahrt hat, zu der Gruppe. So schlägt sich das Trio Richtung Mexiko. In Texas indes retten sie eine Familie vor einem Überfall der Comanchen und eskortieren diese bis zu deren Ranch, wo sie beschließen, zunächst zu bleiben, beim Aufbau zu helfen und sich vielleicht niederzulassen. Zumindest so lange, bis die Redlegs, die ihm seit seiner Flucht aus Missouri auf den Fersen sind, am Horizont aftauchen werden.

Die Comanchen, die seit Beginn der Besiedlung durch die Bleichgesichter immer weiter aus ihren Territorien verdängt wurden, stellen sich gegen die neuen Farmer. Ihr Überfall würde das Aus für die Siedlung und den Tod aller Weißen in der Gegend bedeuten. Wales besteigt sein Pferd wie schon so oft, das Gewehr unterm Sattel, die Colts am Gürtel, und reitet allein, um sich den Comanchen entgegen zu stellen, damit der Familie das Überleben ermöglicht wird …

Was zu sagen wäre

Der deutsche Titel ist irreführend: Josey Wales ist aus Missouri, nicht aus Texas – da zieht es ihn und seine größer werdende Gruppe nur hin. „The Outlaw Josey Wales“ ist Eastwoods fünfte Regiearbeit und sie zeigt, wie schnell er sein Handwerk verfeinert – vergleicht man dieses dichte, bündig inszenierte, dramatische Rachedrama nur mal mit der unbeholfenen 08/15-Regieführung seines Sadistico von vor drei Jahren.

Eastwood hat als Unterstützung einen fast familiär einzuschätzenden Buddy: Kameramann Bruce Surtees, der seinen Einstand ebenfalls mit Sadistico hatte und seither in nahezu allen Eastwoodfilmen hinter der Kamera stand, bei Dirty Harry ebenso, wie bei High Plains Drifter – Eastwood schätzt vertraute Gesichter am Set, deshalb tauchen auch immer wieder dieselben Personen in den Nebenrollen auf, hier etwa John Vernon als Fletcher, der Abtrünnige, der in Dirty Harry den strammen Bürgermeister gab.

Bruce Surtees taucht Eastwoods dunkles Drama in satte Farben und in Pastelltöne, wenn's menschelt; Eastwood lässt die Einstellungen so lange stehen, wie sie Schönheit haben – nicht unbedingt äußere, manchmal haben sie eine innere Schönheit, etwa wenn das grausame Sterben einen tieferen Sinn darin bekommt, das der Zurückgebliebene auf eine Reise geht, zum Helden, zum mehrfachen Lebensretter und Siedlungsbegründer wird. Eastwood inszeniert seinen Rächer als Lonesome Cowboy mit Patchworkfamilien-Anschluss. In diesem Umfeld kommt seine konservative Haltung – er ist ja prinzipiell näher am Auge um Auge als beim Wir müssen mal reden – besser zum Tragen, als in seinem Dirty-Harry-Anzug – im Grunde ist Josey Wales ein nahe Verwandter, das Missing Link zwischen seinem Man without Name und dem Cop aus San Francisco.

Unter den vielen so oder so bemerkenswerten Typen in diesem Western stechen zwei besonders heraus: Sondra Locke spielt eine junge Farmerswaise, der im handfesten Alltag universumsphilosophisches durch den Kopf geht und sich ansonsten hinter ihren irritierend großen Augen versteckt. Die 32-Jährige spielt, kurz gesagt, ein verhuschtes Mädchen, das noch nicht ganz durch die Pubertät ist, dem raubeinigen Wales aber mit großen Augen vielsagend zuhaucht: „Sie haben mir noch mehr beigebracht!“ Ich weiß nicht, ob ich einfach dieses zwar hübsche aber gänzlich unerotische Mädchen sehr albern finden soll oder nicht doch eher die Tatsache eklig, dass der große alte Mann nach Jahren im rebellischen Untergrund jund zahllosen Schicksalsschlägen, von denen der härtseste, der Tod der Familie, am weitesten zurück liegt meint, in den Avancen dieses halben Kinds Trost finden zu können. Im wirklichen Leben trennen Eastwood und Locke 14 Jahre – er Jahrgang 1930, sie Jahrgang 1944; im Film scheinen ihre Charaktere aber 41 Jahre zu trennen.

Der andere bemerkenswerte Typ ist Chief Dan George, eigentlich Häuptling der Tsleil-Waututh Nation am Burrard Inlet in Britisch-Kolumbien. Nach Little Big Man ist er auch hier wieder der großartige, fitte Großvater, den wir nie hatten – weise, gewitzt, altersschwach, pfiffig, schlagfertig – dieser Häuptling trägt in seinen zahllosen Gesichtsfalten das ganze Leid seiner Vorfahren, ist aber nie larmoyant, sondern nimmt die grausame Vertreibung durch den Weißen Mann als Schicksalsschlag, der nicht zu vermeiden ist, wenn komische Menschen mit bleichen Gesichtern Qutasch in Floskeln verpacken und das Diplomatie nennen – gegen so etwas ist man machtlos als naturverbundener Indianer und damit hat der Chief längst seinen Frieden gemacht. Was nicht heißt, dass er nicht dem ein oder anderen Blaurock gerne noch eine Kugel in den Arsch jagt – sofern er nicht gerade jammert, dass er mit dem Alter seine einzigartigen Anschleichqualitäten eingebüßt hat.

Ein Typ mit vielen Facetten, der auf der langen gemeinsamen Reise, die einer Odyssee durch ein kriegsversehrtes Land gleicht, großen Einfluss nimmt auf Josey Wells. Denn als der Mann mit den großen Schießeisen zu den Comanchen reitet, um die Siedler zu retten, scheint klar, was passieren wird, nämlich dass das Drama keinen guten Ausgang nimmt, maximal noch, dass die Redlegs in großer Zahl auftauchen und es nach einem Gemetzel zu irgendeiner Art Geste Showdown kommt – Duell oder Hasndschlag. Aber es komt ganz anders. Wales hat dem Chief offenbar besser zugehört als es wirkte, als der beim Kennenlernen so lakonisch davon erzählte, wie der Innenminister der Bleichgesichter ihnen, den Indianern Urkunden überreicht und von gemeinsamen Interessen und der Überwindung alter Gewohnheiten im Aufbruch zu neuen Ufern gesprochen habe.

Der Mann mit den Schießeisen, der Outlaw, über dessen schießwütige Auftritte der Chief sagt, „Die Hölle holt sich ihr Frühstück“, greift zum Wort statt zur Waffe und spricht zu Comanchen-Häuptling Ten Bears: „Ich bin hier, um mit Dir zu sterben. Oder zu leben. Sterben ist für Männer wie uns nicht schwer. Leben ist schwerer. Besonders, wenn alles, was Du geliebt hast, geschändet und ermordet worden ist. Regierungen leben nicht miteinander, Menschen schon. Von Regierungen bekommt man kein offenes Wort, keinen fairen Kampf. Ich bin gekommen, um Dir beides zu bieten. Und das eine oder andere von Dir zu bekommen. Ich bin gekommen, damit Du mir mein Wort vom Tod glaubst. Und mir auch mein Wort vom Leben glaubst. Der Bär lebt hier, der Wolf, die Antilope, die Comanchen. Und wir wollen es auch. Das Zeichen der Comanche wird an unserem Haus sein. Wir Menschen müssen lernen, zusammenzuleben, ohne uns immer gleich umzubringen!“ Das ist nach zwei Auftritten als kompromissloser Dirty Harry (die Eastwood über seine Malpaso Company finanziert hat) eine bemerkenswerte Rede.

Ein schönes, hartes Epos über eine schwierige Epoche der frisch vereinigten Staaten, in der nur die Frauengeschichten unangenehm auffallen. Clint Eastwoods Umgang mit und Einsatz von Frauenfiguren grenzt an Körperverletzung – nur erschießt er sie nicht, sondern nimmt sie sich, nachdem sie ihn mit sehr großen Augen angehimmelt haben wie einen Gott. Und an dieser Stelle fällt einem wieder auf, dass Gott, Jesus, wenigstens Religion im ganz Allgemeinen in Eastwood-Filmen immer eine Rolle spielen. Dirty Harry wird unter einem Kreuz vom brutalen Sniper zusammengetreten oder Eastwood gibt sich auf der Flucht vor Gaunerkollegen als Reverend aus (Thunderbolt and Lightfoot) oder – wenn nicht ohnehin seine Figur die des Erlösers in Schmerzen („Schmerzensmann“) ist, dann kommt er, wie in High Plaine Drifters, direkt als Gesandter aus der Hölle. In diesem Spannungsfeld bewegt sich nun auch Josey Wales: der Erlöser aus der Hölle.

Wertung: 7 von 8 D-Mark