Plakatmotiv: Berlin Syndrom
Ein gemeines
Grusel-Stück
Titel Berlin Syndrom
(Berlin Syndrome)
Drehbuch Shaun Grant + Cate Shortland
nach dem gleichnamigen Roman von Melanie Joosten
Regie Cate Shortland, Australien 2016
Darsteller Teresa Palmer, Max Riemelt, Matthias Habich, Emma Bading, Elmira Bahrami, Christoph Franken, Lucie Aron, Nassim Avat, Malin Steffen, Thuso Lekwape, Morgane Ferru, Lara Marie Müller, Elias Esser, Claude Heinrich, Nadine Peschel u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 116 Minuten
Deutschlandstart
25. Mai 2017
Website berlinsyndromefilm.com
Inhalt

Die Australierin Clare macht als Backpackerin Urlaub in Berlin, wo sie den charmanten Englischlehrer Andi kennenlernt. Zwischen den beiden sprühen die Funken und sie verabreden sich zu einem gemeinsamen Sightseeing-Trip durch die Stadt, der in einen heißen Flirt mündet.

Sie gehen in Andis bürgerliche Zweiraumwohnung, die gemütlich eingerichtet und ruhig gelegen ist, auch wenn das Gebäude selbst so wirkt, als wäre die Mauer gerade erst gefallen. Clare verbringt mit dem fast noch Fremden eine stürmische Nacht. Als sie am nächsten Morgen erwacht, hat sich Andi, der Englischlehrer ist, zur Arbeit aufgemacht und sie in seinem Apartment eingeschlossen. Sie glaubt an ein Versehen, und verbringt eine weitere Nacht mit Andi, nachdem dieser wieder nach Hause gekommen ist.

Es handelte sich allerdings durchaus nicht um ein Versehen, wie Clare zuerst vermutet, denn das Szenario wiederholt sich am nächsten Tag. Clare gerät in Panik, denn Andi bewohnt das Haus als einziger Mieter, die Nachbarschaft ist verlassen, die Fenster bestehen aus Sicherheitsglas und auch ihre SIM-Karte ist verschwunden. Clare ist gefangen, und Andi will sie einfach nicht mehr gehen lassen, denn für ihn ist sie eine Art Partnerin, von der er sogar, wenn auch nicht die ganze Wahrheit, seinen Arbeitskollegen und seinem Vater erzählt, der Geschichtsprofessor an der Universität ist.

Am Morgen geht Andi aus dem Haus, am Nachmittag kommt er wieder, manchmal bringt er ihr Blumen und kleine Geschenke mit, und sie kochen und essen gemeinsam, fast wie in einer normalen Beziehung. Clare hat in ihren Gesprächen allerdings nur wenig Neues zu erzählen, im Gegensatz zu Andi, und zu den kleinen Ritualen des „Pärchenalltags“, den er inszeniert, gehört auch, dass er Clare mit Kabelbindern an das Bett fesselt. Clares Reise scheint sich zu einem Horrortrip zu entwickeln …

Was zu sagen wäre

Ein grusliger Film. Packend. Beginnen tut er so zerfasert, dass man an eine deutsche Studentenproduktion genken mag, eine nach dem Motto Hey cool, wir dreh'n! In Berlin, geil ey! Und also verliert sich das Team erstmal in den Straßen, Fassaden, Graffiti, Schrebergärten. Der Trip beginnt für Clare am Kottbusser Tor, wo sie das Kreuzberger Biotop fotografiert. Im benachbarten Friedrichshain fotografiert sie Reste der DDR-Architektur. Den Tag lässt sie bei einer Party auf einem Hausdach ausklingen, zu der sie mitgeschleppt wird. Nach durchfeierter Nacht schießt sie im Morgenrot erste Bilder der aufwachenden Stadt. Clare erkundet einen Berliner Flohmarkt und schaut sich Bildbände in einem Antiquariat an. Und lernt Andi kennen.

Plakatmotiv (Aus): Berlin SyndromeUnd plötzlich zieht die Schlinge zu. Der Film spielt mit Moment, in dem man realisiert: zu spät. Das kennt man, wenn man schon frühzeitig weiß, hätte ich mal das Brot nicht mehr geschmiert, hätte ich meinen Zug noch bekommen – oder schlimmer: bei einer Autopanne abseits viel befahrener Straßen ohne Handynetz. Plötzlich steckst Du in der Scheiße.

Plötzlich steckt Claire in der Scheiße. Eingesperrt, mitten in der Stadt. Niemand kann sie hören. Und der Typ? Tut so, als sei alles ganz normal „Du wolltest doch bleiben. Hast Du doch gesagt.“ In einer Nebenhandlung erfahren wir, Andis Mutter hat rübergemacht, als Berlin noch durch eine Mauer geteilt war; die Mutter hat die Familie im Osten sitzen lassen, das mag als Erklärung für die sehr spezielle Störung dieses Mannes gelten, der seine erklärte Traumfrau wegschließt, auf dass sie ihn nicht sitzen lassen kann. Nach einer halben Stunde Film möchte man diesem Andi die Fresse polieren, was für ein gestörter Freak. Max Riemelt („Amnesia“ – 2015; „Auf das Leben!“ – 2014; „Wir sind die Nacht“ – 2010; „Die Welle“ – 2008) spielt ihn souverän mit einer stoischen Unbeirrbarkeit, dass einem unheimlich wird.

Teresa Palmer („Hacksaw Ridge“ – 2016; „Lights Out“ – 2016; The Choice – Bis zum letzten Tag – 2016; „Point Break“ – 2015; Warm Bodies – 2013; Ich bin Nummer Vier – 2011) hat die undankbare Aufgabe des Opfers. Sie hat viel sich zu ängstigen, muss kreischen, sich fesseln lassen und immer keine Chance haben bis sie sich schließlich er- und hingibt, Stichwort: Stockholm Syndrom, das der zunächst kryptische Filmtitel nahelegt. Nicht alle Handlungen dieser Claire, nicht jede Passivität dieser Claire ist ohne Weiteres zu verstehen, wenn man bequem mit seiner Cola im Kinosessel sitzt. Manchmal denkt man sich, Warum macht sie nicht ..? Wobei: Bequem saß ich nicht, eher schon angespannt.

Das Kammerspiel ist eine Überraschung in diesem Kinojahr.

Wertung: 6 von 8 €uro