Kinoplakat: Captain Fantastic
Die Wildnis sind immer die anderen.
Ein herzerwärmendes Road-Movie.
Titel Captain Fantastic: Einmal Wildnis und zurück
(Captain Fantastic)
Drehbuch Matt Ross
Regie Matt Ross, USA 2016
Darsteller
Viggo Mortensen, George MacKay, Samantha Isler, Annalise Basso, Nicholas Hamilton, Shree Crooks, Charlie Shotwell, Trin Miller, Kathryn Hahn, Steve Zahn, Elijah Stevenson, Teddy Van Ee, Erin Moriarty, Missi Pyle, Frank Langella u.a.
Genre Comedy, Drama
Filmlänge 120 Minuten
Deutschlandstart
18. August 2016
Website bleeckerstreetmedia.com/captainfantastic
Inhalt

Tief in den nordwestlichen Wäldern der USA haben Ben und seine Frau Leslie ein Refugium für sich und ihre sechs Kinder geschaffen, darunter Bodevan, Vespyr und Zaja.

In mühsamer Handarbeit haben sie ein Anwesen errichtet, auf dem sie sich, von der Außenwelt abgeschottet, selbst versorgen können und wo Ben seinen Kindern alles Notwendige beibringt, um in den Wäldern zu überleben. Dazu gehören knallhartes Training für die Nachkommen und ein Bildungsgrad, der weit über dem ihrer Altersgenossen liegt.

Doch das paradiesische Mini-Utopia wird erschüttert. Leslie, die seit längerer Zeit in der Stadt wegen Depressionen in Behandlung war, hat sich das Leen genommen. In fünf Tagen ist die Trauerfeier. Und Leslies Vater gibt Ben klar zu verstehen, dass er und seine Brut sich ja nicht sehen lassen sollten, sonst würde er Ben verhaften lassen.

Aber Ben und die Kinder haben gar keine Wahl. Mutter hat in ihrem Testament verfügt, man möge ihren Leichnam einäschern und die Asche ins Klo hinunter spülen. Davon nun ist die christliche Verwandschaft der Verstorbenen, im Speziellen der gestrenge Herr Papa, nicht begeistert. Er will Leslie anständig beisetzen. Ben und seine Familie machen sich auf den schweren Weg in die Zivilisation – hin zu Adidas-Trägern, X-Box-Spielen und geschminkten Mädchen …

Was zu sagen wäre

Was ist Zivilisation? Was bedeutet Wildnis? „Einmal Wildnis und zurück“ wirbt das Plakat, die Reise im Film aber geht aus den Bergen herunter in die Stadt und zurück. Und natürlich erweist sich die Stadt, der zivilisierte Mensch als die groteskere Lebensform auf diesem Planeten. Dass Matt Ross es schafft, den Zynismus hinter dieser Erkenntnis von der Leinwand fern zu halten, ist ein charmanter Kunstgriff.

Der Film arbeitet sich an der Frage ab, was das moralisch bessere Leben darstellt: naturgebunden, vulgo wild mit selbst erllegtem Hirschen zum Abendbrot („Wir verspotten niemanden. Außer Christen“)? Oder zivilisiert in geheizten Häusern zwischen Lehrplan und Feierabendbier? Matt Ross feiert das wilde Leben in wild romantischen Clips und stimmungsvoller Musik, da also bezieht der Film klar Stellung, die Kinder aus dem Wald sind den Playstaton-Gören in allen Belangen überlegen, nur eben nicht in den banalen Alltagsdingen wie der Auseinandersetzung, was besser ist, Nike oder Adidas, Pepsi oder Coke. Auch wenn ihr Bildungsgrad weit über dem von anderen Kindern in ihrem Alter liegt, bestaunen sie doch verstört den Materialismus und die Verschwendung der zeitgenössischen amerikanischen Kultur. Auch die Lebens- und Denkweisen der Verwandten, auf die sie treffen, wirken auf sie sonderbar – was umgekehrt aber genauso ist.

Bens gut situierte Schwester Harper und ihr Mann, bei denen Ben und seine Kinder einen Zwischenstopp einlegen, haben ihre Kinder völlig anders erzogen. Ben hält von deren Erziehungsmethoden allerdings nur wenig und versucht, die Überlegenheit seines pädagogischen Programms zu demonstrieren. Harpers Kinder hantieren meist mit ihren Handys oder messen ihre Kräfte in Shooter-Spielen, und Bens Kinder erkennen schnell, wie sehr sie sich von ihren Altersgenossen unterscheiden.

Am Ende landen die Kompromisslosen in einem Kompromissleben, der wilde Vater beugt sich den Gesetzen der Zivilisation, weil diese die Mehrheit bildet, um den Kindern eine Zukunft in dieser Zivilisation zu sichern. Seine Lebensidee ist die bessere, aber die anderen sind halt nunmal mehr (am Video-Markt hat sich ja auch die billigere VHS-Cassette durchgesetzt, obwohl Sonys Betamax besser war). Das klingt seifiger, als es im Film ist. Tatsächlich hilft es der Vertiefung der Charaktere, wenn keine Erzählenergie auf das Abhandeln von Stereotypen verschwendet wird – der Schwiegervater zum Beispiel ist zwar erst ein höchst unangenehmer – und wird auch einschlägig von Frank Langella gespielt – aber auch er, so wie Schwiegersohn Benn, lernt dazu und wenn der Abspann läuft, haben wir einen runden, temperamentvollen, warmherzigen Film mit wunderbaren Menschen.

Matt Ross, im Hauptberuf Schauspieler in Nebenrollen, hat für seine vierte Regiearbeit eine Traumbesetzung gefunden. Neben dem Rolemodel für alle smarten Aussteigertypen, Viggo Mortensen („Den Menschen so fern“ – 2014; „A History of Violence“ – 2005; Der Herr der Ringe – 2001; Ein perfekter Mord – 1998; Die Akte Jane – 1997; Daylight – 1996; Crimson Tide – 1995), hat Ross eine Schar Jungschauspieler zusammengebracht, die mit perfekt halbwegs belastbar beschrieben ist.

Wertung: 6 von 8 €uro