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Plakatmotiv: Scarface (1983)
Pacino. De Palma. Pfeiffer.
Drei Kreative explodieren.
Titel Scarface
(Scarface)
Drehbuch Oliver Stone
Regie Brian De Palma, USA 1983
Darsteller Al Pacino, Steven Bauer, Michelle Pfeiffer, Mary Elizabeth Mastrantonio, Robert Loggia, Miriam Colon, F. Murray Abraham, Paul Shenar, Harris Yulin, Ángel Salazar, Arnaldo Santana, Pepe Serna, Michael P. Moran, Al Israel, Dennis Holahan u.a.
Genre Crime, Drama
Filmlänge 170 Minuten
Deutschlandstart
9. März 1984
Inhalt

Im Mai 1980 öffnet Fidel Castro den Hafen von Mariel in Kuba, um kubanische und amerikanische Familienangehörige wieder zusammenzuführen. Dabei zwingt er die Bootsbesitzer, die in die Vereinigten Staaten fahren, auch Oppositionelle, Kriminelle und psychisch Kranke mitzunehmen. Von den 125.000 Einwanderern, die nach Florida kamen, sind – damaligen – Schätzungen zufolge 25.000 vorbestraft. Unter ihnen befindet sich auch der verarmte Ex-Sträfling Antonio „Tony“ Montana, der in Miami landet und in den USA sein Glück versuchen möchte.

Plakatmotiv: Scarface (1983)Nach einem hitzigen und von einem Wutausbruch gekennzeichneten Gespräch mit den Grenzbeamten wird er in eine Art Sammellager, die sogenannte „Freedom Town“, gebracht. Nachdem er dort Rebenga, einen ehemaligen hochrangigen Kommunisten, während eines Aufstandes getötet hat, sorgen die Auftraggeber dafür, dass er und einige seiner Freunde mit einer Green Card aus dem Lager entlassen werden.

Dieser Auftragsmord ist für Tony und seinen Freund Manny der Eintritt ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Drogendealer Lopez wird auf ihn aufmerksam. Er bietet Tony eine weitere Zusammenarbeit an. Sein Ehrgeiz und seine Kaltblütigkeit führen Tony schließlich an die Spitze des Kokain-Imperiums von Miami.

Berauscht vom Geld, der Macht und dem Kokain begeht er jedoch einen folgenschweren Fehler …

Was zu sagen wäre

Die Welt ist aus den Fugen. Freunde, Vertrauen war gestern. Heute gilt: Du musst Dir nehmen, was Du haben willst. Und Du musst es anderen wegnehmen. Um das zu können, musst Du skrupelloser sein, als die anderen. Brian DePalmas großer Gangsterfilm ist die Metapher auf eine postrevolutionären Gesellschaft, die nach Vietnamkrieg, nach den Kämpfen der 68er, nach der bunten Flower-Power der freien Liebe jeden Halt verloren hat. Jeder ist sich selbst der Nächste, und Tony Montana ist der Prototyp dieser Geselschaft. Ihn ist nichts heilig – außer der Familie; er dreht durch, wenn seine kid sister mit 20 Jahren Dates mit anderen Männern eingeht. Er ist der König Midas des Untergangs. Seine Mutter wirft ihm vor, alles zu zerstören, was in seine Nähe kommt. Sie behält auf furchtbare Weise recht.

DePalma zeichnet die Unterwelt Floridas in neon-schillernden Farben. Die Gangster leben in weißen Palästen mit Glasaufzügen, weitläufigen Entrées und großzügig geschnittenen Bars. Ihre Clubs sind die Top-Adressen in Miami, gesellschaftlicher Mittelpunkt. Die kriminelle Halbwelt mit ihren Killern, Dealern, Drogen hat das Zentrum besetzt. Mit Männern an den Schalthebeln. Es ist eine Männerwelt. Von Männern gemacht für Männer. Frank Lopez, der seine Freundin Elvira als Trophy-Girl mit sich herumschleppt, stattet seinen neuen besten Freund Tony genauso mit neuen Klamotten aus – „damit Du richtig scharf aussiehst“ – wie seine Mädchen.                                          In der ersten Nachtclubszene aller zusammen gelingt es DePalma sehr schön, den Unterschied der Man's-World zu jener der Frauen zu zeigen

Der Film pervertiert den amerikanischen Traum Vom Tellerwäscher zum Millionär in sein dunkles Gegenstück – vom Kleinganoven in der Fritttenbude zum Nadelstreifenanzug-Goldkettchen-bewehrten Villenbesitzer, der auf seinem Schreibtisch einen Berg Kokain schnupft – und zu diesem Zeitpunkt alle Menschen, die ihn lieben, denen er vertrauen konnte, verprellt, verjagt, getötet hat. An der Spitze seines selbst geschaffenen Imperiums angekommen ist der Kerl mit dem bis zum Solarplexus offenen Seidenhemd nur noch ein Schatten des Mannes, der aus Kuba in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten übersiedelte. Aber er ist immer noch Al Pacino (Hundstage – 1975; Der Pate – 1972).

Ohne Al Pacinos Leidenschaft würde der fast drei Stunden lange Film gar nicht funktionieren. Pacino ist das Herz dieses Films, DePalmas Regiekunst der Geburtshelfer, der es zum Schlagen bringt. Aber da verwischen schon die Grenzen. Ist es DePalma, der Pacino so explodieren lässt, wie der das vor der Kamera tut? Oder hat Pacino den Film, die Titelfigur mit seiner Energie einfach an sich gezogen – und DePalma war dann klug genug, das laufen zu lassen? Pacino ist dieser Film. Er ist fantastisch, ein Wutbolzen mit kurzer Lunte. Leicht kann man ihm overacting vorwerfen. Aber der ganze Film ist auch Oversize, kaum zu greifen. Die Kamera ist immer bei Montana, egal, ob er – das fleischgewordene Selbstbewusstsein – der Einwanderungsbehörde irgendeinen Mist erzählt, ob er Freunde – oder besser möglicherweise loyale Partner – findet, ob er Michelle Pfeiffer, die Freundin seines Bosses anbaggert oder ob er Leute erschießt. Szenen ohne Tony Montana darin sind wenig.

Plakatmotiv (US): Scarface (1983)Aber ich tue Brian dePalma da gerade unrecht. er ist jederzeit Herr der Situation. Das merkt man in einer Szene, in der Tonys Partner mit einer Kettensäge maltraitiert wird. So etwas hat neben lautem Motorenlärm mit schrillen Schreien und panischem Entsetzen zu tun – mit Lärm also, den doch irgendjemand mitbekommen muss. DePalma leitet diese Szene geschickt ein: Gleich zu Beginn macht er klar, dass der nun kommende Schauplatz des ersten von Montana durchzuziehenden Deals in einer zwielichtigen Gegend ist – man geht sich aus dem Weg, schaut in die andere Richtung. Der Deal beginnt, läuft aus dem Ruder, Montanas Geschäftsgegner greift zur Motorsäge – und DePalma verlässt das Appartment, schwenkt mit einer langen Einstellung die Kamera an einem Kran vom Badezimmerfenster (hinter dem das Grauen beginnt) weit über die Straße hinunter zu den beiden im Cabrio auf Montana wartenden Buddies, die sich langweilen, mit Bikinimädchen shakern, und lässt die Kamera dann langsam wieder zurück zum Badezimmerfenster schweben – da ist die Hölle drinnen schon so gut wie vorbei. Gesehen hat der Zuschauer davon nichts – statt dessen zeigt ihm DePalma das sonnige Miami mit seinen pastellfarbenen Hausfassaden, seinem blassblauen Himmel und, dass niemand außerhalb des Appartements eine Motorsäge hört, panische Angst, schrille Schreie. Was der Zuschauer zu sehen bekommt sind Blutstropfen, vor Panik geweitete Augen, Hyperventilieren des Opfers, eine blutverschmierte Badewanne. Eine visuell großartig komponierte Szene. Im Kopf des Zuschauers tobt das Grauen, auf der Leinwand die Kunst des Weglassens.

Und dann steigt Elvira in den Fahrstuhl. In einem luftigen Seidenkleid, dessen Ausschnitt wenig verhüllt. Es ist ihr erster Auftritt. Tony Montana – Al Pacino – wird sie erblicken und fortan nicht von ihr lassen können. Er ist geflashed. Und DePalma lässt sie folgerichtig in einem gläsernen Aufzug zur Erde schweben, auf das Level, auf dem Kreaturen wie Montana kriechen. Eine Göttin steigt herab und lässt sich anbeten; mit ihr beginnt Montanas Höllenfahrt. Sein Verlangen nach dieser Frau bekommt er nicht unter Kontrolle und weil sie die Freundin seines Förderers und Bosses ist, ist zwangsläufig, was passiert. Verrat, Intrige, Blut und noch viel mehr Blut. Scheitern. Michelle Pfeiffer, 26 Jahre alt, spielt Elvira, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan; sie hat Erfahrungen gesammelt im TV-Geschäft, das Präzision und schnelle Auffassungsgabe von seinen Akteuren verlangt, sie hatte in „Grease 2“ vergangenes Jahr keine Chance mit einer Fortsetzung des großen Kinoerfolgs und diese Chance mit weichem Gesicht und zielbewussten blauen Augen genutzt. Sie, das dürre Mädchen mit dem schönen Gesicht, ist keine Sekunde beeindruckt von Tony Montana – oder von irgendeinem anderen der um sie herum irrlichternden Kerle. Sie ist ein grandios gelangweiltes Trophy Wife. Sie kann nichts, sie hat keine Ziele, sie ist klug genug zu wissen, dass sie so einen Mann wie Frank Lopez – oder später eben Tony Montana – braucht, wenn sie nicht mit 30 tot in der Gosse liegen will. Also fügt sie sich dem jeweiligen Boss mit der genervten Grandezza einer Diva, der diese Männerwelt am Arsch vorbei geht. Montanas erste Balzversuche bügelt sie ab: „I dont fuck with the Helps“ – „Ich ficke nicht mit Hilfskräften!

Michelle Pfeiffer überzeugt als rebellischer Engel, die weißes Kleid und weißen Hut fabelhaft mit schlechter Laune kombiniert, ein zartes Gegengewicht zum wie wahnsinnig agierenden Al Pacino. Um sie herum inszeniert DePalma eine kultivierte Welt unkultivierter Männer. Die Deals spielen sich in First-Class-Places ab; DePalmas Unterwelt ist die Welt der Reichen und Schönen – nur auf der negativen Seite. „In diesem Land muss man zuerst Geld machen. Wenn Du das Geld hast, bekommst Du die Macht. Wenn Du die Macht hast, bekommst Du die Frauen.“ Sagt Montana, der selbstverliebte Stier, und vergisst dabei, dass Stil wichtiger ist als Machsimo – sein mit Tigerfell-Imitat ausgeschlagener Cadillac erweist sch als Abtörner #1, als ein bei den Miami-Bikini-Girls nicht vermittelbares Vehikel. Montana lernt schnell, sein nächster Wagen ist ein silbergrauer Porsche 924.

Ein irrer Kubaner. Was hat das mit mir zu tun?, mag man sich fragen, während auf der Leinwand Blicke flattern, Kugeln fliegen und Kokain pulvert. Aber DePalma lässt seine Zuschauer nicht so leicht vom Haken. Im letzten Drittel des Films gibt es eine Restaurantszene – Montana gerät sich mit Elvira in die Haare, ein übler, lauter Streit, an dessen Ende sie ihn verlässt, während die braven und so distinguiert handelnden Millionäre an den Nebentischen lustvoll starren. Montana hat da die Spitze seiner Karriere schon überschritten und ist ganz oben nicht glücklich geworden. Er sieht müde aus, leer, manchmal lässt ihn eine Schusswunde aussehen wie ein hässlicher Haufen Elend – ein überarbeiteter Krieger: kaputt, ausgelaugt, besoffen. Das perfekte Subjekt des Neids der Anderen. Montana stiert mit gehässigem Blick durchs Restaurant und faucht die braven Bürger – von denen wir alle wissen, dass man als braver Bürger nicht Millionär wird – an „Ihr braucht Leute wie mich. Damit Ihr mit dem Finger auf mich zeigen und sagen könnt Das ist der Böse!

DePalmas „Scarface“ ist nicht Der Pate. Aber wie Coppolas Familenfilm ist auch DePalmas Gangsterfilm ein Portrait der Gesellschaft um sich herum, nur lebt bei ihm die Fratze des Kapitalismus' weniger heimelig als bei Coppolas Bolognaise kochenden Killern.

Wertung: 7 von 9 D-Mark
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