Kinoplakat: Boyhood
Ein selten intimer Blick
auf den Durchschnitt
Titel Boyhood
(Boyhood)
Drehbuch Richard Linklater
Regie Richard Linklater, USA 2014
Darsteller
Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Elijah Smith, Lorelei Linklater, Steven Chester Prince, Bonnie Cross, Sydney Orta, Libby Villari, Ethan Hawke, Marco Perella, Jamie Howard, Andrew Villarreal, Shane Graham, Tess Allen, Ryan Power u.a.
Genre Drama
Filmlänge 165 Minuten
Deutschlandstart
5. Juni 2014
Inhalt

Das Leben des sechsjährigen Mason Jr. wird auf den Kopf gestellt, als seine Mutter Olivia mit ihm und seiner Schwester Samantha in ihre Heimat Texas zurückkehrt, um noch einmal das College zu besuchen.

Dort bekommen die Kinder immerhin auch ihren Vater Mason Sr., der seit der Scheidung kaum für sie da gewesen ist, wieder öfter zu Gesicht. Mason Jr. muss sich mit seiner neuen Lebenssituation arrangieren – und durchlebt so die zwölf Jahre, die aus einem kleinen Jungen einen Mann machen: Es stehen Campingausflüge mit dem Vater an, es wird das erste Bier getrunken, der erste Joint geraucht und auch die erste große Liebe erlebt.

Doch die Männergeschichten von Olivia sorgen immer wieder für Probleme …

Was zu sagen wäre

Ein Spielfilm, der über den Zeitraum von zwölf Jahren entsteht, um die Kindheit und Jugend eines Jungen mit immer denselben Schauspielern inszenieren zu können, ist für sich schon ein interessantes Experiment, auf dessen Ausgang ich neugierig bin. Den Vorschusslorbeeren nach zu urteilen, die den Film seit seiner Premiere auf der Berlinale 2015 begleiten, muss er auf die Frage nach dem vertiefenden Warum? mehr zu bieten haben, als das plumpe Weil er es kann!. Auf diesem Grat schwankt der Film wie ein Segel im Wind.

Richard Linklater dreht über zwölf Jahre mit immer denselben Akteuren. Er dreht aber keine RealLife-Doku. Richard Linklater untermauert sein Langzeitprojekt mit einem fiktionalen Drehbuch. Er zeigt sich aber pragmatisch genug, weil die Entwicklungen besonders der jungen Schauspieler nicht vorhersagbar waren, sein Drehbuch nur jahrweise zu schreiben. er bezeichnete sich als „totally ready to adapt the story to whatever he is going through“ („absolut bereit, das Drehbuch an das anzupassen, was er – Ellar Coltrane – gerade durchmacht“) – Press Association News, 16. Mai 2002. Aus dieser sich gegenseitig ausschließenden Umklammerung kann der fertige Film sich nicht lösen. Eine ganze Weile bleibt er mir fern, gehöre statt dessen ich dem Film. Ich muss Vertrauen haben in Regisseur und Autor, denn auf der Leinwand tut sich wenig. Der Junge wird immer mal ein bisschen älter – das ist schön unaufdringlich erzählt, ganz so, als ob der Film seinen USP verneinen wolle.

Souverän führt Linklater („Before Midnight“ – 2013; „A Scanner Darkly“ – 2006; „Before Sunset“ – 2004; School of Rock – 2003; The Newton Boys – 1998; „Before Sunrise“ – 1995) seine Zuschauer durch die Stationen dieses coming of age. Unser Vertrauen wird belohnt, der Junge wächst uns ans Herz, wir vergessen, dass eine Geschichte – die Story – noch immer nicht begonnen hat. Während wir ein das-Leben-ist-Story-genug-Surrogat erzählt bekommen und darauf warten, dass diese Oma-blättert-durchs-Familienalbum-Dramaturgie zu einem Höhepunkt finden möge, erfreuen wir uns an und freuen wir uns mit den Entwicklungsschritten, die Mason durchmacht; da entwickelt dieser Film – ich kann das hier mal offenen Herzens sagen – etwas Magisches.

„Boyhood“ ist ein lohnenswertes Experiment, ein kongenialer Sonntag-auf-dem-Sofa-Film, ein spannungsarmes Drama, ein schlechter Spielfilm. Aber eben auch das hinreißende Porträt einer mitreißend durchschnittlichen Figur – aber darauf muss man sich erst einmal einlassen.

Wertung: 5 von 8 €uro