Kinoplakat: Blau ist eine warme Farbe
Eine Amour fou mit einer
ungewöhnlichen Perspektive
Titel Blau ist eine warme Farbe
(La vie d'Adèle)
Drehbuch Abdellatif Kechiche + Ghalia Lacroix
nach dem Comicbuch „Le Bleu est une couleur chaude“ von Julie Maroh
Regie Abdellatif Kechiche, Frankreich, Belgien, Spanien 2013
Darsteller

Léa Seydoux, Adèle Exarchopoulos, Salim Kechiouche, Aurélien Recoing, Catherine Salée, Benjamin Siksou, Mona Walravens, Alma Jodorowsky, Jérémie Laheurte, Anne Loiret, Benoît Pilot, Sandor Funtek, Fanny Maurin, Maelys Cabezon, Samir Bella u.a.

Genre Drama, Romantik
Filmlänge 179 Minuten
Deutschlandstart
19. Dezember 2013
Inhalt

Adèle geht noch zur Schule, als sie feststellt, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlt. Nachdem sie ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit einem Mann gemacht hat, ohne dabei große Erfüllung zu verspüren, verliebt sich die 17-Jährige in die ältere Kunststudentin Emma, die sie mit ihrem außergewöhnlichen Aussehen und ihrer bildungsbürgerlichen Attitüde beeindruckt.

Die beiden Frauen lassen sich auf eine Affäre ein, aus der eine Beziehung entsteht. Nach ihrem Schulabschluss beginnt Adèle eine Ausbildung zur Pädagogin und ist ihrer Freundin völlig verfallen.

Emma macht Adèle zu ihrer Muse und stellt sie ihrem erlesenen Freundeskreis vor, in dem Adèle zwar positiv aufgenommen wird, sich jedoch in der ungewohnten Umgebung nicht völlig wohlfühlt.

Gleichzeitig beginnt Adèle eine Ausbildung zur Grundschullehrerin. In Emmas kultiviertem Freundeskreis fühlt sie sich nicht wohl, wo sie nur Anschluss zum Schauspieler Samir findet.

Als Emmas Bilder sich nicht verkaufen und sie immer öfter als Grafikerin mit ihrer früheren Lebensgefährtin Lise zusammenarbeitet, fühlt sich Adèle einsam. Sie beginnt eine kurze Affäre mit einem Arbeitskollegen …

Was zu sagen wäre

Girl meets Girl. Girl fell in Love with Girl. Eigentlich ist „La vie d'Adèle“ eine Liebesgeschichte, klassisch durchdekliniert von Alpha wie Aufmerksam werden bis Omega wie Ofen aus. Leidenschaftlich feucht und wild ronatisch.

Eigentlich.

Ein Marketing-Schleier falscher Provokationen

Aber es sind eben zwei Frauen. Und der Film dauert drei Stunden. Und er behinhaltet zweieinhalb wilde, explizite, sehr ausdauernde Sexszenen. Das ist alles eher kein Bestandteil einer klassischen romantischen Erzählung. Der leidenschaftliche Sex, der offenkundig eine entscheidende Rolle spielt im Leben von Adèle und Emma, wird noch dazu eher leidenschaftslos, nahezu analytisch lat inszeniert – da ist so gar nichts romantisch. „Der Regisseur hat uns betrogen“, haben die beiden Hauptdarstellerinnen, Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos, nach der Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes geklagt, sie fühlten sich schrecklich, würden nie wieder mit Abdellatif Kechiche drehen. Später entschärften sie ihre Vorwürfe, Kechiche drohte damit, den Film zurückzuziehen, weil er sich „beschmutzt“ fühle und das alles war eine gute Werbung für den Film, denn nun hatte Jeder ein Bild von dem, was er wohl zu sehen bekommen würde.

Zieht man diesen Schleier des provozierten oder inszenierten oder vermeintlichen Skandals beiseite, bleibt immer noch ein Film über romantische Leidenschaft, die Leiden schafft und dieser hier sagt noch, dass das geschlecht beim leiden keine Rolle spielt; Liedbe ist ein universelles Gefühl – es trifft und verletzt jeden gleichermaßen. Und weil der Sex nicht sonderlich anregend inszeniert, die lesbische Liebe nichts gar so Besonderes ist – außer, dass Adèles Eltern Emma als Tutorin vorgestellt bekommen, Emmas Eltern Adèle umgekehrt aber als Geliebte, was Emmas Eltern völlig alltäglich nehmen – bleibt übrig das Thema Liebe.

Liebe ist was Wunderbares und was Furchtbares

Zum Thema Liebe, zu deren Funken, deren Wachsen und Vergehen, hat Abdellatif Kechiche einiges zu sagen. Und er findet wunderschöne Bilder und zwei hinreißende Hauptdarstellerinnen – wenn es auf der Parkbank zwischen den beiden funkt … Wow! Léa Seydoux, die ältere, erfahrenere der beiden, kennen wir schon ein bisschen (Leb wohl, meine Königin! – 2012; Mission: Impossible – Phantom Protokoll – 2011; Midnight in Paris – 2011), Adèle Exarchopoulos ist eine Entdeckung. Das findet der Regisseur offenbar auch, nimmt man die Großaufnahmen, die er ihren Lippen, Wangen, Augen widmet als Gradmesser. Die 20-Jährige spielt die sexuelle Infantin mit einer Lässigkeit, die andeutet, dass wir uns diesen komplizierten Namen merken sollten – Adèle Exar-cho-pou-los; französische Regisseure lieben schöne, freizügige Frauen, die auch noch gute Schauspielerinnen sind.

Aber der Film ist zu lang. Wenn die Liebe etabliert und etwas erkaltet ist, hat Kechiche nichts mehr zu erzählen, außer den Schmerz der Trennung. Statt dessen bleibt er bei der etablierten Beziehung und braucht zu viele Bilder, um die neuen/alten Beziehungen dagegen zu stellen. Das ginge auch schneller, ohne Verlust des Schmerzes, ohne das der Film weniger intensiv wäre. Ebenso die Exposition: Es mag im wahren Leben lang dauern, die eigene Sexualität zu definieren. Im Film schauen wir Adèle zu lang zu, wie sie an ihrem Liebhaber (ver)zweifelt. Es gibt ausführliche Streitereien auf dem Schulhof mit den – offenbar – homophoben Freundinnen und Freunden – das ist redundant, die Dialoge haben den Charme der Chronistenpflicht; hauptsache, wir haben es im Film erwähnt.

„Blau ist eine warme Farbe“ erzählt mit Leidenschaft von der Liebe – und von dem Zufall, der allein sie möglich macht, oder, wie wir lernen werden, auch verhindert. Es hängt immer davon ab, welche Richtung Du an der nächsten Straßenecke nimmst.

Wertung: 6 von 8 €uro