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Plakatmotiv: Eine auswärtige Affäre
Eine beißende Satire mit einer
hinreissenden Jean Arthur
Titel Eine auswärtige Affäre
(A Foreign Affair)
Drehbuch Charles Brackett + Billy Wilder + Richard L. Breen
Regie Billy Wilder, USA 1948
Darsteller Jean Arthur, Marlene Dietrich, John Lund, Millard Mitchell, Peter von Zerneck, Stanley Prager, William Murphy, Raymond Bond, Boyd Davis, Robert Malcolm, Charles Meredith, Michael Raffetto, Damian O'Flynn, Frank Fenton, James Lorimer u.a.
Genre Komödie, Drama
Filmlänge 116 Minuten
Deutschlandstart
6. Mai 1977 (TV-Premiere)
Inhalt
Die republikanische Kongressabgeordnete Phoebe Frost landet mit einer Delegation im kriegszerstörten Berlin, um die Moral der dort stationierten amerikanischen Truppen zu überprüfen. Bei ihrer Ankunft am Flughafen Tempelhof lernt sie Captain John Pringle kennen, der wie sie aus dem verschlafenen Iowa kommt und dem sie von einer Verehrerin aus ihrer gemeinsamen Heimat eine Schokoladentorte überreicht.

Die sittenstrenge Abgeordnete ist entsetzt über die moralischen Entgleisungen, die sie an allen Ecken Berlins beobachten kann. Um die genaueren Umstände zu erfahren, trennt sie sich von ihrer Gruppe und gibt sich bei zwei GIs als deutsche Frau aus. Die führen sie prompt in den Nachtklub „Lorelei“, in dem die Sängerin Erika von Schlütow auftritt. Sie soll einen heimlichen amerikanischen Verehrer haben, der seine schützende Hand über sie hält, obwohl sie während des Dritten Reichs eine enge Beziehung zur Naziführung unterhalten hat.

Phoebe Frost wendet sich an Captain Pringle, der ihr bei der Identifizierung dieses pflichtvergessenen Offiziers behilflich sein soll. Sie ahnt nicht, dass ausgerechnet Pringle selbst jener heimliche Verehrer ist. Er hat sogar die Schokoladentorte, die Phoebe mitgebracht hat, auf dem Schwarzmarkt gegen eine bequeme Matratze für Erika eingetauscht. Um nicht aufzufliegen, beginnt Pringle damit, Phoebe den Hof zu machen, um sie von ihren Nachforschungen abzulenken. Prompt verliebt sich die unerfahrene Abgeordnete in den schneidigen Captain. Sein Vorgesetzter, Colonel Rufus J. Plummer, weiß jedoch von der Affäre mit der Nazi-Künstlerin. Er will, dass sie fortgeführt wird, weil er hofft, über Erika an den untergetauchten Nazi Hanns Otto Birgel heranzukommen, dessen Geliebte Erika von Schlütow einst war …

Was zu sagen wäre

Billy Wilders Nachkriegs-Drama ist eine beißende Satire auf (US-amerikanische) Doppelmoral und (deutsche) Heuchelei, in dessen Mittelpunkt das Duell zweier großer Schauspielerinnen steht.

Wilder, der als US-Offizier für Film und Propaganda 1945 in Berlin stationiert war, hat die Bilder der zerstörten Stadt, welche die Kongressleute beim Anflug abschätzig als „Rattenloch“ bezeichnen, selbst mit seinem damaligen Team aufgenommen und für diesen Film dann wiederverwendet – das erzählt er sehr anschaulich 1997 in einem Gespräch mit dem Hamburger Magazin Der Spiegel. Die Kongressabgeordneten porträtiert Wilder als Biedermänner im Anzug, die sich beim Anflug auf Tempelhof über die Nachkriegsdeutschen lustig machen – „Am besten den Rest auch noch wegbomben und ein großes Weideland draus machen“, „Das sieht ja furchtbar aus da unten.“ „Das will ich auch hoffen, die Bomben waren schließlich teuer genug.“ Und dann schwenkt er auf die einzige Frau an Bord, Phoebe Frost, die keinen Blick für die Trümmerlandschaft hat, weil sie – „First things first!“ – erst ihren Papierkram beenden will, bevor sie Zeit hat, aus dem Fenster zu schauen, also: Papierkram erledigen, Papierkram ordentloich in der Reisetasche verstauen, Füllfederhalter zudrehen, ebenfalls in der Tasche verstauen, dann die kleine Tasche in eine größere Tasche stecken, Handschuhe herausholen und bereit legen, dann die Tasche neben den Füßen drapieren, dann die Handschuhe anziehen – und dann ist Zeit, aus dem Fenster zu schauen.

Plakatmotiv: Eine auswärtige AffäreWilder dreht diese ganze Szene ohne Schnitt, gibt seiner Hauptdarstellerin allen Platz zur Entfaltung und Jean Arthur (Mr. Smith geht nach Washington – 1939) dankt ihm diese Chance mit großer Spielfreude. Im Laufe des Films schnekt ihr Wilder noch viele solcher Szenen ohne Schnitt, die sie mit Mimik, Gesten und kleinen Spielgimmicks füllt. Arthur ist hinreißend in ihrem Spiel zwischen piefiger Landpomeranze und quikiger Romantikerin. Wenn Captain Pringle sie im nächtlichen Archiv mit Küssen bedrängt, macht wilder daraus einen Balztanz mit Rollschubladen, die sie aufzieht, um ihn auf Distanz zu halten, die er wieder zuschiebt, während sie, rückwärts gehend schon die nächste aufzieht, bis sie in einer Ecke landet, in der er sie dann zwischen zwei Schubladen einfängt; eine wunderbare Szene, liebvoll, witzig und höchst romantisch. In der Schlussszene wiederholt er das Spiel mit umgekehrten Rollen. Wilder zeigt in diesem Film die ganze Kunst, Filme zu inszenieren und Geschichten filmdramaturgisch zu erzählen.

Geschickt lenkt ber die Aufmerksamkeit seiner Zuschauer. Ist der zu Beginn noch ganz in der US-Sicht gefangen – erzählt durch die Kongressleute im Flugzeug – dreht er den Spieß in der übernächsten Szene um. Da erleben wir den zuvor verteufelten Schwarzmarkt am Brandenburger Tor und erleben, dass der das einzige ist, was in dieser verlorenen Stadt funktioniert, das einzige, was den Geldkreislauf garantiert; erleben auch, dass der Schwarzmarkt für die GIs ein billiger Supermarkt für Höchstwertiges ist, während die Deutschen, die Kriegsverlierer, die Befreiten, hier ihre letzte Habe für ein paar Kartoffeln verhökern. Da mag man vermuten, dass es dem Stoff hilft, dass Wilder in Österreich geboren wurde, wo er auch aufwuchs, einem Land, das den Nachkriegs-Deutschen nicht nahesteht, aber weniger fern, als die Amerikaner. Wilder hat einen erfrischend sarakstischen Blick gleichermaßen auf Kriegsgwinnler-Rhetorik wie Verlierer-Larmoyanz.

Außerdem hat er einen phantastischen Blick für Frauen. Marlene Dietrich (Der Teufel ist eine Frau – 1935; Der blaue Engel – 1930), für deren kühle Attitüde in anderen Filmen ich keine Leidenschaft entwickle, oszilliert unter Billy Wilder wunderbar ambivalent zwischen armen Opferfrau und kühler Pragmatikerin, bei der bis zum Ende offen bleibt, was sie eigentlich wirklich ist. Dreimal lässt Wilder seine beiden Frauen aufeinander los. Dreimal ist es grandioses Schauspiel. Jean Arthur und Marlene Dietrich scheinen genau zu wissen, wie sie größtmögliche Wirkung erzielen, ihr Timing ist superb. Wenn Wilder, der als penibler Perfektionist gilt, den beiden nicht jeden Satz vorgebetet hat, dann stelle ich mir vor, wie er einfach seine Kamera hat laufen lassen, während er diesen beiden beeindruckenden Profis bei der Arbeit zugeschaut hat. Hart gegen Süß … Verschlagen gegen Verliebt – in den Trümmern einer verlorenen Stadt.

Wertung: 6 von 6 D-Mark
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