Plakatmotiv: Das Appartement (1960)
Ein unverstellter Blick in
die Welt der Hierarchien
Titel Das Appartement
(The Apartment)
Drehbuch Billy Wilder + I.A.L. Diamond
Regie Billy Wilder, USA 1960
Darsteller Jack Lemmon, Shirley MacLaine, Fred MacMurray, Ray Walston, Jack Kruschen, David Lewis, Hope Holiday, Joan Shawlee, Naomi Stevens, Johnny Seven, Joyce Jameson, Willard Waterman, David White, Edie Adams u.a.
Genre Komödie, Drama
Filmlänge 125 Minuten
Deutschlandstart
16. September 1960
Inhalt

Der kleine Angestellte C. C. Baxter arbeitet Tag für Tag in einem riesigen New Yorker Büroturm für den Versicherungskonzern „Consolidated Life“. Er dient sich nach oben, indem er sein Junggesellen-Appartement an der Westside von Manhattan leitenden Angestellten als Liebesnest zur Verfügung stellt. Manchmal muss er stundenlang auf einer Parkbank im Central Park in der Kälte sitzen, bis er wieder in seine Wohnung zurück kann.

Eines Tages trifft sich dort Personalchef Mr. Sheldrake ausgerechnet mit der Fahrstuhlführerin Fran Kubelik, auf die auch C. C. Baxter ein Auge geworfen hat. Auf der betrieblichen Weihnachtsfeier wird ihm klar, dass seine Angebetete Sheldrakes Geliebte ist. Er ertränkt seinen Kummer in Alkohol und will sich als vermeintlicher „Ladykiller“ mit einer Zufallsbekanntschaft trösten. Doch als er wieder zu Hause ist, findet er Miss Kubelik in seinem Schlafzimmer ohnmächtig auf dem Bett vor. Nachdem ihr aufgegangen war, dass sie von Sheldrake nur ausgenutzt wurde, wollte sie sich aus Enttäuschung und Liebeskummer mit Schlaftabletten das Leben nehmen. Baxter ruft seinen Nachbarn Dr. Dreyfuss, der bereitwillig Erste Hilfe leistet, nicht ohne den scheinbar rücksichtslosen Lebenswandel des Junggesellen anzumahnen. Die Patientin erholt in Baxters Bett sich allmählich.

Plakatmotiv (US): The Apartement (1960)Baxter sorgt dafür, dass Mr. Sheldrake keine Schwierigkeiten bekommt. Als sie wieder halbwegs auf den Beinen ist, wird sie von ihrem Schwager abgeholt, der sich über ihren Selbstmordversuch sehr aufregt. Um sie zu schützen, behauptet Baxter, der Schuldige zu sein, und kassiert dafür Prügel. Sie hat zwar erkennen müssen, dass Sheldrake sie nur benutzt hat, doch als dieser kurz darauf ihretwegen angeblich seine Frau verlässt, schwenkt sie noch einmal um …

Was zu sagen wäre

Als Komödie kann diesen Film nur sehen, wer über Clowns lacht, wenn die über ihre Tragik stolpern. Komisch ist an diesem Film eigentlich nichts. Billy Wilder und I.A.L. Diamond haben das Drehbuch geschrieben, das garantiert geschliffene Dialoge und Sprachwitz: Die gebeutelte Fran schärft unsere Sinne mit der Erkenntnis „Wenn Du mit einem verheirateten Mann ausgehst, solltest Du keine Wimperntusche auflegen.

Das Buch selbst aber wirft einen bitteren Blick auf die moderne Arbeitswelt, die eine Welt der Hierarchien ist, in der gemäß der Fahrradfahrer-Metapher nach unten getreten und nach oben gebuckelt wird. Wilder rechnet mit dem Kapitalismus amerikanischer Prägung ab. Hier finden sich alle Motive, die er in seinen Filmen immer wieder verarbeitet, gebündelt: Reich und Arm, Mann und Frau, Sex gegen Geld. Die oben bauen Mist und lassen – empört bei etwaigen gegenfragen – die unten den Mist wegräumen: „Wie kann ich denn helfen? Mir sind die Hände gebunden“, sagen sie dann um Verständnis heischend. Wilders vorgebliche Komödie ist derart böse ist, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Seine Vision von Geschäftsmoral und willigen Untergebenen bewegt sich am Rande der Groteske.

Die Welt, in der diese Groteske spielt, ist dabei sofort zu durchschauen – was ja wichtig ist für moderne Arbeitsnomaden. Als wir C.C. Baxter kennenlernen, sitzt der in einem gigantischen Großraum mit zahllosen Schreibtischen, an denen zahllose Menschen dasselbe machen wie er: Zettel kontrollieren und dann irgendwas in eine Art Rechenmaschine eingeben. Hier unterscheidet nichts den Einen vom Anderen. Als wir später die oberen Stockwerke kennenlernen, sitzen da zunächst auch Menschen an Schreibtischen, aber schon durch Glaswände und türen voneinander getrennt und durch Namen an der Tür unterscheidbar. Ganz oben dann beherrschen dicke Holztüren und strenge Damen in dunklen Vorzimmer das Ambiente. Der Chef ist einzeln und ganz oben – das kennen wir aus Diagrammen, in denen die Bürowelt als Pyramide gezeichnet wird. Die unterschiedlichen Ebenen verbinden die Aufzugsdamen. die haben zwar eine Uniform, die sie von den anderen unterscheidet, aber dafür nicht mal einen Schreibtisch; und sie müssen sich von leitenden Angestellten, die bei jeder Gelegenheit ihre Position ins Gespräch einfließen lassen, auf den Hintern tatschen lassen.

Wilder hat für diese Arbeitsnomaden eine wunderbare Besetzung gefunden: Jack Lemmon, den er in manche mögen's heiß kennen- und schätzen gelernt hat, spielt C.C. Baxter mit Würde und Eleganz. Mit stottender Stimme und hektischer Bewegung unterstreicht er Baxters Fahrigkeit und untertänige Anpassung ans System, dem er aus materiellem und sozialen Opportunismus seine häusliche Privatsphäre opfert. Lange tut er alles, was für die Karriere nötig ist und weil er dabei stets integer bleibt, auch mit Grippe zur Arbeit kommt, und den erkauften Aufstieg immer noch höchst dankbar und leicht erstaunt akzepziert, lieben wir ihn. Es stört ihn nicht, dass er mit seinen Deals Ehebruch unterstützt – es gehen ja eh alle fremd während die jeweilige Frau die Kinder hütet, was soll's also? Und wäre das halbtote Mädchen in seinem Bett nicht die von ihm angehimmelte Fahrstuhlfrau Fran Kubelik, würde er sein Appartement wohl auch weiterhin zur Verfügung stellen – immerhin nimmt er in der Nachbarschaft ja schon alle Schuld auf sich und lässt sich wegen seines vermeintlich unmoralischen Verhaltens beschimpfen. Das alles lesen wir in Jack Lemmons Gesicht unter diesem britischen Bowler Hat, den sich C.C. zu seiner Beförderung geleistet hat und unter dem er nun tatsächlich aussieht wie ein Clown, dem das fröhliche Lachen vergangen ist.

Und das halbtote Mädchen auf seinem Bett ist eben nicht nur irgendeine Fran Kubelik. Es ist eben auch Shirley MacLaine („Immer die verflixten Frauen“ – 1959; „Verdammt sind sie alle“ – 1958; „In 80 Tagen um die Welt – 1956;  Immer Ärger mit Harry – 1955), die diesem Fahrstuhlmädchen eine große Seele gibt. Das fängt an bei dieser kleinen, kreiselnden Fingerbewegung, mit der sie die Fahrstuhlknöpfe bedient oder zudringlichen Männern elegant den Weg weist, das geht weiter, wenn sie aufdringlichen Kerlen deutlich und für alle vernehmbar ihren Platz im Fahrstuhl zuweist. Und wenn die augenscheinlich so auf-eigenen-Beinen-Stehende unter der Erkenntnis der beschissenen Realität dann eben doch zusammenbricht, ist die Bandbreite, die die Schauspielerin hier zeigt, immer noch nicht umfassend gelobt – „Es ist nur der erste Stock. Würden Sie wirklich springen, würden Sie sich nur das Bein brechen.“ „Dann würden sie mich erschießen wie ein Pferd. Wen würde das stören?“ „Mich!“ „Warum verliebe ich mich nicht in jemand so Netten wie Sie?“ „Äh, so ist … das Leben … lebensmäßig … eben.

So ist das … lebensmäßig gesehen: Die gesichtslosen Menschen in diesem Leben, das ein Großraum ist, kommen und gehen, heute hier, übermorgen schon in einer anderen Stadt an einem anderem Großraum-Schreibtisch. Duch Leistung kann man in diesem Fließband kaum glänzen, durch Dauer der Betriebszugehörigkeit auch nicht. Baxters Schreibtischnachbar wundert sich mächtig, als baxter plötzlich aufsteigt, obwohl der noch gar nicht so lange da ist. Aber Baxter hat einen Vorteil in diesem Arbeitsnomaden-Leben: Er ist Single, ungebunden. Das hilft ihm zunächst, sein ohne ihn leeres Appartement an einflussreiche Vorgesetzte für deren intime Techtelmechtel zur Verfügung zu stellen – und auch hier gilt das Hierarchieprinzip: Wer im Hause im höchsten Stockwerk sitzt, hat Erstzugriff auf die Termine in der Privatwohnung des abhängigen Lohnsklaven – während er sich solange in Bars oder auf kalten Parkbänken herumdrückt. Später hilft es ihm, aufrechter zu sein als die anderen Lohnsklaven, die, weil sie eine Familie ernähren müssen, nicht einfach so kündigen können. Diesen Tritt in den Hintern des American Dream – eigenes Haus, Frau, Kinder und Karriere – betont Wilder extra nochmal im Schluss-Dialog seines Films – „ich bin alleinstehend!“

In Wilders Corporate America gründest Du nicht eine familie und bekommst einen Job, um das zu finanzieren. In Wilders Corporate America brauchst Du einen Job, um zu überleben (mit Vorgesetzten, die Du beeindrucken, bestechen, befüttern musst) und kannst nur hoffen, dass Du willfährig genug bist, um soweit aufzusteigen, dass Du Dir eine Familie leisten kannst. Nicht selten sind die Frauen in Wilders Filmen entsprechend fixiert auf Männer mit Geld, mit Macht oder mit beidem – das gilt für Sugar in Manche mögen’s heiß heiß ebenso wie für „Kindchen“ in Das verflixte 7. Jahr, für Lorraine Minosa in Reporter des Satans, aber auch natürlich für Phyllis Dietrichson in „Frau ohne Gewissen“.Entsprechend oft sind Wilders Männer fixiert auf zumindest die Insignien von Macht und Einfluss. Man darf den Autor-Regisseur daher einen zynischen Blick auf die Welt zuweisen – manchmal sogar einen kalten Blick. Das sollte man aber nicht Zynismus im allgemeinen verwechseln. In Wilders kalter Welt geht es für kleinen Angestellten, Lohnsklaven und Verlierer am Ende meistens gut aus – Ausnahmen bestätigen die Regel.

In diesem Film hat sich Billy Wilder auch in gewisser Weise selbst verewigt: In keinem Film zuvor wurden seine europäischen Wurzeln so deutlich wie hier (sieht man mal von Eine auswärtige Affäre ab, der in Europa – im zerbombten Berlin – spielt): Ziemlich am Anfang sitzt Baxter alleine in seinem Appartment, hat sich eine Fertigmahlzeit heiß gemachWerbung angekündigt. Baxter gibt entnervt auf und schaltet den Fernseher aus. Das ist nicht nur ein Seitenhieb auf das aufkommende Fernsehen, das als „Pantoffelkino“ die Kinoindustrie bedroht, das ist auch ein Seitenhieb auf die gnadenlose Durchkommerzialisierung des US-Alltags, die diesen Film im Folgenden beherrschen soll. Seine europäischen Wurzeln betont Wilder über die (mit dem Oscar prämierte) Set-Decoration. In Baxters Appartement hängen Drucke von Klees „Goldfisch“, von Rousseaus „Die schlafende Zigeunerin“, „Drei Musiker“ von Picasso, von Chagall „Ich und das Dorf“, weiter Bilder von Leger, Mondrian und anderen.

Wertung: 7 von 7 D-Mark