Kinoplakat: Nachtzug nach Lissabon

Zu viele Buchstaben
zu wenig Bilder

Titel Nachtzug nach Lissabon
(Night Train to Lisbon)
Drehbuch Greg Latter + Ulrich Herrmann
nach dem gleichnamigen Roman von Pascal Mercier
Regie Bille August, Deutschland, Schweiz, Portugal 2013
Darsteller Jeremy Irons, Mélanie Laurent, Jack Huston, Martina Gedeck, Tom Courtenay, August Diehl, Bruno Ganz, Lena Olin, Marco D'Almeida, Beatriz Batarda, Christopher Lee, Charlotte Rampling, Nicolau Breyner, Jane Thorne, Burghart Klaußner u.a.
Genre Drama, Romantik
Filmlänge 111 Minuten
Deutschlandstart
7. März 2013
Inhalt

Raimund Gregorius ist ein in die Jahre gekommener Gymnasiallehrer für alte Sprachen in Bern, der – seit über fünf Jahren geschieden – allein in seiner mit Büchern vollgestopften, dunklen Etagenwohnung lebt, unter Schlaflosigkeit leidet und jeden Morgen schon vor dem Frühstück Schach mit sich selbst spielt. An einem regnerischen Morgen rettet er auf seinem Weg zur Schule eine junge Portugiesin, die gerade von der Kirchenfeldbrücke ins Wasser springen will. Auf ihre Bitte hin nimmt er die völlig durchnässte Frau zum Aufwärmen mit in seinen Lateinunterricht. Sie verlässt das Klassenzimmer allerdings schon bald wieder.

In ihrem roten Mantel, den sie zurücklässt, findet Gregorius ein Buch des portugiesischen Autors Amadeu de Prado. Beim Durchblättern fällt eine Zugfahrkarte nach Lissabon heraus, Abfahrt in 15 Minuten. Gregorius eilt zum Bahnhof, kann das fremde Mädchen allerdings nirgends entdecken. Verwirrt von der Begegnung und fasziniert vom verheißungsvoll poetischen Titel des Buches, „Um ourives das palavras“ (Ein Goldschmied der Worte), entschließt sich Gregorius kurzerhand, in den abfahrenden Zug einzusteigen, den Fahrschein für sich selbst zu nutzen und so spontan aus seiner jahrzehntelangen Alltagsroutine auszubrechen, um sich in Lissabon auf die Spurensuche nach dem Buchautor zu begeben.

Unter Amadeu de Prados alter Adresse findet er dessen verhärmte Schwester Adriana, die ihren Bruder abgöttisch verehrt und sich so verhält, als wäre ihr Bruder noch am Leben, obwohl der vor über 30 Jahren gestorben ist – an einem Aneurysma am Tag der Revolution gegen die Salazar-Diktatur. Gregorius trifft auf seiner Suche auf verschiedene Wegbegleiter Amadeus – Freunde, Gegner, Widerstandskämpfer – und klärt Schicksale aus der Zeit, in der der Geheimdienstoffizier Mendes in Lissabon ein grausames Regiment führte – wegen seiner brutalen Folter- und Tötungsmethoden war er als Schlächter von Lissabon berüchtigt. Susgerechnet Amadeu war es, der als Arzt seinem Eid folgend diesem verhassten Menschenquäler das Leben rettete und deshalb in den Augen der unterdrückten Bevölkerung vom Samariter zum politischen Verräter wurde.

Gregorius begegnet weiteren wichtigen Personen, die Amadeu gekannt haben, und taucht so immer tiefer in eine dramatische Dreiecksgeschichte ein, die während des Diktaturterrors spielt und in mehreren Rückblenden erzählt wird …

Was zu sagen wäre

Literaturverfilmungen sind Schöpfungen in der Zwickmühle. Einerseits erzählen sie eine Geschichte, die ein anderer bereits erzählt hat; weicht die Verfilmung davon ab, ist der Literaturfreund sauer und der Gedanke der Verfilmung hinfällig – mit neuer Geschichte ist es ein Film, der Motive eines Romans klaut. Andererseits muss der Regisseur der Verfilmung einen Ansatz finden, der die Geschichte in Bildern funktionieren lässt; Kino ist zuerst ein Medium des Bildes, dann des Tons und erst dann eines des Wortes. Bille August, Regisseur komplexer Romanverfilmungen wie Das Geisterhaus (1993), hat beides zu verknüpfen versucht.

Die Handlung springt mit jeder neuen Begegnung Gregorius‘ in die Vergangenheit – das entspricht der Struktur des Romans. Er huldigt aber auch den Sätzen des Romans. Im ersten Drittel, wann immer Gregorius in dem Buch liest, das ihn offensichtlich fasziniert, hören wir schwerblütig vorgetragene Texte aus dem Off, dazu Bilder des Lesenden am Strand, des alternden Lehrers durch die Gassen Lissabons streifend. Weil das Auge aber den Bildern folgt, die keinen Bezug zum Vorgelesenen im Off haben, verliert der Zuschauer schließlich beides und bleibt mit umso mehr Fragezeichen zurück. Erst, als Gregorius genug Zeitzeugen beisammen hat, entfaltet der Film eigenen Drive, auch wenn er dabei nicht über das Niveau brav abgefilmter Literatur hinauskommt. Da werden aber wenigstens vergangene Figuren lebendig, während die aktuelle Figur somnambul durch die Gassen streift, kein eigenes Leben entwickelt und auch sonst ohne Tiefe bleibt.

Was Gregorius an der rätselhaften jungen Frau so nachhaltig fasziniert, was ihn an den Sätzen Amadeus so antreibt, bleibt unerklärt. Einmal schwärmt er, die Figuren im Buch hätten „aber gelebt“, ganz so, als habe der alternde Lehrer ein langes Leben ohne Leben geführt. Der Professor stolpert ohne besondere Regung durch die Kapitel, die sein weiteres Leben umkrempeln, die ihn alles stehen und liegen lassen. Warum? Das bleibt offen. Ich muss das mal so glauben. Der Film erholt sich von dieser nicht nachvollziehbaren Motivation im ersten Drittel nicht, verliert mich in den ersten zehn Minuten. Es ist dann mühsam, zurückzufinden. Dabei hilft nicht, dass zu viele Zufälle nötig sind, um Gregorius auf seiner Suche voranzubringhen. Eine aparte Augenärztin, der Martina Gedeck robusten Charme verleiht, während sie Gregorius eine neue Brille anpasst, hat „einen Onkel, er lebt in einem Heim“, der Amadeu kannte und immer neue Kontaktleute von damals aus dem Hut zaubert. Was in der Vorlage schlüssig wirkt, bleibt in der Verfilmung plump.

Natürlich sind es grandiose Schauspieler – Jeremy Irons, Charlotte Rampling, Martina Gedeck, Bruno Ganz – und das alte Lissabon bietet die ganze Grandezza verfallener Imposanz auf, um die Fallhöhe des Dramas auf zwei Zeitebenen zu erfassen, allein … das Script kommt nicht hinterher, der Zuschauer im Kinosessel fragt sich unablässig: Warum? Da wird eine unter dem Strich oft erzählte Liebe-und-Verrat-im-Faschismus-Geschichte erzählt und mit allerlei philosophischem Off-Text aufgeblasen, der das Leinwand-Drama (zer)stört. Es gibt Bücher, wortgewaltige Texte, die sich einer profanen Verfilmung entziehen – bei allem Thrill, der sich zwischenzeitlich entwickeln mag.
Wertung: 3 von 8 €uro