Kinoplakat: Bernard und Bianca – Die Mäusepolizei
Das Disney-Imperium stellt sich neu auf.
Realistischer. Komplexer. Dunkler. Knuffiger.
Titel Bernard und Bianca – Die Mäusepolizei
(The Rescuers)
Drehbuch Larry Clemmons + Ken Anderson + Frank Thomas + Vance Gerry + David Michener + Ted Berman + Fred Lucky + Burny Mattinson + Dick Sebast
inspiriert durch „The Rescuers“ und „Miss Bianca“ von Margery Sharp
Regie John Lounsbery & Wolfgang Reitherman & Art Stevens, USA 1977
Stimmen

Bob Newhart, Gerd Duwner, Eva Gabor, Gisela Fritsch, Robie Lester, Wencke Myhre, Michelle Stacy, Andrea Pawlowski, Jim Jordan, Harald Juhnke, Geraldine Page, Beate Hasenau, Joe Flynn, Peter Schiff, Pat Buttram, Klaus Miedel, Jeanette Nolan, Inge Wolffberg, John McIntire, Arnold Marquis, Jim Macdonald, Jim Macdonald, George Lindsey, Joachim Kemmer u.a.

(aufgeführt sind die Original- und die deutschen Synchronstimmen)

Genre Zeichentrick
Filmlänge 78 Minuten
Deutschlandstart
16. Dezember 1977
Website WaltDisney.org
Inhalt

Kinoplakat: Bernard und Bianca – Die MäusepolizeiDie skrupellose Madame Medusa hat die kleine Penny aus dem Waisenhaus entführt. Hier kann jetzt nur noch einer helfen: die Rescue Aid Society, eine von Mäusen geleitete Hilfsorganisation.

Lady Bianca, die Deligierte aus Ungarn macht sich gemeinsam mit Hausmeister Bernard auf den Weg, Penny zu retten. Das wird kein leichtes UNterfangen: Die erste Hürde wartet gleich vor der Tür – die Albatros Air. Geschäftsführer, Pilot und Flugbegleiter in Personalunion, Orville, hat eine eigene Vorstellung von erfolgreichen Starts und Landungen. Vor allem Bernard ist schnell überzeugt „Wir hätten den Zug nehmen sollen“.

Wider Erwarten bringt Orville die beiden in die Sümpfe, wo Bernard und Bianca bald den beiden gigantischen Aligatoren Nero und Brutus gegenüberstehen, die die kleine Penny bewachen. Wie gesagt: Kein leichtes Unterfangen …

Was zu sagen wäre

Die märchenhafte Glückseligkeit früherer Disney-Produktionen ist im harten Alltag der 70er Jahre aufgeschlagen. Vorbei die Zeiten singender Prinzessinen, die auf ihren Prinzen warten. Die heutige Heldin schmachtet keinem Prinz mehr entgegen, ihr würden schon Eltern reichen. Penny ist Waisenkind, sitzt im Heim und wurde entführt. Von einer Madame Medusa, die optisch die ausgekotzte Cousine von Cruela De Vil ist, nur das Medusa keine Dalmatiner jagt, sondern einen Diamanten haben will, den nur die kleine Penny aus einer Höhle heraus holen kann.

Zum ersten Mal seitSchneewittchen fängt ein Disney-Trickfilm dunkel, drohend an: Ein kleines Mädchen auf einem heruntergekommen Rad-Dampfer in den nächtlichen Sümpfen wirft, beobachtet von grausigen Krokodilen mit glühenden Augen, eine Flaschenpost ins Wasser –„Help!“. Aus diesem Intro zaubern die neuen Herren über den Trickfilm – Walt Disney war 1966 gestorben, sein Einfluss reichte noch bis Aristocats – einen Titelvorsann in wunderschönen Guachefarben, die den Weg der Flaschenpost nachzeichnen, begleitet von einem professionell orchestrierten Song; es wirkt auf der erzähltechnischen Seite alles einen Tick dicker, wuchtiger.

Kinoplakat: Bernard und Bianca – Die MäusepolizeiAber auch das Storytelling hat sich verändert. Mäuse retten Menschen. Das ist bei Disneyfilmen erstmal nichts Neues, schon Cinderella kam in den Genuss, im Mäusereich gute Freunde zu haben, die ihr aus so mancher Patsche halfen. Aber die Mäuse blieben stumm und süß.

Mit dem vorliegenden Film rücken die rettenden Mäuse ins Zentrum, die Prinzessein, die heute ein einfaches Waisenkind ist, wird zum stupsnäsigen MacGuffin, der im Zentrum des Strebens aller anderen steht.

Um sie herum gibt es die klassische Menagerie des Disneyfilms zu bestaunen. Während die Schurkin, Medusa, eher ein geschmacklicher Ausfall ist, den auch ihr tumber Assistent, Mr. Snoops, nicht auffüllen kann, keucht sich eine Libelle in die Herzen der Kinder im Publikum, die ob ihrer hohen Flügelschlagfrequenz in Schwierigkeiten gerät, aber – kleine Libelle, großes Herz!

Da ist natürlich Orville, der Albatros, der in der Tat erstaunliche Start- und Landemanöver vollführt. Aber vor allem sind da diese beiden Krokodile, die einen Gala-Auftritt bekommen, wenn sie zum ersten Mal merken, dass … Mäuse – parfümierte Mäuse – an Bord sind. Bernard und Bianca verstecken sich in einer Orgel und die Krokos hauen in die Tasten, auf dass die Mäuse oben aus den Pfeifen geblasen werden, wo das andere Kroko wartet – ein wunderbares, saukomisches Ballett, das ein Schlaglicht auf den Ideenreichtum der Disney-Crew wirft, die sich zum letzten Mal um Disney’s Nine Old Men gruppieren, den großen, alten Künstlern des Disney-Studios, mit denen Walt einst begonnen hatte.

Schließlich gibt es die beiden Titelhelden, die ungarische Deligierte Mrs. Bianca und Bernard, der Hausmeister. Goldig gezeichnet, wunderbar animiert, die Lady und der Handwerker, ein Traumpaar des zeitgenössischen Kinos. Nach Robin Hood ist das der zweite Versuch, den Zeichentrickgeschichten eine komplexe Handlung zu geben – die Abenteuer der Mäuse hier, das Schicksal des Mädchens dort und das Ganze in Parallelmontage und leider stinkt Medusa mit dem Diamanten in der Dramaturgie ab; sie ist zu keifig, zu aggressiv, zu überzeichnet böse. Irgendwann ist die Hexe langweilig – dann bleiben wenigstens zwei süße Mäuse, eine Libelle und zwei Orgel spielende Krokodile.

Wertung: 8 von 9 D-Mark