Kinoplakat: Argo
Ein real existierender Fingernägel-Beißer
Wunderbar in Szene gesetzt und gespielt
Titel Argo
(Argo)
Drehbuch Chris Terrio
nach dem Artikel „Escape from Teheran“ von Joshuah Bearman (und dem Tatsachenroman „The Master of Disguise“ von Antonio J. Mendez
Regie Ben Affeck, USA 2012
Darsteller Ben Affleck, Bryan Cranston, Alan Arkin, John Goodman, Victor Garber, Tate Donovan, Clea DuVall, Scoot McNairy, Rory Cochrane, Christopher Denham, Kerry Bishé, Kyle Chandler, Chris Messina, Zeljko Ivanek, Titus Welliver, Keith Szarabajka, Bob Gunton, Richard Kind, Richard Dillane, Omid Abtahi u.a.
Genre Drama
Filmlänge 120 Minuten
Deutschlandstart
8. November 2012
Inhalt

Teheran 1979: Auf dem Höhepunkt der iranischen Revolution wird am 4. November die US-Botschaft in Teheran gestürmt – militante Studenten nehmen 52 Amerikaner als Geiseln. Mitten in diesem Chaos gelingt es sechs Amerikanern, sich davonzuschleichen und in das Haus des kanadischen Botschafters zu fliehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Verbleib der sechs bekannt wird – ihr Leben steht auf dem Spiel. Deshalb entwirft der auf das „Ausfiltern“ spezialisierte CIA-Agent Tony Mendez einen riskanten Plan, um die Flüchtlinge außer Landes und in Sicherheit zu bringen. Er kontaktiert Hollywood.

Mendez sucht Leute, die glaubhaft versichern können, einen großen Science-Fiction-Film drehen zu wollen und dafür auf Schauplatz-Suche zu sein. Immer noch wirkt der immense Erfolg von Star Wars nach. „MGM ist ganz heiß auf Science Fiction“, sagt ein Drehbuchautor. Die in der kanadischen Botschaft untergeschlüpften sechs US-Bürger sollen nun glaubhaft ein Filmteam verkörpern – wenn sie nicht gefoltert werden und sterben wollen …

Was zu sagen wäre

Großes Kino. Wunderbar, dass Ben Affleck endlich seine Wurzeln wiedergefunden hat. Schauspielen war nie seine Qualität. Affleck (Daredevil – 2003; Pearl Harbor – 2001) kann schreiben und Regie führen. Und hier darf er auch noch seine Branche beschreiben. Erstaunlich: Der US-Geheimdienst, an dem Autoren sonst ungern auch nur ein gutes Haar lassen, kommt in diesem Film vergleichsweise gut weg, die Idioten und Spinner sitzen in Afflecks Film in den Filmstudios an der Westküste.

Sehr witzige Dialoge

Der „Planet der Affen“ läuft im Fernsehen. Das gibt den Ausschlag zu dem verwegenen Plan einer Geiselbefreiung durch ein vermeintliches Filmteam, insgeheim bestehend aus CIA-Leuten – die mit Film sonst eher nichts am Hut haben. Und so fragt also der CIA-Mann den freundlichen Maskenbildner vom Science-Fiction-Film, wen der denn mit dieser Art Filmen ins Kino locken wolle und der Mann vom Film erwidert „Menschen mit Augen!“, John Goodman („Die Qual der Wahl“ – 2012; Extrem laut und unglaublich nah – 2011; The Artist – 2011) gibt diesen Maskenbildner und er fügt seinem umfangreichen Werk ein weiteres kleines Glanzstück hinzu. Die Dialoge in diesem Film sind anbetungswürdig. Die Rechte am Drehbuch hatte sich ursprünglich George Clooney gesichert, der den Film nun produziert.

In seiner Villa auf der geräumigen Couch sitzt der Filmproduzent, der der CIA auf die Sprünge helfen soll. Den spielt der ehrenwerte, großartige, einzigartige Alan Arkin (Die Muppets – 2011; „Get Smart“ – 2008; Firewall – 2006; Little Miss Sunshine – 2006). Zum Niederknien. Wenn Hollywood sich selbst beschreiben darf, sitzt jede Pointe – da kennen sich die Macher aus. Chris Terrio hat das Drehbuch geschrieben – Hollywood-Autoren sind toll, wenn sie Produzenten zerschießen dürfen.

Alan Arkin als Filmproduzent ist der Kracher

Alan Arkin fasst den Plot der folgenden Story in folgendem Dialog zusammen:
„Ihr habt sechs Leute, die sich in einer Vier-Millionen-Stadt versteckt halten, in der alle den lieben langen Tag Killt die Amerikaner schreien. (...) Ihr wollt Hollywood Lügen auftischen, was hier jeder von Berufs wegen tut!“, sagt der, der lieber „die Falten am Sack meines Köters zählen würde“, als zu dieser verdammten Preisverleihung zu gehen, bei der er den Preis für sein Lebenswerk entgegennehmen soll. „Dann schickt Ihr unseren 007 hier rüber in das Land, dass am liebsten CIA-Blut über seine Frühstücksflocken gießen würde … um die Waltons aus der am meisten unter Beobachtung stehenden Stadt der Welt zu retten.“
„Und an etwa 100 Milizen am Flughafen vorbei … Richtig!“
„Verstehe … also wir, äh … hatten früher Himmelfahrtkommandos bei der Army mit besseren Erfolgsaussichten.“

Alan Arkins Film-Mogul erinnert ein wenig an Dustin Hoffmans Filmproduzentenrolle in Wag the Dog (1997). Er sagt solche Sachen wie „Sie sorgen sich wegen der Ayatollahs? Autorengewerkschaft, sage ich da nur.“

Zur Abwechslung mal CIA-Leute, die ihr Handwerk unaufgeregt beherrschen

Nein, „Argo” ist kein Sprücheklopfer-Film. Natürlich nimmt der Film seinen Plot ernst, der ja doch immerhin auf einer tatsächlichen Begebenheit basiert. Dazu gehören auch so Kleinigkeiten, dass der an sich etwas unbedarfte Agent Tony Mendez seinen Job beherrscht. Das äußert sich etwa in Szenen, wie der, in der ihn einer der geflohenen Sechs fragt: „Was wenn uns einer eine Knarre ins Gesicht hält?“ Darauf antwortet der unscheinbare Agent mit dem schwarzen Bart „Dank meiner kleinen Geschichte hält Ihnen niemand eine Knarre ins Gesicht!“ Unbedarft ist der Mann nicht wirklich. Er weiß was er tut, ohne auf John Rambo machen zu müssen.

Affleck beginnt seinen Film nahezu dokumentarisch. Mit wackligem Newsfootage und Comiczeichnungen zum Einstieg treibt er die – für einen Kinofilm 30 Jahre später – komplizierte Historie um den von Washington eisern gestützten Schah Reza Pahlewi, die Folterkeller und die Revolution durch Ayatollah Chomeini voran. Das dauert fünf Minuten, dann verstehe ich auch, warum manche Iraner so besessen darauf sind, die USA auszulöschen. Doch, das kann man nach diesem Einstieg auch ohne Geschichtsbuch verstehen.

Wunderbares Zeitcolorit

Ein schöner Film, wunderbares Zeitcolorit, wunderbar ungekünstelte Besetzung, viele kleine Spannungsbögen lassen die Luft ununterbrochen vibrieren, damit wir, die wir in der Zeitung schon lesen konnten, wie es ausgeht, immer bei der Stange bleiben. Der Film funktioniert in einem Umfeld, in dem alles alltäglich wirkt. Es braucht keine ins Bild springenden Tiere, es braucht keinen dräuenden Score … das Nail-biting stellt sich ganz von alleine ein; Affleck als Regisseur ist wieder eine Entdeckung. Er findet überzeugende Bilder, verweigert alle Sensationsmöglichkeiten und legt offensichtlich Wert darauf, dramatisiert zu zeigen, was war – die (fürs Kino so notwendige) Spannung findet der Film ganz alleine. Affleck nutzt alle Facetten der realen, verbürgten Story und macht den Zuschauer zum Komplizen. Alles in allem ein sehr eleganter, unaufgeregter, uneitel inszenierter Film. Das ist selten geworden im Kino … sehr nah und glaubwürdig.

Nicht überall Zuspruch fand der Umgang des Films mit den historischen Fakten. Filmkritikerin Susan Vahabzadeh monierte in der Süddeutschen Zeitung: „Nur basiert das alles ja auf realer Geschichte, und mit der geht der Film, so lustig und spannend er ist, etwas seltsam um. Über die Operation, um die es hier eigentlich geht und für die damals die Kanadier den Ruhm einstrichen, weiß man nur das, was der echte Mendez erzählt, damals war sie ja geheim. Dafür sind aber andere Dinge unangenehm bekannt: Beispielsweise, dass Carter Ende April 1980 die Operation Eagle Claw startete – einen desaströs gescheiterten Befreiungsversuch mit Flugzeugen und Helikoptern, bei dem nicht nur einige Soldaten umkamen, sondern auch noch CIA-Unterlagen in einer abgeschmierten Maschine zurückblieben. Nur einmal wird in ’Argo‘ am Rande erwähnt, dass ein Befreiungsversuch geplant ist.

Wertung: 7 von 7 €uro