Kinoplakat (US): Der versteinerte Wald – Petrified Forest (1936)
Ein Theaterstück auf Leinwand
wenig Kino, viel Schauspielkunst
Titel Der versteinerte Wald
(The Petrified Forest)
Drehbuch Charles Kenyon + Delmer Daves
nach dem gleichnamigen Theaterstück von Robert E. Sherwood
Regie Archie Mayo, USA 1936
Darsteller
Leslie Howard, Bette Davis, Genevieve Tobin, Dick Foran, Humphrey Bogart, Joe Sawyer, Porter Hall, Charley Grapewin, Paul Harvey, Eddie Acuff, Adrian Morris, Nina Campana, Slim Thompson, John Alexander u.a.
Genre Crime, Drama
Filmlänge 82 Minuten
Deutschlandstart
19. Mai 1965 (TV-Premiere)
Inhalt
Eine abgelegene Tankstelle in der Wüste Arizonas zur Zeit der Great Depression – in der Nähe des berühmten „steinernen Wald“. Eines Tages erscheint der mittellose und romantische Tramper Alan an der Tankstelle – ein einst ambitionierter, nun aber erfolgloser Schriftsteller aus England, der nach einer Liaison mit einer reichen Gönnerin in Frankreich in die USA gereist ist und das Land als Tramp durchqueren will. Die Tankstelle wird betrieben von Jason Maple, dessen Tochter Gabrielle und dem betagten Großvater, der gerne Geschichten aus dem Wilden Westen und von seinen Begegnungen mit Billy the Kid erzählt. Gabrielle ist die Tochter einer inzwischen in ihr Heimatland zurückgekehrten Französin, die ihr Vater im Ersten Weltkrieg kennengelernt hatte.

Gabrielle verliebt sich fast sofort in Alan, der mit seinem kultivierten Auftreten für sie ein Mann von Welt ist. Sie zeigt Alan die Gemälde, die sie von der zerklüfteten Wüstenlandschaft gemalt hat, und liest ihm ein Gedicht aus ihrem Band von François Villon vor, den ihre Mutter aus Frankreich ihr zum Geburtstag geschickt hatte. Alan erfährt auch, dass die frustrierte Gabrielle gerne nach Bourges reisen würde, wo ihre Eltern sich einst begegnet waren, und Künstlerin werden will. Sie kommt aber nicht von ihren Verpflichtungen an der Tankstelle los. Unterdessen wird der Tankwart Boze Hertzlinger, ein ehemaliger Football-Spieler mit kräftigen Muskeln, eifersüchtig auf Alan, da er Gabrielle schon über längere Zeit vergebens umworben hatte. Alan entscheidet sich schließlich, die Tankstelle zu verlassen, und lässt sich von dem reichen Ehepaar Chisholm mitnehmen. Doch nur ein paar Meilen später wird das Auto der Chisholms von dem entflohenen Gangster Duke Mantee und dessen Komplizen angehalten. Duke und seine Bande nehmen das Auto der Chisholms und fahren zur Tankstelle, wo Duke auf seine Geliebte wartet, die mit anderen Bandenmitgliedern bald auch vorbeikommen soll. Wegen eines Sandsturmes müssen auch Alan und die Chisholms bald in der Tankstelle Unterschlupf suchen …

Was zu sagen wäre
Der Unterschied zwischen einem Theaterstück und einem Kinofilm ist, dass das Kino die Seite wechseln kann, Situationen durch einen Bildschnitt dramatisch verkürzen kann. Wird ein Theaterstück für das Kino verfilmt, sollte die Geschichte dieselbe bleiben, aber das Produkt ein anderes. Ein Film eben mit seinen komplexen Möglichkeiten. Archie Mayo hat sich entschieden, das Theaterstück von Robert E. Sherwood möglichst unauffällig auf die Leinwand zu bringen, mitsamt der Schauspieler, die das Stück am Broadway zum Erfolg gemacht hatten.

Der Film ergeht sich in langen Dialogen. Ein Fest für jeden Schauspieler, für den Kinozuschauer aber bisweilen ermüdend, zumal, wenn der Schnitt die Dialoge nicht auflockert. Nacheinander führt der Film so seine Figuren ein, ganz nebenbei verhißt eine Zeitungsschlagzeile, dass der Verbrecher Duke Mantee aus dem Gefängnis entflohen sei und klar ist: Der wird auftauchen. Aber bis dabin wird erst einmal geredet. Ich schaue zu, fiebere aber lange nicht mit. Dass der Film dann dennoch verfängt, die Atmosphäre spannend und drückend wird, schafft das Stück durch die Verdichtung auf nur einen Tag an wenigen Handlungsorten (fast ausschließlich die Tankstelle und deren Gastraum) sowie die überschaubare Anzahl der handelnden Personen.

Die wie immer großartige Bette Davis ist hier als Tochter des Tankstellenpächters mit Faible fürs Französische dekoriert wie Disneys Schneewittchen mit Haarschleifchen und Augenaufschlag. Sie sei ehemalige Schauspielaspirantin bei Max Reinhard gewesen und „von der Familie“ ausgebremst worden. „Ich hatte ein schönes Angebot. Aber meine Familie hat nur von den Pflichten gefaselt, die ich ihr gegenüber hätte. Sie beorderten mich wieder nach Hause. Und bevor ich wusste, wie mir geschah, war ich mit diesem Eckpfeiler eines großen Bankhauses verheiratet. Und was hat er getan?? Er nahm meine Seele, druckte sie auf eine Karteikarte und legte sie zu den Akten! Und da hat sie bis heute gelegen. In einem massiven Panzerschrank. Und daher glaube ich, ein Recht zu haben, Sie zu beraten.“

Sie führt lange Gespräche mit Leslie Howard, meistens geht es irgendwie um den Wert des Menschen; es ist diese wunderbare, von Literaten geschriebene Sprache, die sich lesen lässt, aber eigentlich nicht natürlich sprechen lässt: „Gabrielle, machen Sie Bruce keine Vorwürfe. Sie müssen bedenken, dass er ein Muskelprotz ist. Da fühlt er die Qual der Erniedrigung doppelt schwer.“ Sioe sprechen und stehen dabei vor einer auf Leinwand gemalten Wüstenkulisse. Auch hier grüßt die Theatervorlage.

<Nachtrag2017>Leslie Howard bezeichnet sich als „zur aussterbenden Rasse der Intellektuellen“ gehörig in einem Film aus dem Jahr 1936 – das ewige Sterben des Intellekts, er spielte schon im Kino der 1930er Jahre eine Rolle.</Nachtrag2017> Archie Mayo zeigt uns eine kalte Gesellschaft, in der sich jeder übervorteilt fühlt. Wer Geld hat, versucht sich aus der Affaire zu ziehen – und scheitert. Und wenn alle Stricke reißen, hofft man, „die Regierung möge irgendwelche Maßnahmen ergreifen, die das Leben ihrer Bürger schützen.“ Menschen ohne Hoffnung bitten, von einem Gangster erschossen zu werden, damit die Geliebte sich mit der dann fälligen Lebensversicherung ihre Träume erfüllen kann.

Duke besetzt die Tankstelle und erpresst Geld. Andere halten höchstwertige Wertpapiere und weigern sich, Bruchteile davon in die Enkelin zu investieren. „In der Zwischenzeit kann Ihre Enkelin in dieser Wüste vor die Hunde gehen. (…) Ich weiß, dass Sie einmal Pionier waren. Und was sind Sie jetzt? Ein ganz erbärmlicher Geizkragen, der an seinem Geld hängt, mit dem er nichts anfangen kann. Sie können wirklich nur noch etwas Gutes tun indem Sie sterben.“ Die Verderbtheit der Menschen, sie ist allgegenwärtig in diesem Theaterstück in 2D.

Und dann ist der Film ist fast schon zu Ende, da erklärt sich zur Gewissheit, was vorher nur so ein Gefühl war. Humphrey Bogart, der den Duke Mantee spielt, verliert kurz die Kontrolle über seine Gesichtszüge. Er soll sich zu einem romantischen Gefühl bekennen: „Sie wollen von Ihrem Weg abgehen wegen dieses Mädchens, das Sie verraten hat. Tun Sie das nicht. Selbst, wenn sie Sie betrogen hat, Ihr Verbrechen wäre noch schlimmer: Sie betrügen sich selbst.“
Wertung: 5 von 6 D-Mark