Kinoplakat: American Psycho
Eine blutige Satire über die
nadelgestreifte Raupe Nimmersatt
Titel American Psycho
(American Psycho)
Drehbuch Mary Harron + Guinevere Turner
nach dem gleichnamigen Roman von Bret Easton Ellis
Regie Mary Harron, USA 2000
Darsteller Christian Bale, Willem Dafoe, Jared Leto, Josh Lucas, Samantha Mathis, Matt Ross, William Sage, Chloë Sevigny, Reese Witherspoon, Justin Theroux, Cara Seymour, Guinevere Turner, Reg E. Cathey u.a.
Genre Drama, Crime
Filmlänge 102 Minuten
Deutschlandstart
7. September 2000
Inhalt

Patrick Bateman ist ein wohlhabender, gepflegter junger Mann, dem man neben gewisser Arroganz eigentlich nur seinen Hang zum Serienmorden vorwerfen … könnte … aber dafür müsste man davon natürlich erst einmal wissen; wer käme schon auf solche Hobbies? Na jedenfalls weder Batemans luftköpfige Verlobte Evelyn, noch seine Gelegenheitsgeliebte Cortney und schon gar nicht die loyale Sekretärin Jean.

Allzu perfekt fügt sich Bateman in seinen New Yorker Mikrokosmos des Koksens, Gelddruckens und Dummrumstehens ein, als dass unter seiner fabelhaften Fassade Unregelmäßigkeiten vermutet werden könnten. So kann er ungestört Störenfriede seines Selbstverständnisses wie Paul Allen umbringen, ohne danach von einem Detective aus der Ruhe gebracht zu werden.

Oder will Bateman gar erwischt werden, weil seine Amokläufe immer willkürlicher werden? Oder bildet er sich die blutigen Ausbrüche aus dem exakt exekutierten Alltag gar nur ein? Kaum. Denn das ließe ja den Rückschluss, dass von Bateman passioniert genossene Errungenschaften wie Phil Collins-Songs, Pornovideos oder Designeranzüge nicht glücklich machen …

Was zu sagen wäre

Böse und politisch unkorrekt – frei nach Bret Easton Ellis’ Roman „American Psycho“ hat Mary Harron einen Comic-Thriller im Milieu der habgierigen, späten 80er gedreht – gesehen mit den Augen eines Serienkillers.

Harron zwingt uns in die Subjektive. Wir begleiten, ob wir wollen oder nicht, diesen Patrick Bateman bis aufs Klo. Wir kleben an seinen Geschäftsessen dran, wie die Fliege auf der Scheiße und weil er so ein handsome Guy ist, so smart, so elegant, so … sexy, glauben wir schnell, ihn bis in seine Verästelungen zu verstehen. Mary Harron setzt hier erfolgreich auf das Carpenter'sche Halloween-Prinzip: Mach den Zuschauer zum Komplizen eines Mordes und Du hast ihn bei den Eiern. Eh wir uns versehen, sind wir Mitwisser – und immer noch voller Verständnis für diesen Broker, der es uns auch leicht macht: Er ist ganz auf Oberfläche fixiert – innere Beweggründe, Psychologisches blendet er aus. Bateman legt Wert auf den ordentlichen Sitz der Haarsträhne, traktiert Frauen beim Vögeln mit Vorträgen über die Qualität von Genesis-Texten und Whitney-Houston-Songs, die wie auswendig gelernte Feuilleton-Kritiken, aber nicht wie eine eigene Meinung klingen; und als er es dann auf die Spitze treibt, fürchten wir längst um ihn, wollen ihn seiner gerechten Strafe zuführen, aber bedauern ihn dafür.

Nach dem Abspann fragen wir uns unweigerlich, was für Bateman eigentlich die größere Strafe wäre: ein Aufenthalt als selbstbewusster Massenmörder im Gefängnis oder als der verunsicherte, sabbernde Lappen in den Bars der Wall Street zwischen all diesen markenorientierten Ichlingen und Fetisch-Lutschern. Wir fragen uns das, weil Christian Bale so perfekt diesen ehemals gelackten Broker verkörpert, der zwischen Gucci, Lacoste und Hermes die Orientierung im wirklichen Leben verliert, das wir Angst um ihn haben – obwohl er erkennbar ein Arsch ist (dass dieses genannte Gesäß ordentlich knackig ist, wie zwei Szenen unter der Dusche zeigen … geschenkt).

Einen kleinen Haken hat der Film: Es fehlen jene feinen Verästelungen, die aus einer Figur einen Charakter, eine Person machen. So oberflächlich fixiert Bateman, so oberflächlich bleibt auch der Film. Wir schauen einer Comicfigur zu, deren Realismus gen Null tendiert. Für das Emotionale baut Mary Harron eine Miniatur in Form einer Beziehung zwischen Batemann und seiner Assistentin Jean. Chloë Sevigny spielt sie behutsam als scheues Reh, das an der Wall Street nur einfach nicht untergehen will. Nachdem wir Bateman die ganze Zeit begleitet – und verstanden (oder zumindest nicht ihn abgelehnt) – haben, bekommen wir hier plötzlich furchtbar Angst um die Sekretärin Jean, die stellvertretend für alle Opfer steht, die einfach nur ihren Anteil am Glück im Leben einfordern; wenigstens von ihr soll dieser Bateman bloß Finger und Beil lassen.

Harron findet Einstellungen, Zwischenschnitte und Dialoge, die die Satire auf männlichen/menschlichen Größenwahn aus der Vorlage überträgt. Sie hält uns den (berühmten) Spiegel des Dramatikers vor: SCHAU, SO BIST DU. Und das will ich dann auch gar nicht abstreiten, so smart dieser Bateman ist, so klug, so eloquent, so … blutig; okay, aber dieser Paul Allen, der Star in seinem Investment-Büro, den er da am Anfang zerhackt, der ist ja auch wirklich ein slippery Ashole (okay, der Penner in der Gosse, den hätte er nicht umbringen müssen, aber es passt so zu seinem hilflos zwischen Marken schwebenden Charakter, der für Arbeitslose einfach keinen Gedanken hat).

Christian Bale (Shaft – Noch Fragen? – 2000; Das Reich der Sonne – 1987) geht in dieser Rolle auf. Wenn er Nutten vor dem Spiegel posend vögelt, wenn er im elegant sitzenden Anzug den Macho in der Bar rauskehrt, wenn er sich von einer Visitenkarte um den Verstand bringen lässt, die noch eleganter, noch teurer, noch angesagter ist als seine eigene, sieht das nicht gespielt aus.

Um die Patrick-Batemann-Rolle, die Bale, der spätere Batman, schließlich abgriff, rangelten sich Gerüchten zufolge jede Menge A-Klasse-Stars: Leonardo DiCaprio (Titanic – 1997), Edward Norton (Zwielicht – 1996), Brad Pitt (Thelma & Louise – 1991), wenn – ja, wenn – Extrem-Filmer David Cronenberg („eXistenZ” – 1999; „Crash” – 1996; „Naked Lunch” – 1991; „Die Unzertrennlichen” – 1988; „Die Fliege” – 1986; „Dead Zone – Der Attentäter” – 1983) die Regie übernähme.

Wertung: 9 von 11 D-Mark