Kinoplakat: The amazing Spider-Man
Ganz unterhaltsam
sehr ausbaufähig
Titel The amazing Spider-Man
(The amazing Spider-Man)
Drehbuch James Vanderbilt + Alvin Sargent + Steve Kloves
nach den Comics von Stan Lee + Steve Ditko
Regie Marc Webb, USA 2012
Darsteller Andrew Garfield, Emma Stone, Rhys Ifans, Denis Leary, Martin Sheen, Sally Field, Irrfan Khan, Campbell Scott, Embeth Davidtz, Chris Zylka, Max Charles, C. Thomas Howell, Jake Keiffer, Kari Coleman, Michael Barra, Leif Gantvoort u.a.
Genre Comic-Verfilmung
Filmlänge 136 Minuten
Deutschlandstart
28. Juni 2012
Website theamazingspiderman.com
Inhalt

Peter Parker weiß seit der Kindheit, dass das Leben vor allem keine Sicherheit bietet. Eines Abends findet Klein-Peter Dads Büro verwüstet vor, seinen Vater völlig aufgelöst und seine Mutter in Angst. Sie setzen ihn ins Auto, liefern ihn bei Onkel Ben und Tante May ab und verschwinden. Und kommen nie wieder.

In den Jahren, die folgen, hat sich Peter in ein Schneckenhaus verkrochen. May und Ben sind lieb und nett und kümmern sich rührend, aber sie sind halt nicht Mom und Dad. In der Schule wird der schmächtige Junge mit künstlerischen Ambitionen – er fotografiert gern – gehänselt. Die hübsche Gwendolyn, die er heimlich anhimmelt, kennt nicht einmal seinen Namen, kurz: Das Leben ist einigermaßen beschissen. Das allerdings konsequent.

Im Keller findet er, als er nach einem Wasserrohbruch aufräumt, die alte Aktentasche seines Vaters, darin geheime Forschungsunterlagen, von denen Peter noch gut weiß, wie Dad sie damals, an jenem Abend, aus einem Geheimversteck seiner Schreibtisch-Schublade gezogen hat. Es stehen Formeln darin, irgend etwas genetisches und der Name Dr. Curt Connors. Eine kurze Recherche im Netz und Peter weiß, dass der Name Connors zum bestbezahlten Wissenschaftler bei OSBORNCORP. gehört.

Dort schleicht er sich unter falschem Namen als Praktikant ein … und trifft auf Gwendolyn, die Connors assistiert. Peter gelingt es, in einem unbeobachteten Moment zu verschwinden und in die geheimen Labors zu schleichen. Er wird Zeuge interessanter Gen-Experimente an Spinnen und von einer solchen – genetisch veränderten Spinne – gebissen. Das verändert Peter.

Er bleibt überall kleben. Kann Pistolenkugeln ausweichen, mühelos Wände hochlaufen, in jeder Prügelei bestehen. Und Flash Thompson, den fiesen Bully der Midtown High endlich in die Schranken weisen. Er hätte auch verhindern können, dass sein Onkel Ben erschossen wird. Aber da lernt er noch, mit seinen Kräften umzugehen, sie an der richtigen Stelle einzusetzen; und dem flüchtenden Ladendieb hinterherrennen, der doch genau genommen bloß dem arroganten Fettsack hinter der Theke geschadet hat, gehört in dem Moment noch nicht zu so einer richtigen Stelle.

Kinoplakat: The amazing Spider-ManEr nimmt noch einmal Kontakt zu Dr. Connors auf, der offenbar mit seinem Dad einst gemeinsame Forschungen betrieb. Connors, der einen Arm verloren hat, forscht an Art übergreifender Genetik. Triebfeder ist sein verlorener Arm. Er will jenen Teil der Echsen-DNA extrtahieren und bearbeiten, der den Tieren Gliedmaßen nachwachsen lässt. Und Peter bringt ihm das missing link der benötigten Formel, die er in Dads Tasche gefunden hat.

Mittlerweile hat sich einiges in Peters Leben verändert. Nach dem Tod seines Onkels, für den er sich verantwortlich fühlt, hat er sich eine Maske und ein Kostüm geschneidert und schwingt als Straßenräuber fangender SPIDER-MAN durch die Stadt (eigentlich auf der Suche nach jenem tätowierten Ladendieb, der seinen Onkel erschossen hat) – sehr zum Ärger von Police-Captain Stacy, der auch Vater von Gwendolyn ist, die sich mittlerweile heillos in den schüchternen Parker verknallt hat. Noch vor dem ersten Kuss hat der ihr verraten, das er der blau-rote Maskenmann ist.

Gleichzeitig wird Connors von der Konzernspitze gedrängt, seine Forschungen abzuschließen. Begründung: Konzernchef Norman Osborn liege im Sterben und brauche ein Gegenmittel. Connors sieht sich zu einem Selbstversuch genötigt. Der gelingt zunächst: Sein Arm wächst nach. Allerdings wächst da noch etwas anderes weiter. Die Echsen-DNA verwandelt Dr. Curt Connors in die ECHSE, ein bärenstarkes, zwei Mann großes Monstrum, dass nun durch New York marodiert und versucht, alle Einwohner in Echsen zu verwandeln.

Wieder hält sich Peter verantwortlich für das Desaster und will Schlimmeres verhindern. Dass Gwendolyns Vater den maskierten Spinnenmann hasst, ist da nur einer der Wermutstropfen. Es soll noch schlimmer kommen …

Was zu sagen wäre

 

Comic-Cover: Die Spinne #45 "Wo die Echse kriecht"Endlich THE LIZARD. Die Echse war (nach Rhino) mein Einstieg in das Spider-Man-Universum, als ich 1975 die MARVEL-Comicausgabe Nr. 45 des Williams Verlags kaufte. Da war ich 14 Jahre alt und völlig ahnungslos. Dass all die Stories, die ich in den folgenden Jahren lesen würde, im Original Mitte der 1960er Jahre spielten, war mir nicht klar – manchmal wunderte ich mich, dass die Leute doch recht altmodisch gekleidet waren. Gwen Stacy, in die ich mich bald verknallte, zum Beispiel trug hohe Stiefel zu Minirock, Mary Jane eine Baskenmütze.

Emma Stone meistert eine Traumfrau aus den Sechzigern

Es hat mich daher nur kurz verwirrt, dass Emma Stone als Gwendolyn Stacy Minirock und Stiefel trägt. Beides passt unaufdringlich und Stone gibt insgesamt eine gute Gwen; der Part ist schwierig, denn offenbar – so lese ich in diversen Blogs – bin ich im weiten Rund nicht der einzige, der sich einst in Gwen verknallte und dieses Gefühl – unter dem Mary Jane Watson immer leiden musste und muss – nie ganz los geworden ist. Stone gibt die Gwen etwas kratzbürstiger, als die aus dem Comic, aber es liegen dann eben doch 50 Jahre zwischen Comic und aktuellem Film.

Die Echse ist nicht gelungen, sieht ein wenig aus, wie nicht zu Ende gerendert. Dass sie den klassischen Comic-Kittel mit lila Hose nicht mehr trägt und statt dessen nackt durch New York läuft – moderne Zeiten halt. Das Gesicht aber bleibt völlig konturlos; anders, als etwa bei den verschiedenen Hulk-Variationen im Kino kann man dem Echsengesicht nicht einmal andeutungsweise Rhys-Ifans-Gesichtszüge entnehmen – da guckt mich augenscheinlich ein lebloses CGI-Produkt an. Dafür ist Martin Sheen der bessere Onkel Ben – besser im Vergleich zu Cliff Robertson aus der 2002er-Kinoversion.

Es fehlt: J. Jonah Jameson, der zeternde, Zigarre ziehende Verleger des Daily Bugle. Das nur am Rande.

Ein Menschenerzähler auf dem Regiestuhl

Der Film ist das, was ich an den Comics immer geliebt habe: Er legt viel Wert auf die privaten Lebensumstände des Teenagers Peter Parker. Die kostümierte Action ist gut fürs Titelblatt und die Spannung. Ein bisschen muss das so gewollt gewesen sin, sonst hätte Marc Webb nicht die Regie übernehmen dürfen. Sein Nachweis, erfolgreich Kino machen zu können, hat er mit dem großartige Romantic-Drama „(500) Days of Summer” geliefert – Liebe, Verwirrungen, keine Action. Kein klassisches Happy End.

Webbs Qualität liegt im psychologischen, im zwischenmenschlichen. Mit den Verwicklungen des Heranwachsenden kann er mehr anfangen, als mit der Actionfigur, er interessiert sich mehr für Peter & Gwen, als für Spidey & Echse. Menschlich kann er. Actionkino kann er nicht; will er aber wohl auch nicht. Deswegen sind die ersten 70 Minuten auch gut geraten, also bis der schüchterne, durch die Pubertätswirren stolpernde Teen die ersten Minuten in seinem Kostüm herumschwingt. Die zweiten 70 Minuten gehen daneben.

Teaserplakat: The amazing Spider-ManIdentitätstiftende Action auf Hausmannskost-Niveau

Dem identitätsstiftenden Kampf gegen die Echse gewinnt Webb allenfalls Hausmannskost-Niveau ab - herunterfallende Sendemasten sehe ich im Action-Sommerkino schon seit Michael Bays „Die Insel” (das war 2005) jedes Jahr aufs Neue; in Spider-Man 3 trieb Sam Raimi das Herabstürzen großer Bauteile mal auf die Spitze, indem er Spidey zwischendurch hüpfen ließ, um die abstürzende Gewn (sic!) zu retten. Auch die Schlussdramaturgie des in-letzter-Sekunde-den-Vergiftungsprozess-stoppen ist ohne jede Nagelbeißerei.

Es würde mich nicht wundern, wenn mit der Zeit herauskäme, dass es in der Produktion Ärger gab um die Ausrichtung des Films. Hier der Menschenerzähler Marc Webb, dort die SONY-Bosse, die auf einer Gelddruckmaschine namens Spider-Man-Filmlizenz sitzen. Diese Lizenz verlieren die Produzenten, wenn sie nicht in regelmäßigen Abständen neue Spider-Man-Filme auf den Markt bringen. So erklärt sich der seltsam anmutende schnelle Neustart der Serie (nach nur zehn Jahren), nachdem Tobey Maguire und Kirsten Dunst keine Lust mehr hatten.

Verschnittene Szenen

An mehreren Stellen ist der Film verschnitten. Da setzt er an zu einer romantischen Netzschwingerei Peters mit der langhaarigen blonden Gwen im Arm durch das nächtliche New York, bricht dann unvermittelt ab und schneidet zur Echse. Offensichtlich war den Studiobossen die Romanze zu ausführlich - die nur noch angedeutete Schwing-Arie folgt nämlich auf ein ausführliches sich-näher-Kennenlernen von Peter und Gwen. „Da muss jetzt Action her!”, höre ich die Produzenten nach ersten Testscreenings rufen. Der Einstieg Peters in das geheime Labor von Curt Connors in der Zentrale von OSCORP; das würden nicht einmal James Bond oder Ethan Hunt so flüssig schaffen, aber: Muss halt erzählt werden, gehört zur Superhelden-Entstehung, also zeigen wir das rasch - schließlich kommt da ja die historische Szene mit dem Spinnenbiss. An anderer Stelle schneidet Webb mitten in eine Kamerabewegung, die aussieht, als ende diese Bewegung ursprünglich auf einem weiteren Element - einem Gesicht, einer Spinne, einem irgendwas.

Als es zum Schlusskampf geht, kommt es plötzlich dicke: Gwens Vater demaskiert SPIDER-MAN, versteht aber sofort die Dramatik der Situation (und seltsamerweise ist im ganzen umliegenden Block der Medienhauptstadt New York gerade niemand mit Fotohandy oder Teleobjektiv unterwegs, um den Demaskierten zu entlarven), lässt SPIDER-MAN also laufen, der dann aber noch angeschossen werden muss, damit er nur mit allerletzten Kräften gegen die Echse wird antreten können. Das soll wohl den Heldenfaktor erhöhen, geht aber einfach nur schnell schnell schnell ohne erkennbare Liebe zur Szene – immerhin baut Webb hier dann ein hübsches Baukran-Ballett zu bebender James-Horner-Musik ein.

Also: Dieser neuaufgelegte Franchise des nach wie vor beliebtesten Superhelden aus dem MARVEL-Universum ist unbedingt ausbaufähig. Der Film ist während der Show kurzweilig (auch in der 2D-Version), hinterlässt aber keinen bleibenden Eindruck. Andrew Garfield (The Social Network – 2010; Das Kabinett des Doktor Parnassus – 2009) macht seinen Peter Parker gut; immerhin so gut, dass ich Tobey Maguire nicht vermisse. Emma Stone (The Help – 2011; Crazy, Stupid, Love. – 2011; Freunde mit gewissen Vorzügen – 2011; „Einfach zu haben“ – 2010; Zombieland – 2009) ist eine würdige Gwen und ich fürchte, ich werde ihr unbefangen nachheulen, wenn sie in der Kino-Serie an jene Stelle kommt, an der Green Goblin sie auf der Brooklyn-Bridge hat.

Wertung: 5 von 8 €uro