Kinoplakat: Almanya – Willkommen in Deutschland
Wunderbare Familiengeschichte
ohne Zeigefinger oder Klischee
Titel Almanya – Willkommen in Deutschland
Drehbuch Nesrin Samdereli + Yasemin Samdereli
Regie Yasemin Samdereli, Deutschand 2011
Darsteller Vedat Erincin, Fahri Ogün Yardim, Lilay Huser, Demet Gül, Rafael Koussouris, Aylin Teze, Denis Moschitt, Petra Schmidt-Schaller, Aykut Kayacik, Aycan Vardar, Ercan Karacayli, Kaan Aydogdu, Siir Eloglu, Aliya Artu, Trystan Pütte, Arnd Schimka, Antoine Monot, Jr., Axel Milberg, Oliver Nägele, Jule Ronstedt, Tim Seyf, Walter Sittler, Aglaia Szyszkowit, Katharina Thalbac, Saskia Vester u.a.
Genre Komödie, Musical
Filmlänge 101 Minuten
Deutschlandstart
10. März 2011
Inhalt

Dem sechsjährigen Cenk Yilmaz, Sohn des türkischstämmigen Ali und dessen deutscher Frau Gabi, stellt sich die Frage nach seiner Identität, als er in der Schule weder in die türkische noch in die deutsche Fußballmannschaft gewählt wird. Bei einer Familienfeier verkündet seine Großmutter Fatma die Einbürgerung in Deutschland, während Großvater Hüseyin erklärt, dass er ein Haus in der Türkei gekauft habe und mit der ganzen Familie dorthin fahren möchte. Cenks 22-jährige Cousine Canan ist von ihrem britischen Freund David schwanger und hat die Familie noch nicht davon unterrichtet. Sie erzählt Cenk die Geschichte, wie der Großvater zu Zeiten des Arbeitskräftemangels in den 1960er-Jahren als 1.000.001. Gastarbeiter nach Deutschland kam, wie er seine Familie in das fremde Land nachholte, welche Träume und Vorurteile sie umtrieben und mit welchen Schwierigkeiten sie damals zu kämpfen hatten.

Gemeinsam fliegt die Großfamilie in den Ferien in die Türkei und macht sich in einem Kleinbus auf den Weg nach Ostanatolien ins alte Heimatdorf, um das neu erstandene Haus zu besichtigen. Plötzlich stirbt Hüseyin. Da er zuletzt den deutschen Pass hatte, verweigern die türkischen Behörden eine Beerdigung auf einem islamischen Friedhof. Doch die Familie bringt seinen Leichnam in sein altes Dorf und beerdigt ihn in heimischer Erde …

Was zu sagen wäre

Ich befürchtete das Schlimmste: Eine deutsch-türkische Komödie über deutsch-türkische Befindlichkeiten, die von der Kritik landauf landab gefeiert wird – womöglich einer dieser Filme, die ganz nett sind, die man politisch-korrekt aber für ihren Charme, ihren Witz und ihren Mut, Tabus zu brechen großartig finden muss.

Almanya ist wunderbar. Er hat Charme, er hat Witz und glücklicherweise braucht er gar keinen Mut, irgendwelche Tabus zu brechen. Nesrin Samdereli und Yasemin Samdereli haben aufgeschrieben, was sie in Deutschland und in ihrer Familie gesehen, gehört und erzählt bekommen haben. Das Drehbuch wurde x mal überarbeitet, weil sich kein Verleih, kein Sender, kein Produzent die Finger verbrennen wollte und mit „Solino” und „Kebab Connection” doch schon zwei humorig-dramatische Filme zum Thema auf dem Markt waren. Schließlich stieg Herbert Kloibers Tele München ein, sicherte zwanzig Prozent des Budgets zu, damit stand die Finanzierung und am Ende waren knapp 1,5 Millionen Menschen im Kino und kauften eine eine Almanya-Karte.

Leichtfüßig wird die Geschichte dreier Generationen erzählt, die in der Türkei begann und in Deutschland weiterging. Das Schöne ist, dass die Schwestern Samdereli sich – und uns – Klischee-Figuren und -Dramen ersparen. So kann die unverheiratete Canan ungewollt schwanger sein, ohne, dass ein Vater, Opa oder Bruder finster blickend den Untergang der Ehre erzürnen und das Messer zücken. Die Familienmitglieder haben alle ganz andere – und uns allen sehr bekannte – Probleme mit Arbeitslosigkeit, Scheidung und Identitätsfindung. Ohne Zeigefinger wird schnell klar: Die sind wir, wir sind die. Dergestalt entkrampft lehnte ich mich zurück, lachte bald Tränen und freute mich an guten Schauspielern, herrlich altmodischem Ambiente – vieles spielt in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts – und applaudierte bei guten Drehbucheinfällen.

Die Filmemacherinnen zeigen die Fremdheit und Orientierungsschwierigkeiten der zugezogenen Türken damit, dass alle Türken deutsch – also „unsere” Sprache – sprechen (weil Cenk von seiner Cousine gefordert hatte, die Dialoge in deren Familienerzählungen doch – „Können die kein Deutsch?” – zu übersetzen und die Deutschen sprechen fortan ein entfernt an eine skandiavische Sprache erinnerndes Kauderwelsch.

Ja, diese Familiengeschichte wird zurecht gefeiert!

Wertung: 7 von 7 €uro