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Plakatmotiv: Sklavin des Herzens
Hitchcocks großes Meldram
über ewige Schuld und Sühne
Titel Sklavin des Herzens
(Under Capricorn)
Drehbuch Hume Cronyn + James Bridie + Peter Ustinov + Joseph Shearing
nach dem erstmals 1937 erschienenen Roman „Under Capricorn“ von Helen Simpson
Regie Alfred Hitchcock, UK 1949
Darsteller Ingrid Bergman, Joseph Cotten, Michael Wilding, Margaret Leighton, Cecil Parker, Denis O'Dea, Jack Watling, Harcourt Williams, John Ruddock, Bill Shine, Victor Lucas, Ronald Adam, Francis De Wolff, G.H. Mulcaster, Olive Sloane u.a.
Genre Crime, Drama, Romanze
Filmlänge 111 Minuten
Deutschlandstart
17. November 1950
Inhalt

1831 reist der vornehm-verlotterte Ire Charles Adare nach Australien, um mit Hilfe seines Vetters, der gerade zum Gouverneur ernannt worden ist, in Sydney ein neues Leben zu beginnen. Bei seiner Ankunft trifft er auf den „freigelassenen“ Landbesitzer und inzwischen erfolgreichen Geschäftsmann Sam Flusky. Auf einer Dinner-Party in Fluskys Haus erkennt Charles in dessen Ehefrau Henrietta seine Kindheitsgespielin wieder. Henrietta ist alkoholkrank und leidet unter Wahnvorstellungen. Der Haushalt wird von der jungen Milly geführt.

Flusky wird zwar als Geschäftsmann akzeptiert, nicht jedoch gesellschaftlich. Er wurde in Irland für die Ermordung von Henriettas Bruder verurteilt, aufgrund von letzten Zweifeln jedoch mit einer siebenjährigen Verbannung statt mit dem Galgen bestraft. Henrietta ist ihm nach Australien gefolgt und nach seiner Freilassung haben sie sich in Sydney angesiedelt. Doch die Ehe ist in eine Krise geraten, Henrietta dem Alkohol verfallen.

Charles, dem die gesellschaftlichen Gepflogenheiten in der Sträflingskolonie gleichgültig sind, verhilft Henrietta wieder zu Lebensmut. Sam, der bereits resigniert hat, unterstützt ihn dabei. Charles verliebt sich jedoch in Henrietta. Milly intrigiert gegen die beiden und treibt Sam in die Eifersucht. Auf einem Empfang des Gouverneurs, zu dem sich Charles mit Henrietta selbst einlädt, kommt es durch den plötzlich auftauchenden Sam zum Eklat …

Was zu sagen wäre

Alfred Hitchcock begibt sich auf unbekanntes Terrain – in doppelter Hinsicht. Der erste Film, den er wieder in England dreht, führt uns nach Australien – Under Capricorn, unter den Südlichen Wendekreis, wie der Film im Original heißt. Außerdem inszeniert er romantisches Melodram über die alten Gefährten Schuld und Sühne. Es gibt zwar einen Mord, aber der liegt lange zurück und jemand hat dafür gebüßt. Statt also in einen Hitchcock-Thriller zu inszenieren, konzentriert sich der gefeierte Regisseur auf seine drei Hauptfiguren, auf ein romantisches Dreieck und ein paar ziemlich verkommene Figuren um diese herum.

Einige von diesen verkommenen Figuren tragen edles Tuch und sind in der britischen Kronkolonie Down Under hoch angesehen. Andere sind unscheinbare Dienstboten, die sioch als mörderische Intriganten entpuppen. Ein verurteilter Mörder erweist sich als der Tat unschuldig. Hitchcock beherrscht das Spiel mit den Erwartungen seiner Zuschauer immer noch – egal ob im Thriller oder im Melodram. Die erste Erwartung konterkariert er tatsächlich eben damit, das Melodram zu versuchen – aber das versteht der Zuschauer erst viel später. Vorher ist er abgelenkt durch all die anderen Erwartungen, die der Regisseur gekonnt in ihr Gegenteil verkehrt. Als erstes wird der etwas schnöselige Lebemann Adare zu einem Dinner beim Pferdezüchter Flusky eingeladen. An diesem Abend kommen allerlei noble Männer aus der Stadt – aber niemand hat seine Frau dabei, man möge sie entschuldigen, sie sei unpässlich, heißt es jedesmal. So baut sich statt einer fröhlinch schwingenden Abendgesellschaft ein deprimierender Empfang auf. Als Lady Flusky dazustößt, wird klar, warum die Abendgesellschaft so trostlos wirkt: Die Lady ist betrunken. Offenbar haben wir es mit einer Alkoholokerin zu tun. Nächste Erwartung unterlaufen: Ingrid Bergmann als Trinkerin? In einem Kostümfilm? Bergmann hat in dieser Szene nichts von ihrer üblicherweise weichgezeichneten Aura sphärischer Eleganz. Erst viel später, als sie im schönen Ballkleid die Treppe herunterschreitet, hat sie diesen sphärigen Ingrid-Bergmann-Touch (Berüchtigt – 1946; Ich kämpfe um Dich – 1945; „Das Haus der Lady Alquist“ – 1944; „Wem die Stunde schlägt“ – 1943; Casablanca – 1942).

Auch Joseph Cotton ist eine Überraschung: in Hitchcocks Verdacht (1941) noch der verschlagene Onkel Charlie, auch hier zunächst der schlecht beleumundete Ex-Sträfling, der sich etwas aufgebaut, darüber seine Frau an den Alkohol verloren hat und als harter Knochen auftritt, der nur an der verschwundenen Liebe seiner Frau leidet. Und auch der aufdringliche Lebemann Charles, der sich Henrietta in sehr unpassender Weise aufdrängt und lange Zeit als die Hauptfigur des Films wirkt, erscheint irgendwann in neuem Licht und lediglich als Katalysator des eigentlichen Dramas, bei dem Henrietta und Sam im Mittelpunkt stehen. Die Erwartungen werden sich im Laufe des Films noch ein paar Mal umdrehen. Bis Hitchcock ein komplexes Gesellschaftsbild mit facettenreichen Typen, verschlagenen Ratten, gnadenlosen Machthabern und unschuldigen Bürgern komplettiert.

Hitchcock treibt das Spiel mit der Unkenntnis seiner Zuschauer auf die Spitze. Lange läuft die Geschichte auf einen anderen Ausgang zu: Wen wird Henrietta wählen? Denn dass sie sich wird entscheiden müssen zwischen beiden Männern, scheint lange unausweichlich. Sam leidet darunter, als Ex-Sträfling von der britischen Gesellschaft nicht akzeptiert zu werden, das ist klar und das sagt er auch mehrfach. Dann gibt es eine Szene mit einer Rubinkette, die ihre Wahl vorwegzunehmen scheint. Sam möchte ihr zu ihrem neuen Ballkleid eine Rubinkette schenken – die Kamera ist die ganze Zeit close auf der Kette hinter seinem Rücken – während wir hören, wie Charles und Henrietta ihm – etwas gönnerfaft – klar machen, dass Rubine nicht zu diesem Kleid passen; Sam lässt die Kette hinter seinem Rücken unaffäöllig verschwinden. Als die beiden dann weg sind auf dem Ball der großen Gesellschaft, steht Millie, Sams Haushälterin, in der Tür und hält einen flammenden Monolog auf die heuchlerische Schlechtigkeit der Gesellschaft von Stand und treibt Sam in die Eifersucht. Eine große Szene, die den weiteren Film nochmal auf den Kopf stellt.

Kameratechnisch gesehen ist „Sklavin der Herzen“ ein naher Verwandter von Cocktail für eine Leiche, den Hitchcock davor gedreht hat. Für „Sklavin des Herzens“, seinen zweiten Farbfilm, wählt er eine ähnliche Technik wie für „Cocktail“, indem er lange Dialoge ungeschnitten aufnahm und – von der Enge eines einzigen Raumes befreit – dabei zum Teil atemberaubende Kamerafahrten unternimmt – Treppe rauf, Treppe runter, schweben auf einen Balkon zu und wieder weg. Auf diese Weise filmt er lange, dramatische Monologe, von denen der Ingrid Bergmanns herausragt. Minutenlang erzählt sie Charles, wie das war, damals in Irland, als sie und Sam, ihr Stallbursche, sich ineinander verliebten, wie sie flohen und heimlich heirateten und wie am Ende dieser dramatischen Geschichte ihr Bruder erschossen am Boden lag und Sam in die Straflager der Kolonien verbannt wurde. Bergmann ruft alles ab, was an Drama und Emotion in ihr steckt, während Hitchcock die Kamera so präzise führt, dass sie Bergmann immer größer, strahlender, heller erscheinen lässt, während sie von der Romantik und der Liebe erzählt, und als sie zum dramatischen Ende der Geschichte kommt, sich wieder entfernt, sie aus dem Fokus verliert, sie klein, blass und dunkel wirkt. Bergmanns overacting wirkt in diesem wechselnden Licht ganz natürlich.

Auch, was seine Figuren angeht, leiht sich Hitchcock Ideen bei sich selbst aus: Die böse Hausdame Milly ist eine Schwester der eifersüchtigen Haushälterin Mrs. Danvers  aus Rebecca (1940), Henrietta eine Cousine der Alicia aus Hitchcocks Berüchtigt (1946), die, auch von Ingrid Bergmann gespielt, eine Trinkerin ist, die sich aufgrund einer „Schuld“ aus der Vergangenheit an einen Ehemann bindet. In beiden Fällen versucht eine Frau sie zu vergiften und in beiden Fällen wird sie von einem Außenstehenden, der sie liebt gerettet.

Mit diesen Zutaten aus seinen bekannteren Thrillern macht Alfred Hitchcock aus „Under Capricorn“ ein Kamera-Wunderk und ein ergreifendes Melodram.

Wertung: 5 von 6 D-Mark
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