Plakatmotiv: Saboteure
Ein Verschwörungs-Thriller
feiert die Werte des Kinos
Titel Saboteure
(Saboteur)
Drehbuch Peter Viertel + Joan Harrison + Dorothy Parker
Regie Alfred Hitchcock, USA 1942
Darsteller Priscilla Lane, Robert Cummings, Otto Kruger, Alan Baxter, Clem Bevans, Norman Lloyd, Alma Kruger, Vaughan Glaser, Dorothy Peterson, Ian Wolfe, Frances Carson, Murray Alper, Kathryn Adams, Pedro de Cordoba, Billy Curtis u.a.
Genre Thriller, Krieg
Filmlänge 109 Minuten
Deutschlandstart
16. Mai 1958
Inhalt

Barry Kane und sein bester Freund Ken Mason arbeiten für eine kalifornische Flugzeugfabrik. Bei einem Sabotageakt und dem daraus entstehenden Brand kommt Ken ums Leben, während Barry für die Tat verantwortlich gemacht wird. Um seine Unschuld zu beweisen, macht er sich auf die Suche nach dem eigentlich Schuldigen, dem mysteriösen Frank Fry, der sich als Arbeiter in die Fabrik eingeschlichen hatte. Er jagt Fry quer durch Amerika und muss sich gleichzeitig vor der Polizei verstecken, die nach ihm fahndet.

Die einzige ihm bekannte Spur führt Barry zu dem Ranchbesitzer Charles Tobin, der in einer Villa mit Swimmingpool lebt und als angesehener Bürger gilt. Tobin gibt offen zu, dass es sich bei ihm um einen Saboteur handelt, der in den Vereinigten Staaten eine faschistische Diktatur errichten will – doch diese Anschuldigung würde man dem flüchtigen Kane sowieso nicht glauben. Dann verständigt er die Polizei, dass der Verbrecher Kane sich auf seinem Gelände befinde und festzunehmen sei.

Plakatmotiv (US): SaboteureBarry konnte auf Tobins Ranch die Information erlangen, dass Fry nach Soda City gegangen ist, und setzt seine Flucht fort. Vor der Polizei versteckt er sich im Haus des Blinden Mr. Martin, der ihn freundlich aufnimmt. Martins Nichte, das Model Patricia, ist Barry allerdings weniger wohlgesinnt und will ihn mit einer Hinterlist an die Polizei ausliefern. Barry lässt sich das nicht gefallen und entführt kurzerhand Patricia. Das Auto geht kaputt und beide müssen, zeitweise mit Handschellen aneinandergekettet, durch die Wüste wandern …

Was zu sagen wäre
Alfred Hitchcock schätzt künstliche Settings – sowohl, was die Kulissen angeht als auch, was den Grad des Realismus in seinen Filmen angeht. Hier sind schon die ersten Einstellungen künstlich, der große Flugzeughangar ist bildfüllend gemalte Kulisse. Und die Geschichte, in die er uns entführt, ist eine über Saboteure, Verräter und Unschuldige, die Hitchcock wie auf einem Schachbrett zusammenführt, wo jeder nach seiner Rolle zu agieren hat – auch Frauen agieren nach Drehbuchfunktion: Pat Martin etwa, die tapfere Blondine, wird bei Hitchcock dem Mann eher zugeworfen, als dass der um sie werben müsste. Beim Zusammentreffen mit der Zirkustruppe entlarvt der Film seine moralische Künstlichkeit: Bei der Abstimmung, ob man Barry helfen wird oder nicht, begründet Esmeralda, die „Frau mit Bart“, ihre entscheidende Stimme pro Barry damit, dass die Frau an Barrys Seite nichts gesagt habe, seit sie entdeckt worden sei und man über ihr Schicksal debattiere, aber nur ein wirklich vertrauender Mensch bliebe stumm angesichts der Gefahr „Sie erträgt alles, was auch er ertragen muss, bleibt an seiner Seite, was auch passiert“. Nicht das Realistische ist Hitchcocks Fach, sondern die Filmkunst, in der der Held Unterstützung und ein funtionierendes Love Interest braucht.

Apropos Held: „Er ist edel und fein und rein. Deshalb bezahlt er die Strafe, die die Edlen, Feinen und Reinen in dieser Welt zahlen müssen. Er wird von allen falsch eingeschätzt. Sogar die Polizei hat einen völlig falschen Eindruck von ihm.“ So beschreibt ihn einer der Hinterzimmer-Drahtzieher der großen Verschwörung. Das ist die perfekte Beschreibung aber auch des klassischen Hitchcock-Heldenopfers: unschuldig in die Bredouille geraten, alle rechtsstaatlichen Zugänge versperrt, er/sie kann sich nur alleine helfen.

Es gibt im letzten Drittel eine Szene, da versuchen Barry und Pat, seine beiden Helden, aus dem mondänen Anwesen der Verschwörer zu entkommen, während dort ein Ball stattfindet. Alle Ausgänge sind bewacht. Die Schergen in Livree kommen von drei Seiten auf sie zu, niemand der Gäste nimmt die beiden ernst, also … gehen sie, um sich zu schützen, auf die Tanzfläche und haben dort alle Zeit der Welt, ihre nächsten Schritte zu planen, und sich ihrer Gefühle zu versichern – weil, augenscheinlich, die livrierten Killer kein Zugangsrecht zur Tanzfläche haben? So geht Hitchcocks Realismus: Wenn die Helden Gesprächsbedarf haben, haben die Schurken halt Tanzverbot – und es stört niemanden, weil die Szene mit einer „Wir haben nur eine Chance“-Sentenz eingeleitet wird; Hitchcock macht Kino, nicht Doku. Ein anderes Mal wirft Pat eine mit Lippenstift geschriebenen Nachricht aus dem 23. Stock, wo sie gefangen gehalten wird, hinunter ins Manhattan-Getümmel und wir Zuschauer dürfen zuschauen, wie diese federleichte Message einen Adressaten erreichen möge. Hitchcock nennt das Suspense.

Die Künstlichkeit seiner Filmwelt komplettiert er, als er den Showdown in – ausgerechnet – einem Kino beginnen lässt, wo der Dialog auf der Leinwand mit der Handlung im Saal verschmilzt. Alles ist Theater. Zumal, wenn im Grande Finale der Schurke tatsächlich am seidenen Faden (seines Jackets) hängt, sich die Naht langsam auftrennt – Spannung pur (er hat ein Faible für die Stürze entwickelt, wiederholt die Effekte später in Fenster zum Hof oder Vertigo). Es wäre Zeitverschwendung, sich ausführlich mit Realismus in Hitchcockfilmen zu beschäftigen. Das ginge an dem Spaß vorbei, den er sich und anderen bereiten will. Einen Miniatur-Thriller schafft Hitchcock schon mit versteckten Handschellen (wie schon in den 39 Stufen, wo das Paar aneinandergekettet ist), wenn Barry versucht, diese zu verbergen; wir fiebern, ob er es schafft, sie in seiner Bedrängnis zu verbergen und dann löst Hitchcock das Mini-Drama auf, indem ein Blinder, ausgerechnet, nicht nur die Fesseln längst an ihrem Klingeln erkannt hat, sondern er auch noch als einziger sofort Barrys Unschuld erkennt. Den Brand in der Flugzeugfabrik zu Beginn zeigt Hitchcock, indem er schwarzen Rauch von rechts ins Bild quellen und dann die Arbeiter beim Mittagessen, wie in einem Ballett, nacheinander aufspringen lässt. Sehr effektiv und very suspense.

Wunderbar ist Otto Kruger als Drahtzieher Charles Tobin, der elegant eloquent, freundlich lächelnd seine Motive gar nicht verteidigt, sondern gleichsetzt mit den Motiven anderer Menschen, „Leute(n), die dahinvegetieren, ohne Fragen zu stellen. Ich gebrauche das Wort dumm nur ungern, aber es scheint das einzig passende zu sein. Die große Masse, die idiotischen Millionen. Nun, einige von uns sind nicht bereit, dahinzuvegetieren. Einige von uns sind klug genug zu erkennen, dass viel mehr zu tun ist, als ein unbedeutendes, selbstgefälliges Leben zu führen. Einige von uns in Amerika, die sich eine profitablere Regierung wünschen. Wenn Sie es sich überlegen, Mr. Kane, sind die totalitären Nationen weitaus kompetenter als wir. Sie bringen ihre Arbeit zu Ende. (…) Wenn wir gewinnen, komme ich zurück. Vielleicht bekomme ich dann, was ich will. Macht. Ja, das wünsche ich mir so sehr wie sie Komfort, Ihre Arbeit oder dieses Mädchen. Wir alle haben verschiedene Geschmäcker, wie Sie sehen. Nur bin ich bereit, meinen Geschmack mit der erforderlichen Gewalt durchzusetzen.“ Hitchcock filmt diesen zynischen Kommentar zur gesellschaftlichen Welt in einer Einstellung, Kruger/Tobin sitzt entspannt da auf einem Empire-Möbel, eingerahmt von vergessenen Würdenträgern altem Öl und verschwenderischer Pracht. In dieser künstlichen Welt erzählt Hitchcock mehr Hintergründiges über die reale Welt, als eine Dokumentation das je könnte. Das ist Aufgabe der Kunst.
Wertung: 6 von 6 D-Mark