Plakatmotiv: Sabotage (1936)
Das Haus der Träume wird zum Terror-Nest.
Hitchcocks perfiedes Spiel mit dem Suspense
Titel Sabotage
(Sabotage / The woman alone)
Drehbuch Charles Bennett + Ian Hay
nach dem Roman „The Secret Agent“ von Joseph Conrad
Regie Alfred Hitchcock, UK 1936
Darsteller Sylvia Sidney, Oskar Homolka, Desmond Tester, John Loder, Joyce Barbour, Matthew Boulton, S.J. Warmington, William Dewhurst u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 90 Minuten
Deutschlandstart
17. Oktober 1978 (TV-Premiere)
Inhalt

Carl Verloc lebt ein Doppelleben. Mit seiner Frau Sylvia und deren kleinem Bruder Steve betreibt er in London ein Kino. Für eine geheime Organisation verübt er aber nachts Sabotageakte. Im Gemüseladen nebenan arbeitet Ted Spencer, doch auch er hat eine geheime Identität. In Wirklichkeit arbeitet er als verdeckter Ermittler für Scotland Yard und hat den Auftrag, Verloc zu beschatten.

Verlocs erste große Aktion, ein Sabotageakt in einem Kraftwerk, der die gesamte Millionenmetropole lahmlegt, zeigt noch nicht die gewünschte Wirkung. Die Londoner belächeln den Vorfall, und er bekommt von der Geheimorganisation einen neuen Auftrag: Er soll sich mit einem Bombenbastler treffen und Sprengstoff abholen.

Plakatmotiv: Sabotage (1936)Spencer schöpft Verdacht und trifft sich mit Verlocs Frau Sylvia und deren Bruder Steve zu einem Essen, um mehr herauszubekommen, was ihm jedoch misslingt. Darum bespitzelt er am nächsten Tag ein Treffen zwischen Verloc und ein paar Finsterlingen. Ungeschickterweise lässt er sich erwischen und seine Deckung fliegt auf. Verloc ist nun vorgewarnt. Als ein paar Tage später das Paket mit der Bombe ankommt, möchte er es nicht selbst zum Tatort bringen. Also beauftragt er den kleinen Steve, erfindet eine Geschichte und schickt ihn mit dem Paket und ein paar Filmrollen zu einem Schließfach am Bahnhof. Er mahnt ihn dringend zur Eile, denn die Bombe ist mit einem Zeitzünder versehen …

Was zu sagen wäre

Ein böser Film aus der Hand eines Mannes, der wie kaum ein Zweiter mit Motiven spielt, mit Bildern manipuliert und mit seiner Montage der Bilder den zuschauer unter Spannung setzt. Alfred Hitchcock, der vom Kino lebt, durch das Kino Bedeutung erlang, macht das Kino in seinem jüngsten Film zu einem bösen Ort, in dessen Hinterzimmer sich Verschwörer treffen, während vorne Walt Disneys Zeichentrickfiguren das genusssüchtige Volk ablenken.

„Es gibt keinen harmloseren, zuverlässigeren Menschen als ihn“, sagt die Amerikanerin Sylvia Verloc über ihren Mann Carl. Der betreibt dieses Kino, verkauft also Träume. Aber das Geschäft mit den Träumen läuft nicht gut, den Menschen sitzen der noch spürbare Börsencrash 1929 und der schon spürbare Krieg in Übersee im Nacken. Für Zerstreuung bleibt da wenig Platz. Deshalb hat Carl diesen Zweitjob, den Terrorjob, mit dem er die Träume anderer herbeibomben soll – was in einer grandiosen Rechtfertigungsszenbe mündet, in der Carl mit allen rhetorischen Mitteln versucht, sein schändliches Tun zu rechtfertigen. Sylvia kommt erst angesichts des erwähnten Disney-Films wieder zu einem ordentlichen Ruhepuls.

Eine bemerkenswerte Rolle spielt die Polizei in diesem Film: Nachdem sich Carl mit dem Drahtzieher für ein nächstes Attentat in einem Aquarium besprochen hat, findet er in der Drehtür nicht den richtigen Ausgang; ausgerechnet der ihn beschattende  Zivilipolizist hilft ihm aus der Misere. Weil die Drehtür vergittert ist und die Kamera die Szene von außen filmt, sieht sie aus, als helfe der Polizist dem Schurken aus der Gefängnistür, weil er ihn auf frischer Tat ertappen möchte. Der andere Polizist, Spencer, der sich Undercover im Gemüseladen neben dem Kino aufhält, drängt sich forsch in die Ehe von Sylvia und Carl, indem er Sylvia unverhohlen Avancen macht. Spencer mag schon wissen, dass Carl früher oder später lange ins Gefängnis wird gehen müssen – oder gar auf den elektrischen Stuhl. Aber dass in der Ehe von Sylvia und dem bedeutend älteren Carl (die Schauspieler sind Jahrgang 1910 – Sidney – und 1898 – Homolka) etwas nicht in Ordnung ist, dafür gibt es keine Anzeichen.

Plakatmotiv: Sabotage (1936)<Nachtrag 2017>Für die Rolle Ted Spencers war ursprünglich Robert Donat vorgesehen, der Held aus Die 39 Stufen. Da dieser von seinem Produzenten Alexander Korda nicht freigegeben wurde, musste Hitchcock mit John Loder vorliebnehmen, der jedoch nach Hitchcocks Aussage für die Rolle so nicht passte und für den daher einige Dialoge umgeschrieben werden mussten. Hitchcock sah später das Dilemma der Rolle darin, dass es aufgrund der Geringfügigkeit dieser Nebenrolle nicht möglich war, einen Star zu engagieren. Daher lagen die Sympathien des Zuschauers nicht uneingeschränkt bei Spencer, eben auch weil der sich deutlich in die Ehe der Verlocs einmischt und die Ehefrau umwirbt.</Nachtrag 2017>

Böse ist der Film aber nicht, weil er das Kino zum Ort des Bösen macht, diese Verknüpfung ist ja eher nachliegend, wenn auch aus anderen Gründen, als in diesem Film. Böse ist der Film, weil Alfred Hitchcock sein Publikum auf eine schreckliche Reise schickt: Ein Junge, Steve, 12 Jahre vielleicht, soll für seinen Stiefvater Carl zwei Filmrollen und ein Paket abliefern, nicht mit dem Bus – damals waren Filmrollen leicht entflammbar und explosiv, durften also in Bussen nicht transportiert werden – sondern zu Fuß, quer durch die Stadt. Dass in dem Paket eine Bombe mit Zeitzünder ist, die schon tickt, wissen nur Carl und der Zuschauer im Kino, nicht aber der Junge, der seinen Auftrag nicht ganz so gewissenhaft umsetzt, ein wenig herumtrödelt, sich von Gauklern ablenken lässt, mit einem süßen kleinen Hund spielt – und dann explodiert die Bombe. Es gibt viele Tote, darunter der süße Hund, den wir eben erst ins Herz geschlossen haben. Und Steve. Alfred Hitchcock opfert einen unschuldigen Teenager, weil er sich benommen hat, wie sich Teenager eben benehmen, nur weil er ein bisschen trödelt. Die Detonation der Bombe ist ein echter Schockmoment, weil kein Zuschauer vermutet, dass dieser brave Junge tatsächlich stirbt.

<Nachtrag 2017>Die Szenenfolge, in der der Junge das Paket durch die Stadt transportiert und dabei die Zeit vertrödelt, ist die klassische Hitchcock’sche Suspense-Szene, anhand derer sich das Prinzip dieser Art, Spannung zu erzeugen, am plakativsten zeigen und erklären lässt. Als Fehler bezeichnete Hitchcock jedoch später immer wieder die Tatsache, dass er die Bombe tatsächlich explodieren ließ. Die Szene wurde dem Film damals auch sehr übel genommen. Aus dramaturgischer Sicht war dieser Schockeffekt aber erforderlich, um Mrs. Verloc, die bald darauf ihren Ehemann ersticht, die uneingeschränkte Sympathie des Zuschauers zu sichern.</Nachtrag 2017>

Wertung: 4 von 6 D-Mark