Plakatmotiv: Psycho
Hitchcock startet nochmal von vorne
Film Noir mit gespenstischer Mutter
Titel Psycho
(Psycho)
Drehbuch Joseph Stefano
nach dem gleichnamigen Roman von Robert Bloch
Regie Alfred Hitchcock, USA 1960
Darsteller
Anthony Perkins, Vera Miles, John Gavin, Janet Leigh, Martin Balsam, John McIntire, Simon Oakland, Frank Albertson, Patricia Hitchcock, Vaughn Taylor, Lurene Tuttle, John Anderson, Mort Mills u.a.
Genre Horror
Filmlänge 109 Minuten
Deutschlandstart
7. Oktober 1960
Inhalt

Marion Crane, eine Sekretärin aus Phoenix, ist es leid, sich mit ihrem Freund Sam nachmittags heimlich in billigen Absteigen treffen zu müssen. Sie möchte endlich heiraten. Er fühlt sich jedoch finanziell noch nicht genug abgesichert, um ihr ein sicheres Leben zu ermöglichen. Marion wird von ihrem Arbeitgeber Lowery beauftragt, für den wohlhabenden Kunden Tom Cassidy 40.000 Dollar zur Bank zu bringen. Sie fasst den Entschluss, das Geld zu unterschlagen und sich krank zu melden. Marion verlässt mit dem Geld die Stadt, was ihr Chef zufällig sieht. Auf der Fahrt erregt sie durch ihr sonderbares Verhalten die Aufmerksamkeit eines Polizisten, der sich eine Weile lang an ihre Fersen heftet. Das überhastete Tauschen ihres Wagens gegen einen anderen weckt den Argwohn eines Autohändlers.

Plakatmotiv: PsychoNervös und ängstlich erreicht Marion im strömenden Regen schließlich ein abseits der Hauptstraße gelegenes Motel. Dessen junger Eigentümer, Norman Bates, erzählt Marion, dass er mit seiner kranken Mutter nebenan in einem viktorianischen Haus lebe und keinerlei Freunde habe. Der etwas verklemmt wirkende Mann zeigt Interesse an der attraktiven Frau und lädt sie zum Abendessen ein. Er geht vom Motel in das Haus, um das Abendessen vorzubereiten. Marion hört durch das offene Fenster eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen ihm und seiner Mutter, die ihm Kontakte zu Frauen verbieten will, die sie für „schmutzig“ hält. Danach bringt Bates das Abendessen ins Motel. Während des gemeinsamen Essens kommen Norman und Marion ins Gespräch. Norman erwähnt sein Hobby, das Präparieren von Vögeln, und kommt auch auf seine Mutter zu sprechen. Er bezeichnet sie als „harmlos“, nur „manchmal ein bisschen bösartig“. Er äußert auch, dass er keine Freunde brauche, denn der beste Freund eines Mannes sei seine Mutter.

Marion hadert vor dem Schlafengehen mit sich und erwägt, das gestohlene Geld zurückzubringen. Es hat den Anschein, als sei sie mit sich im Reinen, als sie unter die Dusche geht. Dort wird sie von einer Gestalt in Frauenkleidern brutal erstochen. Norman entdeckt die Leiche und ist bestürzt über die Tat, die anscheinend seine herrschsüchtige Mutter begangen hat. Er beseitigt sorgfältig alle Spuren, verstaut Marions Leiche samt Gepäck – darin auch das gestohlene Geld, von dem er nichts weiß – in ihrem Auto und versenkt es in einem Sumpfgebiet hinter dem Motel.

Marions Arbeitgeber ist von einer Affekthandlung seiner Angestellten überzeugt. Anstatt sie bei der Polizei anzuzeigen, schickt er den Privatdetektiv Arbogast auf die Suche nach ihr und dem Geld. Auch Marions Schwester Lila ist besorgt und macht sich mit Marions Freund Sam auf die Suche. Arbogast klappert sämtliche Hotels und Motels der Umgebung ab und stößt schließlich auf Bates, dem er misstraut, da sich dieser in Widersprüche verwickelt und etwas zu verheimlichen scheint. Bates weigert sich auch, ihn zu seiner Mutter vorzulassen, was den Detektiv besonders neugierig macht. Nachdem er Lila am Telefon von seinem Verdacht berichtet hat, kehrt Arbogast heimlich in das Haus zurück, um mit Normans Mutter zu sprechen. Diese überrascht ihn im ersten Stock mit einem großen Messer und sticht auf ihn ein. Arbogast fällt die Treppen hinunter, ist unfähig, sich wieder aufzurichten und wird von Normans Mutter erstochen. Norman übernimmt erneut die „Aufräumarbeiten“.

Alarmiert von Arbogasts Bericht und seinem Verschwinden, fahren Lila und Sam selbst zu dem Motel. Der örtliche Sheriff informiert sie, dass Mrs. Bates schon vor zehn Jahren auf dem örtlichen Friedhof begraben wurde …

Plakatmotiv: Psycho

Was zu sagen wäre

Alles auf Anfang: Hitchcock kehrt zurück zum kleinen, schmutzigen Schwarz-Weiß-Kino seiner Anfänge. Aller Glamour aus seinen letzten Filmen ist verschwunden. Schon diese Eingangssequenz: Phoenix, Arizona an einem schwül heißen Nachmittag. Die Kamera schwebt über der Stadt, auf ein Gebäude zu – und quetscht sich wie unter einem Rollo durch in ein Fenster, hinter dem ein Paar sich nach einem Sex-Date wieder anzieht. Hitchcock macht uns zu Spannern; hat uns gleichzeitig mit der Location vertraut gemacht und mit den Hauptfiguren – offenbar keine etablierte US-Familie, sondern Figuren am Rand der moralisch einwandfreien Gesellschaft – er betrügt seine Frau in einer offenbar schon kaputten Ehe, sie hofft auf seine baldige Scheidung und unterschlägt kurz darauf 40.000 Dollar, um diese Scheidung zu beschleunigen. Schnell also ist klar: Wir haben es mit Menschen zu tun, die Probleme haben wie Du und ich (die der verklemmete Production Code halt weiter als moralisch untragbar verbietet), die also schneller mal eine falsche Abzweigung im Leben nehmen, als all die gesellschaftlich angesehenen Figuren aus Hitchcocks zurückliegenden Filmen im bunten VistaVision. Seine neuen, ordinary people agieren in schwarz-weiß auf normalen Breitwandformat.

Gleich beschleicht uns diese Unruhe, die Hitchcock geschickt füttert. Auf dem Highway wird Marion von einem Cop geweckt, der sie schlafend im Auto am Straßenrand gefunden hat. Der Cop mit Spiegelsonnenbrille erscheint durchs Autofenster überdimensioniert groß, eine unnnatürliche Bedrohung für die Frau, mit der wir bangen, obwohl sie 40.000 Dollar unterschlagen hat. Auch der Kauf eines neuen Autos – um  den alten loszuwerden – erweist sich als Nägelbeißer, weil der Gebrauchtwagenhändler sich wundert über eine Kundin, die den Händler zum Verkauf treibt – sonst sei das eher umgekehrt. Wie verhält man sich auf der Flucht, wenn man unaffällig sein möchte?

Zu diesen Bildern amerikanischer Einsamkeit auf Landsraßen orchestriert Bernard Herrmann einen eleganten, mal melodiös melancholischen, dann wieder hart treibenden Soundtrack, der die gefühlslagen betont, sich aber nicht in den Vordergrund drängt. Auch in diesem Hitchcock-Film setzt die Musik Akzente, ist nie Mittelpunkt. als Marion das Bates Motel erreicht, nachts im Regen, inszeniert Hitchcock das ohne Musik. Er braucht hier keine emotionale Krücke; er hat den zuschauer längst da, wo er in braucht, um ihn kompetent schockieren zu können. Dieses Motel ist ganz nebenbei ein Schwanengesang auf die alte Highway-Herrlichkeit, als Nat King Cole die Romantik einer Route 66 besang und Motels wie Pilze aus dem Boden schossen. Bates Motel steht meistens leer – 12 Zimmer, 12 Auswahlmöglichkeiten – weil sie einen Highway weiter weg gebaut haben, über den der Verkehr jetzt fließt.

„A boys best friend is his mother“, sagt Norman bates, als er Marion Crane erklären will, wieso er sich von seiner strengen Mutter derart gängeln lässt. Da artikuliert sich Hitchcocks Obsession für Mütter, die sich schon früher mal andeutete, in Schatten des Zweifels (1943) zeigte er ein Musterexemplar der All American Mother, aber das war ein braver, unaufdringlicher Haushaltsvorstand. Erst in Über den Dächren von Nizza und in Der unsichtbare Dritte taucht ein echtes Muttertier auf – beides Mal gespielt von Jessie Royce Landis –, das sich herrschsüchtig in den Vordergrund spielt. Jetzt, quasi als Ultima Ratio aller Mütter, also die unsichtbare Mutter – wir hören sie häufig keifen, sehen ihren Schatten; nur einmal meinen wir, sie zu sehen – als sie Marion unter Dusche tötet.

Dass im Motel etwas nicht stimmt, spüren wir rasch. Dass etwas bedrohlich schief läuft, ahnen wir, als die Perspektive sich verschiebt. Nach dem gemeinsamen Abendessen verliert die Kamera das Interesse an Marion Crane, folgt statt dessen dem bisher fremden Norman Bates ins Haupthaus, was uns einen ersten Blick in dieses Haus gewährt. Anthony Perkins spielt diesen Norman ganz gedämmt, freundlich-aufmerksam, höflich; ein braver Alltagsphilosoph, der sich so seine Gedanken macht, allein im Büro des Motels. Janet Leigh taucht nur noch auf, um unter der Dusche zu sterben. Und weil wir es da noch nicht glauben wollen – die Hauptdarstellerin tot? Janet Leigh?? – versenkt Perkins das Auto mit ihr im Kofferraum ohne weitere Musikbegleitung im nahe gelegenen Sumpf. Punkt. Aus. Ende. Von da ab hat der Film uns an den Eiern. Ab hier kann nun wirklich alles passieren.

Diese Duschszene ist neben der Szene aus Der unsichtbare Dritte, in der Cary Grant von einem Schädlingsbekämpfungsflugzeug gejagt wird, die berühmteste aus Hitchcocks Schaffen. Über die simple Motorik – Messer in Menschenfleisch stechen – hat Hitchcock hier das Gegenteil dessen versucht, was er in Cocktail für eine Leiche gemacht hat, den er nahezu ohne sichtbaren Schnitt inszeniert hat. Die knapp zweiminütige Duschszene besteht quasi nur aus Schnitten. Dazwischen Bilder eines auf und ab fahrenden Messers, die schreiende Marion, der Duschvorhang, die Killerin und wieder das Messer und so weiter – darüber der treibende Score von Bernard Herrman, den er Hitchcock förmlich aufdrängen musste – der wollte die Szene eigentlich ohne Musik. Heute zählt dieser Score –  das stakkatohafte Streicherstück The Murder – zu den bekanntesten Themen der Filmgeschichte und wurde später in unzähligen Filmen zitiert.

Über diese historische Szene gerät in Vergessenheit, dass es noch eine zweite wegweisende Mordsequenz in diesem Film gibt, den Tod des Privatdetektivs Arbogast, dem Martin Balsams freundliche Ausstrahlung so berührende Wärme verleiht. Arbogast dringt in das Bates-Haus oberhalb des Motels ein, geht die Treppe hinauf und wird dort von der Mutter überfallen; Arbogast stürzt die Treppe hinunter, an deren Fuß die Mutter den tödlichen Stich setzt. Den Angrif filmt Hitchcock aus der Vogelperspektive, die das bizarre Drama zusätzlich verzerrt. Wenn Arbogast die Treppe hinunter stürzt, ist die Kamera gefühlsmäßig auf seine Brust montiert, sodass sie sein in Todesangst verzerrtes Gesicht die ganze Zeit in Großaufnahme hat. Eine effektvolle Mordsequenz, die auf eine weitere Vorliebe des regisseurs verweist – neben blonden Frauen und strengen Müttern sind für den Regisseur Treppen ein immer wieder gerne genommenes Utensil, um Spannung durch Perspektiven – Auf, ab, rauf, runter – zu erzeugen.

Der Film basiert auf Robert Blochs gleichnamigem Roman aus dem Jahr 1959. Bloch ließ sich für sein Buch von dem realen Fall des Frauenmörders Ed Gein inspirieren, der zwei Jahre zuvor unweit von Blochs damaligem Wohnort in Wisconsin gefasst worden war. Hitchcock erwarb die Rechte an dem Stoff über einen anonymen Agenten für die relativ geringe Summe von 9.000 Dollar. Anschließend kaufte er so viele Exemplare des Buches wie möglich auf, um das Ende der Geschichte geheim zu halten. Laut seinem Agenten Ned Brown gefiel ihm an „Psycho“ vor allem die überraschende Ermordung der Hauptfigur, die der Geschichte eine völlig neue Richtung gibt. In einem Interview mit François Truffaut erklärte Hitchcock: „I think the thing that appealed to me was the suddenness of the murder in the shower, coming, as it were, out of the blue. That was about all.

Wertung: 7 von 7 D-Mark