Plakatmotiv: Im Schatten des Zweifels
Alfred Hitchcock ist in
Amerika angekommen
Titel Im Schatten des Zweifels
(Shadow of a Doubt)
Drehbuch Thornton Wilder + Sally Benson + Alma Reville
nach einer Geschichte von Gordon McDonell
Regie Alfred Hitchcock, USA 1943
Darsteller Teresa Wright, Joseph Cotten, Macdonald Carey, Henry Travers, Patricia Collinge, Hume Cronyn, Wallace Ford, Edna May Wonacott, Charles Bates, Irving Bacon, Clarence Muse, Janet Shaw, Estelle Jewell u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 108 Minuten
Deutschlandstart
12. September 1947
Inhalt

Charlie Oakley ist ein großer, gutaussehender Mann, der jede Menge Bargeld mit sich herumträgt. Als die Polizei in New York nach ihm fahndet, sucht er Ruhe und Zuflucht bei der Familie seiner Schwester Emma Newton und ihrem Ehemann Joseph. Diese leben mit ihren drei Kindern in der betulichen Kleinstadt Santa Rosa in Kalifornien.

Mit seiner unschuldigen, aber klugen Nichte Charlie teilt Oakley nicht nur den Namen – beide fühlen sich seelisch verbunden. Die Freude der Familie über den Besuch des reichen Onkels aus der Großstadt ist zunächst ungetrübt, doch Onkel Charlie fällt gelegentlich durch sein seltsames Verhalten auf: Er lehnt Fotoaufnahmen von sich generell ab, versteckt Zeitungsausschnitte vor der Familie und eröffnet ein Bankkonto mit einer großen Summe.

Eines Tages erscheinen im Haus zwei Männer, die angeblich an einer Umfrage über amerikanische Familien arbeiten und die Newtons interviewen. Onkel Charlie gerät in Wut, als einer der Männer ein Foto von ihm macht. Als Jack Graham – einer der beiden Männer – die junge Charlie am Abend ausführt, klärt er sie auf, dass er und sein Kollege Polizisten seien und ihren Onkel beschatten. Entweder sei ihr Onkel oder ein anderer Mann der gesuchte Mörder von mindestens drei Witwen. Fortan nagen Zweifel an Charlie, und sie versucht hinter das Geheimnis ihres Onkels zu kommen …

Was zu sagen wäre

Alfred Hitchcock verbeißt sich blutend ins Fleisch der all american family. Seine Gangster und Weltkriegsverschwörer aus den Großstädten hat er beiseite gelegt für einen Witwenmörder, der sich im beschaulichen Santa Rosa vor der Staatsmacht zu verstecken versucht und an der Moral des guten american citizen scheitert. Seine besondere Spannung bezieht sein Film, weil er auch ein Coming-of-Age-Drama des noch gänzlich unbefleckten Backfischs Charlie erzählt, das offen eine inzestuöse Bindung andeutet.

Plakatmotiv (US): Im Schatten des Zweifels – Shadow of a DoubtDieser Onkel Charlie wird uns zwiespältig präsentiert – da wissen wir noch nicht, dass er Charlie heißt und Lieblingsonkel von jemandem ist. Hitchcock zeigt uns ein heruntergekommenes Stadtviertel, dann ein Zimmer, in dem ein Mann in Nadelstreifen Zigarre rauchend auf einem Bett liegt, als seine Wirtin hineinkommt und sagt, zwei Männer hätten sich nach ihm erkundigt – und lange ist nicht eindeutig, wer wer ist, wer auf welcher Seite des Gesetzes steht. Zumindest aber ist er dem Zuschauer schon verdächtig, als er in der verlangweilten Famile seiner Schwester noch als der Erlöser gefeiert wird – Vater im Bankjob, Mutter sehr beschäftigt, Tochter Charlie ist im verträumten Backfisch-Alter nach der High Scool, die jüngere Tochter Ann liest Bücher und betont, ihren Kopf frei halten zu wollen und der Jüngste, Roland, ist halt ein kleiner Junge mit anständigen Manieren.

Sie alle wohnen in Mittelständlers Paradies: „Santa Rosa, Kalifornien“ – schon der Name – darin lächelnde den Verkehr regelnde Cops, blühende Bäume, die die Straßen säumen, fröhliche Musik, durcheinander schnatternde Familienmitglieder und ein Hauch Esoterik – „Glauben Sie an Telepathie?“ fragt Nichte Charlie die Telegrafenfrau, die sagt, von Telegrafie zu leben. Schnell ist klar: Hier bricht das womöglich Böse ein. Und als der Onkel Charlie der Nichte Charlie einen Ring an den Ringfinger der rechten Hand steckt, ist die enge Verbindung zwischen den beiden auch im Bild – auch wenn der Ring eine falsche Gravur hat. Hier klingt offen eine inzestuöse Bindung an.

In der Folge inszeniert Hitchcock familiäre Zusammenführung-Glücksseeligkeit, die mit einer falschen Ring-Gravur abrupt endet („Jemand anders war bestimmt glücklich mit diesem Ring“). Bis dahin ahnte der Zuschauer schon: Irgendwas stimmt hier nicht – jetzt, und mit Blick auf Joseph Cottons kaltes Gesicht weiß er es. Dass Nichte Charlie den elefant im Raum nicht sieht, erläutert Hitchcock mit sich im Walzertakt drehenden Tanzpaaren, die den für das unschuldig naive Mädchen geschmeidigen Donau Walzer tanzen.

Einen besonderen Reiz bieten Familienvater Henry und sein enger Freund Herbie, die sich unablässig über den perfekten Mord streiten: „Die beste Art, einen Mord zu begehen …“, sagt Charlies Vater Henry, und wird von seinem Freund Herbie unterbrochen, „Ich weiß, ich weiß: Schlag ihm auf den Kopf mit einem stumpfen Gegenstand.“
„Na, ist doch so, oder nicht? Hör mal: Wenn ich Dich morgen umbringen wollte, meinst Du, ich verschwende meine Zeit dann auf Fantasie-Spritzen? Oder mit INEE … indianischem Pfeilgift. Ich würde mich vergewissern, dass Du alleine bist, zu Dir reingehen und Dich mit einem Bleirohr oder einem schweren Stock erschlagen …“
„Was wäre da das Besondere?“, fragt Herbie, “wo ist Deine Planung? Wo sind Deine Anhaltspunkte?“
„Ich will keine Anhaltspunkte. Ich will Dich umbringen!! Was brauche ich da Anhaltspunkte?“
„Tja, ohne Anhaltspunkte, … wie wird ein Buch daraus?“
„Ich spreche nicht vom Bücherschreiben, sondern davon, Dich umzubringen.“

Während die beiden Hobby-Literaten eine groteske Mordmethode nach der anderen beschreiben, schleicht sich in das Leben der wirklich sehr unbefleckten Tochter Charlie das real-mordende Grauen; ihr Onkel zögert keine Minute, seine Lieblingscousine zu töten, als die zur Gefahr wird. Und sie wird für ihn zur Gefahr, weil auch der ermittelnde Detective sich ihre Unerfahrenheit in libidonösen Fragen zunutze macht.

Hitchcocks Thriller ist ein Coming-of-Age-Drama, das virtuos auf der erotischen Klaviatur spielt.

Wertung: 6 von 6 D-Mark