Plakatmotiv: Frenzy
Hitchcocks Welt war
noch nie so dunkel
Titel Frenzy
(Frenzy)
Drehbuch Anthony Shaffer
nach einem Roman von Arthur La Bern
Regie Alfred Hitchcock, UK, USA 1972
Darsteller
Jon Finch, Barry Foster, Barbara Leigh-Hunt, Anna Massey, Alec McCowen, Vivien Merchant, Billie Whitelaw, Clive Swift, Bernard Cribbins, Michael Bates, Jean Marsh, Madge Ryan, Elsie Randolph, Gerald Sim, John Boxer u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 116 Minuten
Deutschlandstart
12. September 1972
Inhalt

In der Themse schwimmt eine Frauenleiche – nackt, stranguliert mit einer Krawatte. Es ist nicht die erste so Erdrosselte in London. Der Krawattenmörder hat wieder zugeschlagen.

Der ehemalige Pilot und Staffelführer der Royal Air Force, Richard Blaney, ist sozial abgestürzt. Er arbeitet als Bartender, wird vom Barbesitzer des Diebstahls beschuldigt und entlassen. Blaney ist fast pleite. Der Obsthändler Bob Rusk gibt ihm einen Tipp für eine Pferdewette. Das Angebot Rusks, ihm mit Geld auszuhelfen, lehnt er jedoch ab. Blaney geht stattdessen in eine Bar, um einen Drink zu nehmen. Wie er etwas später von Rusk erfährt, war sein Tipp – 20:1 – goldrichtig.

Anschließend besucht er seine Ex-Frau Brenda, die eine erfolgreiche Partnervermittlung betreibt. Blaney und sie sind seit zwei Jahren geschieden. Als Scheidungsgrund wurde auf Anraten der Anwälte seelische und körperliche Grausamkeit angegeben. Brenda gibt ihrer Sekretärin überraschend frei, um mit ihrem Ex-Mann ungestört sein zu können. Der aufbrausende Blaney macht dem Ärger über sein vermeintlich ungerechtes Schicksal lautstark Luft. Brenda will ihm Geld geben, was er jedoch ablehnt. Daraufhin lädt sie ihn für den Abend in ihrem Club zum Essen ein. Auch dort verhält sich Blaney aggressiv und zerbricht ein Glas. Als sie sich kurz darauf trennen, bemerkt er nicht, dass Brenda ihm Geld zusteckt. Er übernachtet in einer Männerpension der Heilsarmee, wo ihn einer seiner Schlafgenossen bestehlen will. Erst jetzt bemerkt er das zugesteckte Geld.

Am folgenden Tag wartet der Obsthändler Rusk die Mittagspause von Brendas Sekretärin ab, um in die Ehevermittlung einzudringen. Nach einem erniedrigenden Gespräch vergeht er sich an Brenda und erwürgt sie schließlich mit seiner Krawatte. Dann verlässt er unbemerkt die Agentur. Als sich kurz darauf Blaney bei seiner Frau für das Geld bedanken möchte, findet er die Tür zum Büro verschlossen vor und verlässt das Haus wieder. Dabei sieht ihn die Sekretärin, die aus ihrer Mittagspause zurückkommt. Als sie ihre Chefin ermordet vorfindet, hält sie Blaney für den Krawattenmörder und teilt dies der Polizei mit …

Was zu sagen wäre

Alfred Hitchcock und Alma Reville sind seit 46 Jahren verheiratet. Wir können also davon ausgehen, dass die Ehe der beiden, inklusive üblicher Höhen und Tiefen, eine gute ist. Wir sollten daher nicht den Fehler machen, die explizite Ehefeindlichkeit, die er in „Frenzy“, seinem ersten UK-Film seit Die rote Lola (1950) offenbart, allzu biografisch zu interpretieren. Es ist auffällig, wie dieser Film, dessen Handlung in der Nachbarschaft einer Partnervermittlungsagentur angesiedelt ist, an der Institution Ehe kein gutes Haar lässt.

Da ist mal die Besetzung dieser Agentur: eine blaustrümpfige Sekretärin mit verkniffenem Blick verwaltet eine Agenturchefin, die seit zwei Jahren geschieden ist, aber immer noch an ihrem Ex-Mann hängt. Ein Paar, das sich über die Agentur gefunden hat, verlässt das Büro, er schlägt vor, gleich zu ihm zu gehen und sie erwidert, wie ihr verstorbener Mann, Gott hab' ihn selig, sie immer verwöhnt habe, in dem er früh aufgestanden sei, ihr um 9.15 Uhr „püntlich“ den Tee ans Bett gebracht und davor schon die Wohnung auf Vordermann gebracht habe. Während des Monologs der künftig in zweiter Ehe verheirateten Gattin steigen die beiden eine Treppe hinunter, verschwinden am unteren Bildrand fast aus dem Bild – eine deutliche Bildsprache. Es gibt weitere Ehen in Frenzy – alle gezeigten und erwähnten Ehen – die einem Horostück ähneln.

Chief-Inspector Oxfords Gattin hat die französische Küche entdeckt und quält ihren Mann nun allabendlich mit french cooking und während sie in der Küche immer zubereitet, nie jedoch isst, schaufelt er sein Essen stets ungesehen zurück in den Topf – „delicious darling“. Derweil macht die gattin dem Polizisten klar, dass Richard Blaney nicht der Krawattenmörder sein könne, schließlich sei der zehn Jahre mit dem jüngsten Opfer verheiratet gewesen, da falle das Motiv Mord aus Leidenschaft ja wohl aus, schließlich könne er, Oxford, schon nach acht Ehejahren abends kein Auge mehr aufhalten. Als der Chief-Inspector dann mit Schweinefüßen gequält wird und erzählt (nachdem Rusk in den Fokus der Ermittlungen geraten ist), es sei ein Glücksfall gewesen, dass eine Spur in eine Fernfahrerkneipe geführt habe und seiner Frau erklärt, dass es da Wurst, Eier und Kartoffelbrei und Sandwiches gebe, fragt sie, während er auf einem fetten Schweinefuß herumkaut, warum das ein Glücksfall sei. Die sich teils überlappenden Dialoge in diesem Film sprühen in Doppeldeutigkeit – was Anthony Shaffer allein aus dem french cooking alles macht, das natürlich zu Doppeldeutigkeiten insbesondere auf sexueller Ebene einlädt („I cannot the french way“), ist große Schreibkunst. Der Inspector, der in diesen Szenen vordergründig Ermittlungsschritte erläutert und die Geschichte zusammenfasst, erlebt ein eigenes Suspense-Drama und bleibt dabei immer respektvoll. Kurz: Die Ehe, gesehen durch die Kamera Alfred Hitchcocks, ist die Hölle – ein Schelm, wer da an Grazia Patricia denkt. Schließlich war es die Fürstin, als die noch Grace Kelly hieß, die Hitchcock drei seiner größten Erfolge bescherte und ihn dann nach ihrer Hochzeit mit dem Fürsten von Monaco auf eine unerfüllte und deprimierende Suche nach einer neuen Grace Kelly schickte, die er nie mehr fand. Die Ehe ist das eine, die Welt das andere: Es ist dunkler geworden in Hitchcocks Welt – so ganz allgemein.

„Frenzy“ ist ein zynischer Blick auf Hitchcocks britische Landsleute – Loser, Trinker, Triebtäter. Die – ohnehin selten – aufkeimenden Gefühle in Hitchcocks London, das er, der am liebsten im kontrollierten Umfeld eines Filmstudios arbeitet, überraschend ausführlich auf dem quirligen Obst-, Gemüse- und Blumenmarkt in Covent Garden gedreht hat, werden schnell stranguliert. Im Pub nebenan sitzen da zwei Juristen in dunklem Zwirn und silberner Krawatte und plaudern über die neuesten Erkenntnisse in Sachen „Krawattenmörder“. Da mischt sich die Barfrau ein und sagt mit lustvoll verzerrter Mine, dass der Mörder seine Opfer vorher auch noch vergewaltige, woraufhin einer der beiden Männer sagt: „Beruhigend, dass selbst das Schlechte noch was Gutes hat.“ Solche Morde seien zudem gut für den Tourismus. Touristen erwarteten von London „Nebel, Kopfsteinpflaster und aufgeschlitzte Nutten“. Während sich die Herrschaften dann weiter ihrem Pint Beer widmen, zeigt Hitchcock den Mord an Brenda und wie sowas Schlechtes, das was Gutes habe aussieht – ohne Musik, in all seine Hässlichkeit. die Szene ist schwer auszuhalten, mit dem lockeren Spruch der beiden noch im Hinterkopf beginnt man, seine eigene Rezeption solcher meldungen zu hinterfragen. Es ist eine der detailverliebtesten Vergewaltigungs- und Mordszenen der Filmgeschichte: Ein impotenter Mörder kommt zum Orgasmus nur dadurch, dass er sein Opfer erwürgt (Hitchcock wollte die beim Strangulieren herausquellende Zunge des Opfers mit tropfendem Speichel in einem Zwischenschnitt zeigen, was ihm erst mühsam ausgeredet werden musste). Das gibt ihm Freiraum, die zweite große Mordszene andersherum zu erzählen und damit ein kleines Meisterwerk in Sachen Kameraführung zu inszenieren.

Wir wissen ja jetzt, wie so ein Mord aussieht. Also begleitet die Kamera den Mörder m it seinem nächsten Opfer in dessen Wohnung. Er bittet sie hinein, schließt hinter sich die Wohnungstür, während die Kamera sich langsam rückwärts die Treppe runter aus dem Haus entfernt, bis sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite zum Stehen kommt und die Fenster der Wohnung des Mörders erfasst, hinter der nichts Auffälliges geschieht – aber wir wissen: Da stirbt gerade eine Frau. Rein technisch gesehen ist diese meisterhafte Plansequenz schon nicht einfach – rückwärts ohne Kamerawackler ein Treppenhaus hinunter. Aber da hat Hitchcock dann einen unauffälligen Schnitt eingebaut, um aus dem Treppenhaus hinaus nicht ins tatsächliche Gewühl des echten Stadtteils Covent Garden mit der schwierigen Einstellung zu geraten; ein Mann mit Kartoffelsack läuft bildfüllend vorbei – und danach ist die Kamera auf Studiogelände (und Hitchcock in seiner wohligen Umgebung, an der er alles unter Kontrolle hat). Aber visuell ist diese Szene ein Meisterstück. Dass wir dennoch noch in einer langen Szene Den Killer und sein Opfer erleben – auf der Ladefläche eines Kartoffellasters – unterstreicht Hitchcocks bösen Witz, mit dem er seinen Blick auf die Gesellschaft würzt; auf dem kartoffellaster weiß ich nicht, ob ich lachen darf, so lustig ist die eigentlich brutale Szene – brutal, spannend und sehr abwechslungsreich.

Hitchcocks Lieblingsfigur – der unschuldig Verfolgte – war noch nie so ein Loser, wie hier. So wehrlos. Ein Trinker, aufbrausend. Abgestürzt. Einer auf Indizien versessenen Polizei ausgeliefert, die auch mit einem halbseidenen, sehr wässrigen Motiv einen Urteilsspruch erkämpft – und es dann einem bedächtigen Chief-Inspector zu überlassen, seinen Zweifeln doch noch mal Raum zuzugestehen. Da ist Hitchcock ganz nah bei seinem Dial M for Murder (1954), der zum großen Finale einer ähnlichen Dramaturgie folgt. Hitchcocks Geringschätzung der britischen Polizei ist sprichwörtlich – gut weg kommen seine Bobbies selten. Das rührt aus der Angst, jemand könnte seine heimlichen Gedanken und Wünsche lesen. Es sind dies die Gedanken eines kleinen Jungen, die an das schlechthin Verbotene, also an die Sexualität rühren und die sich zu immer perverseren, grausameren Nacht- und Tagträumen erweitern, weil auch der Mann seine Sexualität nur in der Phantasie bewältigen kann und will. In „Frenzy“ hat er das sehr ausführlich getan.

Wertung: 7 von 8 D-Mark