Plakatmotiv: Familiengrab
Eine vergnügliche
Kriminal-Posse
Titel Familiengrab
(Family Plot)
Drehbuch Ernest Lehman
nach dem Roman „Auf der Spur“ („The Rainbird Pattern“) von Victor Canning
Regie Alfred Hitchcock, USA 1976
Darsteller Karen Black, Bruce Dern, Barbara Harris, William Devane, Ed Lauter, Cathleen Nesbitt, Katherine Helmond, Warren J. Kemmerling, Edith Atwater, William Prince, Nicholas Colasanto, Marge Redmond, John Lehne, Charles Tyner, Alexander Lockwood u.a.
Genre Komödie, Thriller
Filmlänge 120 Minuten
Deutschlandstart
9. September 1976
Inhalt

George Lumley schlägt sich als Taxifahrer durch und unterstützt seine Freundin Blanche Tyler, eine angebliche Spiritistin, indem er ihr Informationen verschafft, mit denen sie ihre Klientinnen überzeugt. Die reiche alte Witwe Julia Rainbird verspricht Blanche 10.000 US-Dollar, wenn sie ihren Neffen findet, der vor vielen Jahren nach einem Familienskandal zur Adoption freigegeben worden war und nun als rechtmäßiger Erbe eingesetzt werden soll.

Zur gleichen Zeit begehen der Juwelier Arthur Adamson und seine Freundin Fran eine Reihe raffinierter Entführungen gegen Lösegeld aus hochkarätigen Brillanten, die Adamson im Kronleuchter seines Hauses versteckt.

George findet heraus, dass der Junge von dem kinderlosen Ehepaar Shoebridge adoptiert wurde, das mit dem damaligen Chauffeur der Rainbirds befreundet war. Die Familie kam allerdings 1950 bei einem Brand ums Leben. Am Familiengrab fällt George auf, dass der Grabstein des damals 17-jährigen Jungen Edward wesentlich weniger verwittert ist. Er findet bei seinen Ermittlungen heraus, dass die Leiche des Jungen nie gefunden wurde und dass der Tankwart Joseph Maloney den Grabstein 1965 abgeholt hat.

George gibt sich als Anwalt aus und befragt Maloney nach Eddie Shoebridge, wird aber abgewiesen. Maloney notiert das Kennzeichen und informiert Juwelier Adamson. Es stellt sich heraus, dass Adamson der gesuchte Junge ist. Maloney hatte in dessen Auftrag das Haus angezündet, um die Adoptiveltern zu ermorden. Eddie nahm danach eine neue Identität an.

Gerade als George den Bischof befragen will, der seinerzeit als Dorfpastor den Jungen getauft hatte, wird dieser von Arthur und Fran aus dem Gottesdienst entführt. Von Georges Anwesenheit irritiert geht der Juwelier davon aus, dass das Pärchen wegen der Entführungen hinter ihm her ist, und beauftragt seinen Freund Maloney, die beiden umzubringen …

Was zu sagen wäre

Ein böser Krimi. Eine lockere Posse. Alfred Hitchcock hat nach seinem düsteren Familiengrab (1972) offenbar einen Hang zu Albernheiten entwickelt und ist damit zu seinen alten, rundum künstlichen Welten zurückgekehrt. Er erzählt zwei Kriminalgeschichten parallel, die sich so kunstvoll kreuzen, dass noch der leiseste Hinweis auf fehlende Plausibilität im Keim erstickte. Dass der gesuchte Sohn der Entführer ist – warum nicht? Und so verstricken sich die beiden Gaunerpaare – das eine hinreißend unkoordiniert, das andere hinreißend penibel – in ein Missverständnis, das mit Toten und Verletzten endet; hätte George Lumley, der eigentlich nur 10.000 Dollar verdienen will, indem er den verlorenen, zur Adoption freigegebenen Sohn findet, statt dessen einfach mal kurz mit Arthur Adamson sprechen können, hätten beide vom halbseidenen, bzw. kriminellen Tun des anderen nie etwas erfahren. Aber so funktioniert Hitchcocks Denke nicht: Er will unterhalten, also ist die Sprachlosigkeit bald mit Händen zu greifen.

Dabei beginnt „Family Plot“ – für einen Hitchcock-Film – ungewohnt schwatzhaft bei gleichzeitig schnell sich wiederholender Bilder von Talking Heads. Es ist eine Scéance, der wir da nach dem Titelvorspann beiwohnen, erfahren bald, dass eine alte Dame einen toten sucht, bemerken, dass das Medium mit gezinkten Karten bei interessanter Stimmakrobatik spielt. Dann kommt ihr Lover hinzu, ein Taxi fahrender Detektiv oder ein Detektiv spielender Taxifahrer, einer jener Typen, die in Hitchcocks Filmen immer wieder auftauchen – Loser, Typen, die nicht wissen, wo es lang geht, Leute, die sich auf Spiele einlassen, von denen sie die Finger lassen sollten, die nicht die hellsten Kerzen auf der Torte sind. Bruce Dern spielt diesen George (Der große Gatsby – 1974; Lautlos im Weltraum – 1972; „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ – 1969; Hängt ihn höher – 1968), der Hitchcock einen kurzen Kinoauftritt als Rückblenden-Erklärung in Marnie hatte und seither regelmäßig in Hitchcocks Fernsehshows auftrat. Dern quetscht die Stimme, rollt große Augen und wirkt angemessen zu dämlich für den Job. Umgekehrt seine Freundin Blanche, der Barbara Harris alle Tribute einer blonden Strohpuppe mitgibt – inklusive einer kaum stillbaren Sexsucht – die sich am Ende aber als die cleverere der beiden herausstellt. Ihre Beziehung kann man leidenschaftlich nennen, wenn man darunter versteht, dass sie sich auch mit Leidenschaft auf die Nerven gehen.

Anders das zweite Kriminalpaar. Karen Black (Airport 74 – Giganten am Himmel – 1974; Der große Gatsby – 1974; Easy Rider – 1969) als Lady in Black mit Blondhaarperücke und William Devane als steif-charmanter Juwelenhändler mit Planungsperfektion führen mehr akademische Liebe vor, sie verbindet ihre Professionalität und der Spaß am Versteckspielen. Dass sie die erpressten Diamanten im heimischen Kronleuchter verstecken – „Wo jeder ihn sehen kann.“ – erinnert, ganz akademisch, an Edgar Allen Poes schöne Farce „The Letter“. Zwischen diesen beiden Paaren irrlichtert wunderbar verschwitzt-knurrig Ed Lauter (Nevada Pass – 1975; „French Connection II“ – 1975) als Tankwart und Gelegenheitskiller Joseph Maloney, der den perfekten Mord begehen soll – eines der immer wiederkehrenden Hitchcock-Motive – und bei Gelegenheit also Bremskabel durchtrennt, was Hitchcock zu einem wunderbaren Comic-Thrill vor Bluescreen einlädt: George und Blanche saußen Serpentinen hinunter, können nicht bremsen und anstatt, dass Blanche nun in ihrem Beifahrersitz eine möglichst stabile Sitzposition sucht, die ihr vielleicht im rechten Augenblick einen lebensrettenden Sprung erlaubt, turnt sie im ganzen Wagen herum, hängt George am Revers und im Lenkrad und tut alles, um die Situation noch aussichtssloser zu gestalten, als sie ohnehin schon ist. Eine groteske Szene – so spannend wie nervtötend wie lustig.

Zu Schluss zwinkert Blanche uns zu – mitten in die Kamera, durchbricht die magische, die filmische Vierte Wand und wendet sich direkt an uns Zuschauer. Ein Augenzwinkern: alles nicht so ernst gemeint. <Nachtrag 2017>Und im Nachhinein ein umso bedeutenderes Bild, weil dies Hitchcocks letzter Film ist – was er natürlich nicht wusste – und nun das letzte Bild seines Oevres auch über eben dieses Oevre sagt: alles nicht so ernst gemeint. Hat er nicht all seinen großen Filmen Künstlichkeit vor Realität und Logik gestellt, wenn es nur dem Suspense diente, der Unterhaltung seines Publikums? Alles nicht so ernst gemeint. Nicht die schlechteste Haltung, um einer der größten Filmemacher der Welt zu werden.</Nachtrag 2017>

Wertung: 5 von 9 D-Mark