Plakatmotiv (US): Eine Dame verschwindet – The Lady Vanishes (1938)
Ein wunderschöner Film.
So witzig wie spannend.
Titel Eine Dame verschwindet
(The Lady Vanishes)
Drehbuch Sidney Gilliat + Frank Launder
nach dem Roman „The Wheel Spins“ von Ethel Lina White
Regie Alfred Hitchcock, UK 1938
Darsteller Margaret Lockwood, Michael Redgrave, Paul Lukas, May Whitty, Cecil Parker, Linden Travers, Naunton Wayne, Basil Radford, Mary Clare, Emile Boreo, Googie Withers, Sally Stewart, Philip Leaver, Selma Vaz Dias, Catherine Lacey u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 96 Minuten
Deutschlandstart
1. Oktober 1971
Inhalt

Durch einen Lawinenabgang wird der Zug von Budapest nach Basel in einem Gebirgsbahnhof in der Diktatur Bandrika festgehalten; die Reisenden sind gezwungen, in einem überfüllten Gasthof zu logieren. So zwei englische Cricket-Fanatiker, oder ein Paar, das seinen ehebrecherischen Urlaub so schnell wie möglich zu Ende bringen will. Unter den bereits länger logierenden englischen Hotelgästen, die mit dem verspäteten Zug in die Heimat zurückkehren wollen, befinden sich die junge Iris Henderson, Tochter eines Marmeladefabrikanten, die vor der Hochzeit mit einem verarmten Adligen steht, der Volksliedforscher Gilbert Redman und die ältliche Musiklehrerin und Gouvernante Miss Froy.

Während Iris sich mit dem über ihr logierenden Gilbert wegen dessen ruhestörender Forschungsarbeit in die Haare gerät, lauscht Miss Froy am Vorabend ihrer Abreise scheinbar ergriffen einem lokalen Troubadour, der unter ihrem Fenster ein Ständchen bringt. Als dieser gerade seine letzten Töne singt, nähern sich ihm von hinten die Hände eines Würgers. Das von Miss Froy aus dem Fenster geworfene Geldstück bleibt unbeachtet auf dem Pflaster liegen, während Miss Froy, die offenbar nichts von dem Mord mitbekommen hat, das Fenster schließt und angestrengt eine Melodie vor sich hinsummt.

Plakatmotiv: Eine Dame verschwindetAm Morgen der Abreise erleidet Iris, die eher halbherzig zu ihrem Londoner Verlobten zurückzukehren scheint, einen Unfall: Ein Blumenkasten fällt der Unglücklichen vom ersten Stock des Bahnhofsgebäudes auf den Kopf. Die Gouvernante nimmt sich der Benommenen an und hilft ihr in den abfahrenden Zug.

Iris kommt wieder zu sich in einem voll besetzten Abteil, in dem sich außer ihr die hilfreiche alte Dame, eine düstere bandrikische Baronin und eine italienische Familie befinden. Rührend geleitet die Gouvernante die angeschlagene junge Frau zum Speisewagen. Als Iris ein weiteres Mal wegnickt, vermisst sie ihre freundliche Helferin Miss Froy. Das Befragen der Mitreisenden und des Zugpersonals bringt sie nicht weiter. Niemand will Miss Froy je gesehen haben, vielmehr bezichtigt man sie einer Halluzination aufgrund des Schlages auf ihren Kopf. Lediglich Gilbert, ihr Widersacher aus dem Hotel, nimmt ihre Sorge um den Verbleib von Miss Froy ernst …

Was zu sagen wäre

Ein wunderschöner Film. Ohne viele Worte, vielmehr mit einer beeindruckenden Kamerafahrt, schafft es die Regie, uns zu Beginn alle notwenigen Parameter mitzuteilen – Lawine, gestoppter Zug, überfülltes Hotel. Daraus leitet sich dann alles andere ab, auch eine Spionagestory, die sich aber – wie Alfred Hitchcock das schon in Die 39 Stufen gemacht hat – als unwichtig herausstellt, lediglich dazu dient, Spannungsmoment auf Spannungsmoment zu bauen.

Es dauert, bis die eigentliche Handlung beginnt, Hitchcock braucht die Zeit, um seine im weiteren verlauf wichtigen Zugpassagiere einzuführen. Um diese schwierigen, weil handlungsarmen Szenen zu gestalten, reizt der Regisseur die Grenzen den sexuell Erlaubten aus. In einem babylonischen Sprachwirrwarr – das real nicht existierende Bandrikisch scheint eine Mischung aus romanischen und slawischen Sprachelementen zu sein – kristallisieren sich höchst schlüpfrige Dialoge heraus, wenn im überbelegten Hotel unter anderem zwei Herren im „Zimmer des Mädchens“ einquartiert werden und sich allerlei Dialoge um Anziehen, Ausziehen, zwei Herren – eine Bedienstete ranken und das „Mädchen“ beiden anzügliche Blicke zuwirft.

Die beiden Herren füllen fast eine eigene Storyline, sogar mit hintergründiger sexueller Konotation. Es bleibt ganz unklar, was sie gemeinsam in diesen teil der Welt verschlagen hat, Handelsvertreter sind sie jedenfalls nicht. Diplomaten offenbar auch nicht – anfangs sorgen sie sich unablässig um „England in diesen Tagen“ (in denen die Bedrohung Nazi-Deutschlands am Horizont aufscheint), bis sich herausstellt, dass sie sich tatsächlich nur um das Abschneiden englischer Cricket-Mannschaften sorgen und unbedingt zum endspiel zurück in der Heimat sein wollen. Es gibt nichts Explizites, außer, dass sie halbnackt in einem Bett schlafen, aber sie stellen ein Synonym für eine homosexuelle Beziehung dar, die in einem Kinofilm unmöglich ausgespriochen werden darf, dennoch aber verklausuliert immer wieder mal in zeitgenössischen Filmen auftaucht.

Plakatmotiv (US): Eine Dame verschwindet – The Lady Vanishes (1938)Diese beiden – urbritischen – Cricket-Fans, gespielt von Basil Radford und Naunton Wayne, wurden durch diesen Film so beliebt, dass den beiden Figuren eine eigene (Fernseh-)Filmreihe gewidmet wurde (Charters & Caldicott, 1985, sechs Episoden).

Spät werden die eigentlichen Hauptfiguren etabliert, Margaret Lockwood und Michael Redgrave, die sich – dramaturgisch immer wieder gern inszeniert – zunächst einmal nicht leiden können und sien zudem eine Woche vor ihrer Hochzeit steht: „Ich bin überall gewesen und hab alles erlebt. Ich habe Kaviar gegessen in Cannes und Würstchen in Wien; ich habe Baccara gespielt in Biarritz und Schach mit dem Landgeistlichen. Was also bleibt mir noch, als die Ehe?“ Dass sie am Ende in den Armen des Musikers liegen wird, ist nach der ersten Begegnung schon klar, die Frage durch den Film hindurch wird lauten: Wie und warum? Das ist die eine Spannungskurve. Die andere ist das Rätsel der verschwundenen Frau, das für den Zuschauer bei genauem Hinsehen so rätselhaft aber gar nicht ist.

Das zentrale Thema dieses Films, in dem es weder um Spionage noch um Cricket geht, ist die romantische Beziehung zweier Menschen, die Alfred Hitchcock hier in verschiedenen Versionen ausleuchtet. Neben der klassischen Girl-meets-Boy-Geschichte erleben wir ein Paar, das zu Beginn wirkt wie ein Ehepaar in Auflösung; bis sich herausstellt, dass beide ihre eigentlichen jeweiligen Ehepartner betrügen, selbst aber auch schon am Ende ihrer Leidenschaft angekommen sind und er, ein honoriger Jurist mit Karrierechancen eben diese durch die Affaire gefährdet sieht, und sie dadurch ihren Traum vom Leben an der Seite eines einflussreichen Mannes begraben muss, während sie gleichzeitig Gefahr läuft, dass ihr Mann sie wegen der Affaire sitzen lässt. Deshalb sind beide daran interessiert, dass sie nicht in die Geschichte mit der verswchwundenen Lady hineingezogen werden. Also lügen sie.

Die Cricket-Fans lügen, weil sie befürchten, dass die verschwundene Dame für Verspätungen sorgt und sie ihr Cricket-Finale verpassen. Also lügen auch sie hinsichtlich ihres Wissens um eine alte Dame. Wieder andere lügen, weil sie abhängig sind, weil sie bezahlt werden oder Teil der Verschwörung sind. Der Film arbeitet in diesem dritten Spannungsbogen schön heraus, wie leicht es Menschen haben, die die Öffentlichkeit täuschen wollen: Meist haben sie es mit Zeugen zu tun, die ihre Ruhe haben, nicht in etwas hineingezogen werden wollen.

Darin liegt die Qualität dieses ebenso witzigen wie spannenden Films: dass er unter seinem grotesken, irrealen Spionage-Überbau von sehr realen Menschen in realistisch vertrackten Situationen erzählt.

Wertung: 6 von 6 D-Mark