Plakatmotiv: Die Vögel
Der Master of Suspense
verlässt sich auf Federvieh
Titel Die Vögel
(The Birds)
Drehbuch Evan Hunter
nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von Daphne Du Maurier
Regie Alfred Hitchcock, USA 1963
Darsteller Rod Taylor, Tippi Hedren, Jessica Tandy, Suzanne Pleshette, Veronica Cartwright, Ethel Griffies, Charles McGraw, Ruth McDevitt, Lonny Chapman, Joe Mantell, Doodles Weaver, Malcolm Atterbury, John McGovern, Karl Swenson, Richard Deacon u.a.
Genre Drama, Horror
Filmlänge 119 Minuten
Deutschlandstart
20. September 1963
Inhalt

In einem Zoofachgeschäft von Mrs. MacGruder in San Francisco lernt der Anwalt Mitchell „Mitch“ Brenner die attraktive Melanie Daniels kennen. Die verwöhnte Millionärstochter hat in der Vergangenheit durch pikante Schlagzeilen in Boulevardzeitungen auf sich aufmerksam gemacht. Auf der Suche nach „Liebesvögeln“ als Geburtstagsgeschenk für seine bald elfjährige Schwester Cathy spielt Mitch der selbstbewussten jungen Dame einen Streich. Von seinem sarkastischen Auftreten herausgefordert, beschafft Melanie ein Paar der gewünschten Vögel und überrascht Mitch mit einem spontanen Besuch in dessen Elternhaus in Bodega Bay. Kurz darauf wird sie von einer Möwe angegriffen und am Kopf verletzt. Sie beschließt zu bleiben und kommt im Gästezimmer der Lehrerin Annie Hayworth unter. Diese ist Mitchs ehemalige Geliebte und klärt Melanie über dessen distanziert erscheinende Mutter Lydia auf: Dem herrischen Verhalten der Witwe liege die Befürchtung zugrunde, ihr Sohn könnte sie wegen einer Frau für immer verlassen.

Auf Cathys Geburtstagsfeier kommt es zu einem erneuten Angriff von Möwen, die gezielt auf die Kinder herabstürzen. Sie bringen sich im Haus in Sicherheit, doch am Abend dringen Scharen von Sperlingen durch den Kamin ein und verursachen Verwüstungen. Als Lydia am nächsten Morgen einen benachbarten Farmer besuchen möchte, entdeckt sie im Schlafzimmer mit zerbrochenen Fenstern die Leiche des Mannes mit ausgehackten Augen. Aus Sorge um Cathy bittet die verstörte Lydia Melanie, in der Schule nach dem Rechten zu sehen. Während Melanie vor dem Gebäude auf das Unterrichtsende wartet, sammelt sich hinter ihrem Rücken eine große Menge Krähen …

Was zu sagen wäre

Alfred Hitchcok lebt mit vielen Obsessionen – blonde junge Frauen, Mütter, Treppen … hat man früher genau huingeschaut, gibt es auch eine für Vögel. Vögel spielen in seinen Filmen häufig eine substanzielle Nebenrolle. In Der Auslandskorrespondent ist es Van Meer, der geschundene Friedensdiplomat, der unablässig betont, es sei wichtig, „die Vögel zu füttern“; in Sabotage spielen Vögel das Begleitorchester zu einem Bombenanschlag – nicht nur ist der Bombenbauer im Zivilleben Vogelhändler, er umschreibt die Detonationszeit der Bombe, die in einem Vogelkäfig versteckt ist, auch mit der Nachricht „Die Vögel singen um 1.45 Uhr“; in To catch a Thief flattern sie aufgeregt in einem Vogelkäfig neben Cary Grant und Alfred Hitchcock; in Psycho hat Norman Bates sie ausgestopft. In „Die Vögel“ schwärmt eine strenge Ornithologin: „Vögel sind keine aggressiven Geschöpfe. Sie bringen Schönheit in die Welt. Es ist eher die Menschheit, die …“, da unterbricht sie der Ruf einer Kellnerin, „Sam! Dreimal Brathähnchen. Mit Bratkartoffeln obendrauf.“

Jetzt widmet Hitchcock diesen direkten Nachfahren der Dinosaurier einen eigenen Film. Was auf den ersten Blick überraschend wirkt, weil der Master of suspense bisher nie auf äußere Bedrohungen gesetzt hat, statt dessen den Schrecken immer aus dem alltäglichen Allerlei seiner Protagonisten generiert hat, löst sich schnell auf: Hitchcock dreht einen Monsterfilm – mit seinen Mitteln. Und mit seiner Lust, Neues auszuprobieren. Vögel greifen Menschen an. Das passt in seine spezielle Filmwelt aus künstlichen Elementen. Für Hitchcock (im Gespräch mit Regisseur Peter Bogdanovich ein Film „über die Gefahr der Selbstgefälligkeit. Wir nehmen Dinge als selbstverständlich hin, auch Vögel. Was, wenn sie sich plötzlich änderten?“ Leute nehmen Dinge als selbstverständlich hin, ohne nachzudenken. Dann passiert etwas und sie müssen umdenken. Was am harmlosesten scheint, wird zur größten Bedrohung. Hitchcocks Horror ist keiner, der zu den Dracula-Frankenstein-Lagoon-Monstern passt: Meist ist es taghell, die meisten Vögel sind harmlos, es sind Spatzen, Stare, Amseln und Möwen. Das Unheimlichste sind die Krähen. Aber auch das sind noch keine Kondore, Geier oder Falken. Es ist gar nicht so überraschend, dass die Bedrohung der Vögel nicht durch die Vögel entsteht, sondern durch Hitchcocks Handwerk: Der Suspense geht in diesem Film etwa so: Melanie hört etwas unterm Dach. Sie geht die – schwach beleuchtete – Treppe hinauf. Sie öffnet die Tür und wird – auch wenn wir hier faktisch so wenig wissen wie sie, dennoch wenig überraschend – von den Vögeln angegriffen, in einer Szene, die Hitchcock so effektvoll inszeniert, wie seine Duschszene in Psycho. Hitchcocks Suspense verliert sich da im Gefieder rätselhaft agierender Tiere.

In einer beklemmenden Szene des Films zeigt sich Hitchcocks Handschrift zum Aufbau von Spannung: Melanie Daniels wartet vor der Schule auf das Ende der Stunde und nimmt auf einer Bank Platz, hinter der sich ein Spielplatz mit einem Klettergerüst befindet. Nach kurzer Zeit setzt sich – von Melanie unbemerkt – eine Krähe auf das Gerüst. Die folgenden Schnitte zeigen abwechselnd Melanie und das Klettergerüst, auf dem sich nach und nach weitere Krähen niederlassen, bis es zehn Vögel sind. Dann ist eine Zeitlang nur die rauchende Melanie zu sehen und der Gesang der Schulkinder zu hören. Schließlich wird Melanie auf eine einzelne anfliegende Krähe aufmerksam und verfolgt ihren Flugweg. Als sie landet, zeigt sich zu ihrem Erschrecken, dass eine unübersehbare Zahl von Krähen auf sämtlichen Klettergerüsten des Spielplatzes sowie den umliegenden Dächern sitzt. Hier ergänzen sich zwei von Hitchcock häufig eingesetzte Stilmittel: Zum einen verschafft er den Zuschauern einen Wissensvorsprung gegenüber den Akteuren im Film, andererseits verstärkt er durch die visuelle und dialogfreie Erzählweise die Konzentration auf die Handlung. DIese unmittelbare Spannung greift aber tatsächlich nur in dieser Szene.

Tippi Hedren, Hitchcocks neueste blonde junge Frau, ist kein Hit. Interessanterweise fällt das nicht auf: Wir lernen sie kennen als das, was sie ursprünglioch war – ein Model. Sie ist elegant und arrogant, good looking halt. Ihr draufgängerischer Charme bleibt die Behauptung eines Drehbuchs unter der Aufsicht des obsessiven Alfred Hitchcock. Hedrens Zerfall im Verlauf des Films erklärt sich nicht durch emotionales Spiel, sondern einfach dadurch, dass sie von den Vögeln ganz ordentlich angegangen wird. So funktioniert das in Monsterfilmen: Schauspielr brauchen kein ergreifendes Acting, wenn sie von Viechern angegriffen werden, sie müssen vor allem schreien, große Augen machen und weglaufen – das funktioniert mit den Ameisen in Formicula, mit der Spinne in Tarantula und eben auch mit den hier titelgebenden Vögeln. Tippi Hedren fehlt – auch wenn sie dafür nun gar nichts kann – dieser sehr spezielle Grace-Kelly-Charme; der Vergleich ist insofern dennoch statthaft, weil Hitchcocks Obsession in diese (blonde) Richtung augenscheinlich ist. Die erste Motivation, Mitch zu bekommen, ist sein wenig respektvolles Verhalten im San-Francisco-Zoogeschäft. Aber als Annie Hayworth, die Lehrerin, als seine Verflossene auftaucht, ist sie entschlossen, Mitch zu überraschen. Als sie ihm dann heimlich die Lovebirds überbringt, soll sie wie eine sehr selbständig, aktive Person wirken – aber sie trägt Pelzmantel und Stilettos, die das Ich kann für mich selbst sorgen-Image sofort wieder kaputt machen; es fehlt der fröhliche, lebensbejahende Charme, den Kelly in ihren Rollen versprühte. Da nehme ich sogar dankbar Suzanne Pleshette in der Rolle der Verflossenen, Annie Hayworth, auf. Sie ist grounded, verortet im Hier und Jetzt – nur für ein Love Interest im Hitchcock'schen Sinne halt zu dunkelhaarig. Tippi Herren versprüht in ihren Männer-Szenen den Charme des Überrasch mich mit Geistvollem, wo Grace Kelly nichts forderte, einfach Charme hatte – freundlich, lebensbejahend, fröhlich, naiv.

Jessica Tandy ist Hitchcocks neueste Version der Mutter. Die Mutter hat hier eine zentrale Kontroll-Rolle, der in einem langen Dialog zwischen ihr und Melanie zu Tage tritt, aber auch in einem Telefonat mit einem Lieferanten, bei dem sich herausstellt, dass nicht nur ihre Hühner nicht mehr picken. Diese Sequenz dreht Hitchcock ohne Schnitt – er hat bei Cocktail für eine Leiche und Sklavin des Herzens genug über Timing gelernt, um zu wissen: Wenn der Dialog spannend ist, musst Du nicht schneiden. Er gestattet dieser Mutter sogar eine eigene Liebesgeschichte (die durch einen tragischen Todesfall beendet wurde) – dass Mütter Beziehungen hatten, ist im Kino damals immer noch unüblich.

Hitchcock dreht mittlerweile mehr on location, auch in langen Einstellungen, was dem Film eine besonders realistische Note gibt – aber wenn Mitch und Melanie bei der Kinderparty den Hügel über den Garten erreicht haben, schneidet er in eine Szene, die erkennbar im Studio – mit mehreren Scheinwerfern (Lichtquellen) – gedreht wurde. Das illustriert (auf der Meta-Ebene) ganz gut den Kampf des Regisseurs, der alles unter Kontrolle halten will, mit der Entwicklung des Kinos und seines Publikums, das mondäne Drehorte durchaus zu schätzen gelernt hat und die enge des Filmstudios zunehmend als alt empfindet.

Unterm Strich steht ein spannender Film – der freilich seine Spannung daraus zieht, dass Vögel unbescholtene Bürger angreifen und dabei von Hitchcock höchst effizient inszeniert werden. Irgendwann haben wir aber verstanden, dass die Vögel nicht geheuer sind und sind gewappnet: Vögel gleich Gefahr! Das machen andere Monsterfilme auch nicht anders. Hitchcock versucht diesem Manko mit dem Seelenleben einer einsamen Mutter zu begegnen, die eifersüchtig über ihren Sohn wacht, und auch mit der ehemaligen Geliebten, die beim Zuschauer für emotionale Schwankungen sorgen soll und die sich mit der blonden Hauptfigur ein bisschen Zickenkrieg leisten soll. Aber das funktioniert nicht. So wunderbar Jessica Tandy als Mutter ist, so natürlich absterbend ist halt nun mal ihr Einfluss auf den erwachsenen Sohn (es ist ja nicht wie in Psycho); und die Verflossene ist viel zu sympathisch, als dass wir sie als im Wege zwischen Mitch und Melanie stehend wahrnehmen würden. Tatsächlich aber bilden die Vögel die innere Befindlichkeit der Hauptfiguren ab – je weiter die Eifersüchteleien zwischen Mitch und seinen Frauen (Ex-Geliebte, aktuelle Geliebte und die Mutter) fortschreitet, desto aggressiver werden die Vögel.

Und was soll dann das Ganze? Die aus San Francisco angereiste Melanie wird im Restaurant von einer verzweifelten Mutter aus dem Ort angegriffen: „Es heißt, mit Ihnen habe das alles angefangen!!!“ Hitchcocks „The Birds“ ist ein  bisschen auch eine Metapher auf Fremdenfeindlichkeit. Für einen Monsterfilm eine ordentliche Bürde.

Wertung: 4 von 6 D-Mark