Plakatmotiv: Die rote Lola
Hitchcock bringt die
Lüge zur Kinoreife
Titel Die rote Lola
(Stage Fright)
Drehbuch Whitfield Cook + Alma Reville
nach den Romanen „Man Running“ und „Outrun To Constable“ von Selwyn Jepson
Regie Alfred Hitchcock, UK 1950
Darsteller Jane Wyman, Marlene Dietrich, Michael Wilding, Richard Todd, Alastair Sim, Sybil Thorndike, Kay Walsh, Miles Malleson, Hector MacGregor, Joyce Grenfell, André Morell, Patricia Hitchcock, Ballard Berkeley u.a.
Genre Film Noir, Thriller
Filmlänge 110 Minuten
Deutschlandstart
1. September 1950
Inhalt

Jonathan Cooper wird von der Polizei gesucht, die ihn verdächtigt, den Ehemann seiner Liebhaberin ermordet zu haben. Seine Verlobte Eve Gill bietet ihm an, ihn zu verstecken.

Jonathan erzählt ihr in Form einer Rückblende den Ablauf aus seiner Sicht. Demnach sei seine Liebhaberin, die Schauspielerin Charlotte Inwood, die wahre Mörderin. Eve beschließt, selbst nachzuforschen, und lässt sich bei Charlotte Inwood als Zofe anstellen.

Plakatmotiv: Die rote LolaAls sie den mit dem Fall beauftragten Detektiv Wilfred Smith trifft, beginnt sie, sich in ihn zu verlieben …

Was zu sagen wäre

Der Film beginnt – angemessen – mit einem Eisernen Safety Curtain, der sich öffnet, bevor das Spiel beginnt; ein Spiel aus Täuschung und Intrige, das den Zuschauer zum Komplizen der Mörder macht.

Alfred Hitchcock ist auf der Suche nach neuen Werkzeugen, mit denen er im Kino Geschichten spannend erzählen kann. Er hat zuletzt erfolgreich mit sehr langen Kameraeinstellungen („ohne Filmschnitt“) gearbeitet und damit bezaubernde Ergebnisse erzielt. Aber dramaturgisch tut er sich zunehmend schwer; nicht, weil ihm die Ideen ausgingen, sondern weil die Zuschauer ihm dauernd auf die Schliche kommen – es ist zum Sport geworden, in einem Hitchcockfilm auf den Cameo-Auftritt des Regisseurs zu warten (hier übrigens in der Szene, als Eve ihre Verkleidung als Charlottes Dienstmädchen auf der Straße ausprobiert).

Aber wie kann der Master of Suspense sein Publikum wirklich noch überraschen? Hitchcocks Antwort: Er belügt seine Zuschauer.

Das kriegen wir aber gar nicht mit. Nach 20 Minuten sind wir schon tief verstrickt in einen Film, der uns alle Gewissheiten genommen hat über wer sagt was und was ist die Wahrheit, und Alastair Sim als Eves Vater seinen ersten von mehreren großen Auftritt hat. Kay Walsh als Charlottes eigentliches Hausmädchen Nellie bekommt eine kleine Gala in der Kneipe – „Gin Lemon, nicht zu viel Lemon“. Das schwache Glied in der Kette ist die Figur der Eve. Deren Motivation tappst auf dünnem Eis – glaubt man sowas? Sie rettet die Nebenbuhlerin ihres Freundes von dem sie annahm, er sei ihr Verlobter und der ihr bgerade erzählt, er wolle die mondäne Schauspielerin schützen, die mit er Eve schon lange betrügt?? Eigentlich glauben wir das nicht, hoffen gleichzeitig aber, dass die durchtriebene Charlotte Ingwood sich schon irgendwie an den Galgen bringen wird. Die wird immerhin von Marlene Dietrich gespielt, für die der Begriff der Femme Fatal einst erfunden worden ist (Eine auswärtige Affaire – 1948; Der blaue Engel – 1930). Und die Dietrich tut alles, um ihren Ruf in der Rolle der Charlotte aufblitzen zu lassen, um verlogen und falsch zu erscheinen.

Plakatmotiv: Die rote LolaHier treibt Hitchcock sein oft erprobtes Spiel mit der Künstlichkeit auf die Spitze – zwischen Täuschung, getäuschter Täuschung und täuschend getäuschter Täuschung geht jede Erdung verloren, aber lösen aus diesem Spinnennetz können wir uns nicht mehr. Bei einer sehr ausführlichen Spenden-Jahrmarktszene, die sich vor allem darum dreht, dass Eve nun ihrer Verkleidung als Charlottes Gardobiere Doris beides gleichzeitig in ständigem Wechsel sein muss – weil alle möglichen Freunde und Polizisten hier auftauchen – die zentral sein wird für den Thriller, was aber für den Zuschauer, der das zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, sehr ausführlich geraten wird, malt Hitchcock als Ablenkung lauter kleine Jahrmarkt-Miniaturen, bekommt noch jede Mini-Sprechrolle ihren großen Auftritt als Schießbudenfigur, als betrogener Glücksspieler, als neugierige Klatschtante; damit splittert er diesen – tastsächlich – wunderbaren Film in lauter kleine Highlights, die die vordergründig langweilige, weil durchsichtige Story dauernd unter Dampf halten – bis zum krachenden Finale, das uns alle vor den Kopf stößt.

Klassisch Hitchcock übrigens: Weil die Geschichte im Schauspielermilieu spielt, gibt es eine Szene, in der sich Schauspielschülerin Eve auf dem Jahrmarkt zwischen all ihren Rollen, die gerade gleichzeitig bedienen muss, verheddert: Freundin, Gardobiere, Love-Interest. Hitchcock legte Wert darauf, seinen Figuren eine innere Logik mitzugeben – wenn er die äußere gerne zugunsten der Spannung dehnte. Einfach gesagt: Spielt eine Geschichte in der Schweiz, wird Schokolade zu einem gewichtigen Motiv. Ein vermisster Psychoanalytiker wird natürlich mit den Mitteln der Psychoanalyse und der Traumdeutung aufgespürt (Spellbound – 1945). Ein Nazi-Saboteur, der die freiheitlichen Werte der USA mit Bomben bekämpft, stürzt am Ende bildstark von der Fackel der Freiheitsstatue (Saboteure – 1942). In Fenster zum Hof, fünf Jahre nach „Stage Fright“, wird Fotograf James Stewart seinen potenziellen Mörder mit dem Bliutzlicht seiner Kamera bremsen.

<Nachtrag 2017>Es bleibt 1950 das Problem einer gelogenen Rückblende. Wieder mal betrat Hitchcock Neuland. Wieder mal war er es, der den zahlenden Kinogängern beibringen musste, dass es im Kino keine Sicherheiten gibt – 1936 hatte er in Sabotage einen Teenager in die Luft gesprengt, weil der, nicht ahnend, dass er eine Bombe transportiert, herumgetrödelt hatte – wie das Teenager eben so tun. Das hat das Publikum Hitchcock übel genommen. Wie im vorliegenden Film diese gelogene Rückblende. Das gab es bis dato im Kino nicht. Wenn eine Hauptfigur erzählte, erzählte sie einen wahren Sachverhalt. Hier nicht. In „Stage fright“ ist die große Lüge der Anfang eines großen Dramas. Es ist eine Sache, Zuschauer an der Nase herumzuführen, wenn sie sich dabei ernst genommen und gut unterhalten fühlen. Eine andere Sache ist es, sich hinzustellen und zu sagen Ällabätsch: Verarscht!!

Das mochten die Zuschauer nicht. Heute wissen wir: Der Film macht sogar mit (oder sogar vor allem mit) Kenntnis des Finales Spaß.</Nachtrag 2017>

Wertung: 5 von 6 D-Mark