Plakatmotiv: Die 39 Stufen
Eine unglaubwürdige Geschichte,
die hilft, großartig zu inszenieren
Titel Die 39 Stufen
(The 39 Steps)
Drehbuch Charles Bennett + Ian Hay
nach dem Roman „Die neununddreißig Stufen“ von John Buchan
Regie Alfred Hitchcock, UK 1935
Darsteller Robert Donat, Madeleine Carroll, Lucie Mannheim, Godfrey Tearle, Peggy Ashcroft, John Laurie, Helen Haye, Frank Cellier, Wylie Watson, Gus McNaughton, Jerry Verno, Peggy Simpson u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 86 Minuten
Deutschlandstart
12. Dezember 1947
Inhalt

Während eines Auftritts von „Mister Memory“, eines Mannes, der mit seinem unglaublichen Gedächtnis, das auf jede Frage eine Antwort findet, sich auf Jahrmärkten sein Geld verdient, fallen Schüsse. Panik bricht aus, die Menschen stürmen hinaus und Annabelle Smith fällt buchstäblich in die Arme des Kanadiers Richard Hannay.

Annabelle fühlt sich verfolgt und lädt sich zu Hannay nach Hause ein, wo sie ihm anvertraut, eine Spionin zu sein. Eine gewisse ausländische Macht habe geheime Dokumente gestohlen, alles drehe sich um die mysteriösen „39 Stufen“, vertraut sie Hannay an, der sich daraus jedoch keinen rechten Reim machen kann. Sie erwähnt einen Ort in Schottland und dass der Anführer der Spione einen verstümmelten kleinen Finger habe.

Nachts kommt Annabelle an Hannays Bett geeilt, wo sie nach wenigen Worten mit einem Messer im Rücken stirbt, in ihrer Hand eine Landkarte mit einem markierten Ort in Schottland. Verfolgt von der Polizei, die ihn für Annabelles Mörder hält, flüchtet Hannay und macht sich mit dem Zug auf die Reise in das schottische Hochmoor. Als der Zug von der Polizei durchsucht wird, küsst er eine ihm unbekannte junge Frau, Pamela, um so seine Verfolger zu täuschen. Er erklärt ihr die Situation und bittet sie ihn zu decken, was sie jedoch nicht tut, sondern ihn der Polizei gegenüber als den gesuchten Mann identifiziert.

Plakatmotiv: Die 39 StufenHannay entkommt durch einen Sprung aus dem Zug und flieht zu Fuß. Er gelangt zu einem einsamen Haus in den Bergen, wo er um Unterkunft ersucht. Margaret, die junge Gattin des mürrischen, wesentlich älteren Pächters, erkennt Hannay wegen seiner ungeschickten Reaktion auf einen Bericht über ihn in der Zeitung. Sie verhilft ihm zur Flucht und überlässt ihm einen Mantel ihres Mannes.

Hannay trifft an dem gesuchten Ort auf Professor Jordan, einen offensichtlich angesehenen Bürger mit Frau und Kindern, den er in seine Geschichte einweiht. Der Professor entpuppt sich jedoch als eben der Spion mit dem verstümmelten kleinen Finger und schießt auf Hannay …

Was zu sagen wäre

Landesverrat der großen Sorte. Und völlig unwichtig. Die Verschwörer-Geschichte mit dem Geheimbund „39 Stufen“ spielt nicht wirklich eine Rolle, außer der eines Auslösers. Er soll das Leben eines Unschuldigen in Unruhe versetzen. Daraufhin können wir dem armen Tor zusehen, wie er versucht, seinen Kopf wieder aus der Schlinge zu bekommen. Auch dessen Schicksal aber steht nicht wirklich im Mittelpunkt.

Alfred Hitchcock geht es vor allem um Spannung, der sich die Glaubwürdigkeit seiner Geschichte schon mal unterordnen muss; würde man ernsthaft darüber nachdenken, würde einem klar werden, wie wenig plausibel die Geschichte eigentlich ist – allein, dass die Polizei so gar nicht nachprüft, was Hannay erzählt, der Polizeichef sich sogar versteigt zu betonen, er werde doch nicht den honorigen Professor ermitteln, „meinen Freund“, ist sehr fragwürdig. Aber darum geht es eben im Eigentlichen auch nicht. Hitchcock nutzt die nahezu zwangsläufig vorhandene Empathie des Zuschauers für die Hauptfigur eines Films, um den wie eine Flipperkugel mit Schlägen übers Brett zu jagen, ohne dass wir überhaupt erst zum Nachdenken kommen. Das gelingt vorzüglich, mit zum Teil ausgefuchsten Kameraperspektiven.

Die Regie spielt mit dem Wissen der Protagonisten und dem Vorwissen der Zuschauer und braucht dafür nicht viele Worte – an manchewr Stelle erinnert „39 Stufen“ an seinen verstorbenen Verwandten, den Stummfilm. Als Hannay in Schottland Unterschlupf findet, erzählt eine stumme Szene mit einer Zeitungsschlagzeile und verschwörerischen Blicken am Abendbrottisch mehr als jeder Dialog; nicht mal Texttafeln braucht der Zuschauer, um zu verstehen, dass die Frau des Hauses versteht, was für ein Gast ihr da gegenüber sitzt, der Gast das merkt und sie dann auf seine Seite zieht und der Herr des Hauses das beobachtet, aber falsche Schlüsse zieht.. Immer wieder wechselt die Kamera in die Subjektive, zeigt extreme Close Ups ängstlich schwitzender Gesichter oder Panoramen der schottischen Highland, in denen ein einzelner Mann Rettung und Unterschlupf sucht. In diesen Einstellungen wirkt Hannay so klein, wie er sich als Unschuldig Verfolgter, als Unbescholtener, der sich nicht an die Polizei wenden kann, wohl auch gerade fühlt in der Welt.

Neben der Kunst des Stummfilms sind auch Dialoge bemerkenswert, in denen die Frau das Geschehen bestimmt, die Oberhand behält, während der Mann doch eher kleinlaut ist. Meist sind im Spannungskino die Männer Macher und Sager, während die Frauen an deren Schulter Schutz suchen.

Abgerundet wir die Spannung von einem großartigen Finale im Theater inklusive tödlicher Schüsse und einem Sturz vom Balkon.

Wertung: 4 von 6 D-Mark