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Plakatmotiv: Der zerrissene Vorhang

Ein Film mit vielen Hitchcock-Momenten.
Aber eine Agentenstory ohne Herz

Titel Der zerrissene Vorhang
(Torn Curtain)
Drehbuch Brian Moore
Regie Alfred Hitchcock, USA 1966
Darsteller
Paul Newman, Julie Andrews, Lila Kedrova, Hansjörg Felmy, Tamara Toumanova, Ludwig Donath, Wolfgang Kieling, Günter Strack, David Opatoshu, Gisela Fischer, Mort Mills, Carolyn Conwell, Arthur Gould-Porter, Gloria Govrin u.a.
Genre Thriller, Crime
Filmlänge 126 Minuten
Deutschlandstart
7. Oktober 1966
Inhalt

„Professor Armstrong hat sich entschlossen, in der Volksdemokratie für den Frieden zu arbeiten.“ Der Wissenschaftler Michael Armstrong besucht gemeinsam mit seiner Verlobten und Assistentin Sarah Sherman einen internationalen Kongreß über Physik in Kopenhagen. Während ihres Aufenthaltes erhält Sarah eine für Armstrong bestimmte Nachricht, die in ihr die Vermutung weckt, dass er sich nach Ostdeutschland absetzen will.

Aber Armstrong hat etwas anderes im Sinn: Daheim in den USA arbeitet er an einem neuen Raketen-Abwehrsystem, genannt GAMMA 5. Er gibt sich als Überläufer zu erkennen und stimmt einem Treffen mit dem berühmten Professor Lindt an der Universität Leipzig zu. Bei dieser Gelegenheit hofft Armstrong, an den fehlenden Teil der Formel für GAMMA 5 zu gelangen …

Was zu sagen wäre

Alfred Hitchcock sucht ein neues Betätigungsfeld. Nach den großen Suspense-Thrillern und Gesellschaftskomödien findet er die Welt der Spionage – und Ostberlin, wo sich soätestens mit dem Bau der Mauer Weltpolitik und Spionagewelt quasi auf dem Bierdeckel präsentieren. Der Film beginnt gemächlich und bleibt gemächlich – von stressiger Action hält er sich fern. Die Welt der Wissenschaften verträgt sich nicht mit Schießereien. Dafür gibt es ein Duell zweier Wissenschaftler – Newman und Ludwig Donath als Professor Lindt – das mit Kreide an einer Tafel im Hörsaal ausgetragen wird. Eine wunderbare Szene, in der die beiden versuchen, sich gegensetig zu übertrumpfen – der Amerikaner mit dem Hintergedanken, dem deutschen Professor eine wichtige Formel zu entreißen. Hitchcock bleibt hier seinem System treu: Spielt ein Film in der Schweiz, muss Schokolade eine Rolle spielen. Spielt ein Film in der Welt der Wissenschaften, muss das entscheidende Duell mit dem Gehirn ausgetragen werden – ohne dass dem Zuschauer langweilig wird. Das gelingt vorzüglich, wenn es auch den Film nicht aus seiner Lethargie reißt.

Plakatmotiv (US): Der zerrissene VorhangPaul Newman (Ein Fall für Harper – 1966; Immer mit einem anderen – 1964; „Der Preis“ – 1963; „Der Wildeste unter Tausend“ – 1963; „Süßer Vogel Jugend“ – 1962; Haie der Großstadt – 1961; „Exodus“ – 1960; „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ – 1958; Der lange heiße Sommer – 1958) ist kein überzeugender Wissenschaftler, Julie Andrews keine glaubhafte Geliebte, die einerseits sich ihm in Liebe unterwirft – im Job als seine Assistentin, im Leben als die Frau, die ihm gerne kocht und den haushalt führen möchte, gleichzeitig aber das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Gegen Ende hin findet er dann auch noch kein Ende. Bei der Ausreise stellt sich eine polnische Gräfin in den Weg, die einen Bürgen zur Ausreise braucht. Schon klar: Das soll die Flucht filmisch spannender gestalten. Der Film wirkt hier, als suche Hitchcock einen Weg, sich zu positionieren in der enger werdenden Welt spannender Abenteuerfilme, indem er die Berliner Situation – Weltpolitik auf einem Bierdeckel – ausmalt. Aber die Gräfin ist eine den Thriller ausbremsende Figur, die eine sehr umständliche und dann auch noch melodramatische Drehbuch-Lösung im Fluchtweg darstellt. Ein interessanter Verrat- und Doppelverrat-Spionagefilm, aus dem eine Mordszene heraussticht.

Wolfgang Kieling spielt den Ost-Berliner Aufpasser Gromek – mit bedrohlich dunklen Augen und Grunz-Stimme. Er überrascht den übergelaufenen Professor auf einem Bauernhof, wo sich herausstellt, dass der Professor doppeltes Spiel spielt, also in Wirklichkeit gar nicht übergelaufen ist, sondern anderes im Sinn hat. Gromek muss also – aus Sicht des amerikanischen Helden – beseitigt werden, aber so, dass ein vor der Tür wartender Taxifahrer nichts mitbekommt – Schießen fällt also aus. Der erfahrene Außenagent Gromek muss also von einem wissenschaftler und einer Bäuerin per Hand überwältigt werden, zumal die einzige Stichwaffe, ein Küchenmesse in Gromeks Schlüsselbein steckenbleibt und abbricht. Für seinen Tod hätte es sicher eine einfachere Möglichkeit gegeben, ebenso für eine sichere Entsorgung seines Motorrads, als es ausgerechnet auf dem Bauernhof zu vergraben. Aber das widerspräche Hitchcocks Erzählregeln. Die Mordszene ist ein schmerzvoller Beleg, wie schwierig es ist, einen Menschen zu töten – sehr Hitchcock. Sehr brutal. Sehr realistisch. Sehr suspense.

Es gibt in diesem kalten Film einen Moment besonderer Wärme, wenn der angebliche Überläufer Armstrong seiner Verlobten Sarah Louise in einem Ost-Berliner Park erklärt, was wirklich gespielt wird. Da sehen wir sie nur aus der Ferne, leise fidelt Musik fidelt auf der Tonspur und wird dann fröhlicher, als Sarah Louise versteht, was läuft. Hitchcock beschreibt all das nur in Bildern, Wort braucht er dafür nicht. Und dann können sich beide noch hinter einem grünen Busch küssen. Sehr schön inszeniert, perfekt platziert. Hitchcocks Inszenierungskunst hilft dem film noch über manch andere zähfließende Hürde. Bei einem Dinner in einem Nachtclub sitzen Armstrong, v, sowie die Professoren Manfred Lindt am Tisch und reden. Hitchcock zieht seine Zuschauer mitten in diese gesellige, indem Sarah Louise immer in die Kamera spricht, wenn sie ihren Verlobten Armstrong anspricht – prompt sitzen wir als Zuschauer mit am Tisch.

Zur Flucht aus höchster Not aus der Uni nutzen sie klapperige Fahrräder und einen als Linienbus getarntes Gefährt einer Ostberliner Untergrundgruppe, das aufzufliegen droht, weil sich im Rückspiegel der reguläre Linienbus „Leipzig – Berlin“ nähert und den falschen als eben falsch entlarven wird. Und als sie nochmal fliehen müssen, diesmal aus einem vollbesetzten Opernhaus, aus dem die Menschen in Panik versuchen zu entkommen, sind die Protagonisten hilflos der strömenden Menschenmasse ausgesetzt, die sich verhält wie die reißende Strömung eines Flusses, der man sich nicht entgegenstemmen kann.

Wenn ich andere zweitgenössische Spionagefilme dagegen setze – Die Kanonen von NavaroneAgenten sterben einsam – dann ist dieser Film langsam, ohne das durch seinen Suspense wettmachen zu können. Dazu fiebern wir zu wenig mit dem in Not geratenen Liebespaar, weil drumherum zuviel andere Aspekte beachtet sein wollen.

Wertung: 4 von 8 D-Mark
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