Plakatmotiv: Der falsche Mann
Ein düsteres, authentisches Drama
Hitchcock dreht wieder schwarz-weiß
Titel Der falsche Mann
(The wrong Man)
Drehbuch Maxwell Anderson + Angus MacPhail
nach dem Roman „The True Story of Christopher Emmanuel Balestrero“ von Maxwell Anderson
Regie Alfred Hitchcock, USA 1956
Darsteller Henry Fonda, Vera Miles, Anthony Quayle, Harold J. Stone, Charles Cooper, John Heldabrand, Esther Minciotti, Doreen Lang, Laurinda Barrett, Norma Connolly, Nehemiah Persoff, Lola D'Annunzio, Kippy Campbell, Robert Essen, Richard Robbins u.a.
Genre Drama, Film Noir
Filmlänge 105 Minuten
Deutschlandstart
2. August 1957
Inhalt

Der unbescholtene Christopher Emmanuel Balestrero, genannt „Manny“, Barmusiker im New Yorker Stork Club, bemüht sich redlich, seine Frau Rose und die zwei Söhne durchs Leben zu bringen. Eines Abends wird er aus heiterem Himmel vor seinem Haus verhaftet und angeklagt, die Kasse einer Versicherungsgesellschaft überfallen und ausgeraubt zu haben. Alle Augenzeugen schwören, ihn eindeutig identifizieren zu können.

Nur mit Unterstützung seiner Familie, die die hohe Kaution für ihn aufbringt, kann er der bedrückenden Untersuchungshaft entgehen. Auf Drängen seines Anwalts versucht er zusammen mit seiner Frau, Zeugen für sein Alibi zu finden, um bis zum Prozessbeginn seine Unschuld zu beweisen. Zwei der Männer, mit denen er an besagtem Tage zusammen beim Kartenspielen war, sind jedoch zwischenzeitlich verstorben, der dritte ist unauffindbar.

Plakatmotiv (US): Der falsche MannMehr und mehr beginnt seine Frau an ihm – und vor allem an sich selbst zu zweifeln, versinkt in eine paranoide Depression, glaubt, weil sie nicht mit Geld umgehen könne, wäre er auf die schiefe Bahn geraten. Bis sie schließlich in eine Klinik eingewiesen werden muss. Als der Prozess beginnt, kann nur noch ein Wunder den verzweifelten Mann retten. Durch Fehlverhalten eines Jurors während der Verhandlung wird der Prozess vertagt. Kurz darauf verhaftet die Polizei einen Mann, der Manny wie aus dem Gesicht geschnitten ist …

Was zu sagen wäre

Hitchcock verfilmt eine wahre Geschichte – aber im Grunde verfilmt er eine seiner persönlichen Urängste: die vor der Polizei. Hitchcock hat seine Thriller und Krimis nicht gedreht, weil er der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen will, sondern aus seiner Urangst sowohl vor dem Verbrechen als auch vor der (ungerechten) Strafe. Seine Lieblings-Anekdote aus der Kindheit: wie sein Vater ihn einmal zur Bestrafung einem Polizisten übergeben habe und er in ein finsteres Loch gesteckt wurde. Nahezu folgerichtig dreht er in schwarz-weiß, nach zuletzt fünf Filmen, in denen die Farben geradezu explodiert sind. Und zum ersten Mal meldet er sich im Vorspann persönlich zu Wort und erklärt, die Geschichte, die er nun erzähle habe sich genau so zugetragen, er habe nichts verändert, nichts hinzugefügt.

Und dann erzählt er seine Lieblingsgeschichte: der unschuldig Verdächtige.

Der Film ist nicht – wie seine Vorgänger – auf optische Überwältigung ausgelegt. Man erkennt die Handschrift eines versierten Regisseurs. Es ist ein Albtraum in der realen, sehr hiesigen Welt – so realitätsnah war Hitchcock, der die Sicherheit des Filmstudios, der Spannung mehr als Logik schätzte, noch nie. Wenn der brave Henry Fonda, dieser treusorgende Familienvater mit 5- und 8-jährigen Söhnen, die wetteifern, wer sein Instrument (Mundharmonika/Klavier) besser beherrscht, in die Maschinerie der Justiz gerät, brav, ja naiv fast, alles macht, was die ermittelnden Beamten von ihm verlangen und schließlich in die Zellen des Reviers gesteckt wird – und der Schatten der Gitterstäbe genau über seiner Kehle liegen –, da ist der Zuschauer ganz nah dabei, kann fühlen, was diesem Manny gerade widerfährt – „Kann ich nicht noch meine Frau benachrichtigen?“, fragt er und die Polizisten antworten geschäftigt „Das wird schon erledigt.“. Hitchcock inszeniert diesen Prozess des Eintritts eines Bürgers in die Untersuchungshaft, der im Film mehrere Minuten einnimmt, als entmenschlichten Justizapparat vom Fließband. Es hat etwas kafkaeskes: Man denkt dauernd, gleich wird Ballestrero ja wohl mit Jemandem sprechen können; aber es geht nur immer weiter in den Maschinenraum der Justiz.

Niemand kann helfen. Seine Frau wird darüber wahnsinnig, glaubt sofort, sie sei schuld, könne nicht mit Geld umgehen; das erst habe ihren Mann in diese Situation gebracht. Ballesteros Anwalt sagt: „Ich würde einen Arzt aufsuchen, Mr. Ballestrero.“
„Sie meinen, sofort?“
„Das kann ich nicht sagen. Ich bin kein Arzt.“

In diesem Dialog zeigt sich die ganze Einsamkeit des Angeklagten. Menschen aus der Szene geben Rat, aber niemand mag sich festlegen, jeder verzieht sich ins Ungefähre. Und die Ehefrau verfällt dem Wahn, schuld zu sein.

<Nachtrag 2017>Hitchcock wollte die blonde Vera Miles, die diese Verzweifelte spielt, zur neuen Grace Kelly aufbauen, die nun kurz davor stand, Prinzessin von Monaco zu werden. Er nahm Miles persönlich unter Vertrag, stattete sie mit eleganten Kleidern aus und verwandelte sie in eine zweite Grace Kelly. Sie sollte in seinem nächsten Film, Vertigo – Aus dem Reich der Toten die weibliche Hauptrolle übernehmen. Aber dann wurde Vera Miles schwanger. Statt ihrer übernahm Kim Novak die Rolle der Madeleine/Judy. Das gefiel Hitchcock nicht sonderlich, musste sich aber den Gegebenheiten fügen und beklagte sich noch Jahre später darüber. In einer Szene in Vertigo passiert Novak das, was Vera Miles mit Hitchcock passiert war: Sie wird von James Stewart komplett umgestylt, um eine andere Frau zu werden.</Nachtrag 2017>

Wertung: 5 von 7 D-Mark