Plakatmotiv (US): Der Auslandskorrespondent – Foreign Correspondent
Propaganda, Krieg, Verschwörung.
Hitchcocks Thriller läuft nicht rund.
Titel Der Auslandskorrespondent
(Foreign Correspondent)
Drehbuch Charles Bennett & Joan Harrison + James Hilton + Robert Benchley + Ben Hecht + Richard Maibaum
Regie Alfred Hitchcock, USA 1940
Darsteller Joel McCrea, Laraine Day, Herbert Marshall, George Sanders, Albert Bassermann, Robert Benchley, Edmund Gwenn, Eduardo Ciannelli, Harry Davenport, Martin Kosleck, Frances Carson, Ian Wolfe, Charles Wagenheim, Eddie Conrad, Charles Halton u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 120 Minuten
Deutschlandstart
1. Dezember 1961
Inhalt

Der amerikanische Journalist John Jones wird nach Europa geschickt, um Informationen zu einem drohenden Zweiten Weltkrieg herauszufinden. Er lernt Stephen Fisher, den Vorsitzenden einer pazifistischen Organisation, kennen und verliebt sich in dessen Tochter Carol.

In Amsterdam wird er Zeuge eines Attentats auf den niederländischen Politiker Van Meer, der eine Geheimklausel des Bündnisvertrages kennt, die einen Kriegsausbruch verhindern kann. Jones findet mit Hilfe von Carol Fisher und seinem Kollegen Scott ffolliott heraus, dass das Attentat nur vorgetäuscht war und Van Meer in Wirklichkeit entführt worden ist. Jones vermutet eine Verschwörung und will für seine Zeitung eine große Story daraus machen. Mit seinen hartnäckigen Recherchen bringt er sich allerdings in Lebensgefahr.

Plakatmotiv (US): Der Auslandskorrespondent – Foreign CorrespondentWährend der Flucht der Akteure per Flugzeug nach Amerika beichtet Fisher, einer der Drahtzieher der Entführung, seiner Tochter Carol, dass er ein Doppelleben führe und als Spion tätig sei. Das Flugzeug wird von einem deutschen Schiff abgeschossen und stürzt ins Meer, Fisher opfert sein Leben für die übrigen Schiffbrüchigen. Ein amerikanisches Schiff rettet die Überlebenden.

Jones hat seine Story für die Zeitung. Von ihm verfasste Zeitungsartikel werden eingeblendet, die von der deutschen Invasion in Polen, Dänemark und Norwegen berichten. Am Schluss hält er in London eine flammende Rundfunkrede für den Eintritt Amerikas in den Krieg, während die Stadt bombardiert wird

Was zu sagen wäre

Jetzt sind überall die Lichter ausgegangen. Überall. Außer in Amerika“, ruft John Jones am Schluss in ein BBC-Mikrofon in Richtung amerikanische Heimat. „Sorgt dafür, dass es niemals erlischt. Schützt es mit Stahl, umringt es mit Waffen. Errichtet einen Baldachin aus Kriegsschiffen und Bomben über dem Licht. Hallo Amerika! Verteidigt Euer Licht! Es ist das einzige Licht, das auf der Welt noch brennt!“ Als der Film in die amerikanischen Kinos kommt, im August 1940, schauen die Amerikaner dem Kriegstreiben auf dem anderen Kontinent noch 15 Monate zu, bis die Japaner am 7. Dezember 1941 Pearl Harbor bombadierten und Washington tags drauf Japan den Krieg erklärte und wenige Tage später Deutschland und Italien wiederum den USA den Krieg erklärten.

Im Herbst 1939 hatten sich in einer Meinungsumfrage 95 Prozent der US-Amerikaner gegen eine Kriegserklärung der USA an Deutschland ausgesprochen. Gleichzeitig wünschten 84 Prozent einen Sieg der Westmächte und gaben 82 Prozent Deutschland die Schuld am Krieg. Da konnte ein bisschen medial befeuertes Kriegspathos nicht schaden, um diese konträren Ansichten in einklang zu bringen. Zu dem oben zitierten Ruf des Reporters summt im Hintergrund die US-Hymne, die dann, als der Titelabspann beginnt, zum choralen Crescendo anhebt. US-Präsident Franklin D. Roosevelt, dessen Sympathien auf Seiten der Westmächte lagen, wahrte offiziell Neutralität, unterstützte hinter vorgehaltener Hand aber die Alliierten. Dank dieser Neutralität konnten amerikanische Journalisten wie William L. Shirer in Deutschland und später im besetzten Europa weiterarbeiten und die amerikanische Bevölkerung über die dramatischen Ereignisse der Neuordnung Europas infolge des am 1. September in Polen ausgebrochenen Krieges umfassend informieren.

Plakatmotiv (US): Der Auslandskorrespondent – Foreign CorrespondentAlfred Hitchcock dramatisiert hier die Erfahrungen eines solchen Korrespondenten, dem er gleich mal großer Verachtung gegenüber tritt. Der Verleger des New York Globe schimpft über seine Auslandskorrespondenten in Europa, die in ihren gut dotierten Büros säßen oder Golf spielten und Worthülsen wie „aus Regierungskreisen verlautete“ als europäische Realitäten verkauften – „Ich habe was gegen Korrespondenten“, schimpft der Verleger. „Ich will Neuigkeiten!“ Deshalb schickt er den versierten Polizeireporter aus seiner Lokalredaktion nach Europa – der schaue wenigstens noch hin und ließe sich nicht nur auf Regierungskreise ein. Statt dessen soll er dann aber auch dauernd nur den Vorsitzenden einer – irgendwie einflussreichen – Friedensinitiative interviewen, der angeblich über Krieg oder Frieden in Europa entscheiden kannt. Diese Intiative bleibt für den Zuschauer genauso undurchsichtig wie die Verschwörung, die sich gegen sie bildet. Ähnlich, wie schon in den 39 Stufen (1935) nutzt Hitchcock diese eigentlich völlig egale Verschwörung lediglich, um seine Hauptfiguren durchs Feuer schicken zu können. So tänzelt der Film zwischen Propagandafilm einerseits und Hitchcockthriller andererseits – zwei Stile, die sich gegenseitig die Luft nehmen.

Geplant war ursprünglich, dass Hitchcock für den freien Produzenten Walter Wanger den autobiografischen Roman „Personal History“ von Vincent Sheean verfilmt. Darin schildert Sheean die Erlebnisse eines Auslandsreporters im krisengeschüttelten Europa der 30er Jahre. Wanger wollte den Film so aktuell wie möglich halten und die aktuellen Geschehnisse in Europa (deutscher Überfall auf Polen, Kriegseintritt Englands) einarbeiten. Das klappte nicht, kaum war ein Drehbuch umgeschrieben, war die Situation in Europa schon wieder eine andwere, die Ereignisse dort überschlugen sich. Schließlich rief Hitchcock seinen alten Mitarbeiter Charles Bennett aus England, um mit ihm und Joan Harrison das Drehbuch in kürzester Zeit völlig neu zu schreiben. Von Sheeans Roman blieb nur die Anfangskonstellation in Holland übrig. Und die beinhaltet klassisches Hitchcockkino.

Nicht nur wird in Amsterdam ein Mord begangen, indem der Killer eine als Fotoapparat getarnte Schusswaffe nutzt (es ist immerhin ein Journalistenfilm); eine entscheidende Szene spielt – natürlich – zwischen Windmühlen, die von Verschwörern als Signalanlage genutzt werden. Hitchcock legt auf derlei Zusammenhänge (Kamera/Wundmühlen) großen Wert. Er filmt die Wahrzeichen des Landes aus jeder spektakulären Perspektive, integriert auch die gewaltigen Zahnkränze für eine spannende Situation, als sich Jones' Mantel darin verfängt. Auch Vögel spielen, wie schon in Sabotage (1936) eine gewichtige Rolle. Van Meer, der geschundene Friedensdiplomat, spricht immer davon, „die Vögel zu füttern“, um sich mental gegen seine Folterknechte zu wappnen. In Sabotage hatte ein Vogelhändler eine Zeitbombe in einem Vogelkäfig versteckt mit dem Hinweis: „Die Vögel singen um. 1.45 Uhr“.

Mit politischen Botschaften hält sich die ursprünglich als Propagandafilm gepante Produktion weitgehend zurück - vor allem aufgrund des politischen Drucks, die strikte Neutralität der USA zu wahren. Die Botschaften, bis auf die Schlusssequenz, kommen eher subtil: Beim Fassadenklettern am „Hotel Europe“ zerstört Jones das Neon; jetzt heißt das Hotel „Hot Europe“ – heißes Europa. Im letzten Drittel werden die Protagonisten im zivilen Linienflugzeug von einem Deutschen Schlachtschiff abgeschossen – eine grandios getrickste und gebaute Sequenz mit einer Mischung aus Rückpro, Modellen und Wasserbassins –, was als Hinweis auf die Gefahr auch bei gewahrter Neutralität verstanden werden soll. Die Schlusssequenz mit der pathetischen Ansprache musste Hitchcock tatsächlich nachdrehen, weil zwischenzeitlich der Krieg in Europa ausgebrochen war. Ein eindeutigerer Appell, als „wachsam zu sein“ und seine Freiheit mit Waffen zu verteidigen, war aufgrund des Neutralitätsgebots nicht möglich.

Plakatmotiv: Alfred Hitchcock's MordHinter der politischen Dominanz, die den Film aus Sicht des 21. Jahrhunderts prägt, gehen die kleinen Besonderheiten des Films unter. Da ist einmal das klassische Hitchcock-Paar: ein charmanter Mann, engagiert und genusssüchtig („Sie sprechen alle meine Sprache? Das ist ja wunderbar. Das kann man nicht mal von all meinen Landsleuten sagen!“) sowie eine Frau, die schlagfertig, humorbegabt und intelligent dem Mann seine Grenzen aufzuzeigen. Und die sich, ganz unvermutet, sich ihre Liebe gestehen. Jones, der Amerikaner, verliert dauernd seine Melone, die er als Mimikri in Europa tragen soll, um weniger aufzufallen – eine ebenso verschleiernde Identität, wie sie schon sein Name ist. Verschleierte Identitäten durchziehen den ganzen Film.

John Jones soll als Auslandskorrespondent einen „glaubwürdigeren“ Namen („Huntley Haverstock“) annehmen, Scott schreibt seinen ohnehin schon seltsamen Nachnamen komplett klein (also „ffolliott“), das Attentat auf Van Meer wird durch einen Doppelgänger vorgetäuscht, Carol Fisher verschweigt gegenüber Jones zunächst ihre Mitgliedschaft in einer pazifistischen Organisation, der alkoholkranke Reporter Stebbins mimt den interessierten Journalisten. Sogar Windmühlen sind nicht bloß Windmühlen, sondern übermitteln einen geheimen Code an Flugzeuge. Dem anfangs naiven Helden Jones steht als starker Gegenspieler Stephen Fisher gegenüber, zerrissen zwischen seinen politischen Überzeugungen und der Liebe und Verantwortung gegenüber seiner Tochter.

Wertung: 4 von 6 D-Mark