Plakatmotiv (US): Cocktail für eine Leiche – Rope
Ein verfilmtes Theaterstück als
interessantes Kinoexperiment
Titel Cocktail für eine Leiche
(Rope)
Drehbuch Hume Cronyn + Arthur Laurents
nach dem Bühnenstück von Patrick Hamilton
Regie Alfred Hitchcock, USA 1948
Darsteller John Dall, Farley Granger, James Stewart, Edith Evanson, Douglas Dick, Joan Chandler, Cedric Hardwicke, Constance Collier, Dick Hogan u.a.
Genre Crime, Drama
Filmlänge 80 Minuten
Deutschlandstart
25. Juli 1963
Inhalt

Zwei vielversprechende junge Männer, Brandon Shaw und Philip Morgan, strangulieren ihren ehemaligen Klassenkameraden David Kentley in ihrem Apartment zu Tode. Dabei hatten sie kein besonderes Motiv; sie sehen den Mord vielmehr als eine intellektuelle Herausforderung.

Nachdem sie den Leichnam in einer alten Holztruhe verstaut haben, veranstalten sie als „Krönung ihres Erfolgs“ eine Feier in ihrem modern eingerichteten Penthouse-Appartement. Die ahnungslosen Gäste bei der Feier sind der Vater des Toten, Mr. Kentley, sowie seine Schwägerin Anita Atwater, stellvertretend für die erkrankte Mrs. Kentley. Ebenfalls eingeladen sind Janet Walker, die Freundin des Toten, und deren Exfreund Kenneth Lawrence, der vor dieser Beziehung ein guter Freund von David war. David Kentley ist offiziell ebenfalls eingeladen. Außerdem ist Brandons Haushälterin Mrs. Wilson zum Bedienen der Gäste anwesend.

Bevor die Feier beginnt, stellt Brandon das Buffet der morbiden Feier auf eben jene Truhe um, in welcher der Tote liegt. Brandons und Philips Idee des perfekten Mordes wurde einige Jahre zuvor durch Ideen ihres damaligen Lehrers Rupert Cadell inspiriert, der mittlerweile philosophische Bücher verlegt. Dieser glaubt an die Theorie des Übermenschen sowie an die Kunst des Mordes. Er wurde ebenfalls zur Party eingeladen, da Brandon das Ganze ohne Rupert für „zu leicht“ hält.

Plakatmotiv (Wiederaufführung 1984): Cocktail für eine Leiche – RopeEine Bemerkung von Brandon entfacht unter den Gästen eine Diskussion über die Kunst des Mordes und die Übermenschen-Theorie. Brandon trägt im Gegensatz zu Rupert diese Thesen sehr vehement vor, während Mr. Kentley ihm scharf widerspricht. Eine weitere unbequeme Situation ist das unfreiwillige Wiedersehen von Janet und Kenneth, wobei Brandon Kenneth gegenüber die Bemerkung macht, dass er das Gefühl habe, seine Chancen bei Janet würden wieder steigen. Während Brandon durch seinen Übermut Ruperts Misstrauen erweckt, ist es bei Philip umgekehrt. Er ist mit der Situation überfordert und trinkt zu viel.

Davids Abwesenheit beunruhigt unterdessen die Gäste. Rupert beginnt Verdacht zu schöpfen und befragt die Gäste über die Ungereimtheiten. Philip reagiert auf Ruperts Fragen panisch und versucht ihm auszuweichen. Rupert bemerkt dagegen, dass Philip ihm etwas verheimlicht

Was zu sagen wäre

Eine Zwei-Klassengesellschaft und der alte Traum, das perfekte Verbrechen zu begehen, ohne sich schuldig zu fühlen, weil man als Opfer „unwertes Leben“ ausgesucht hat. Das ist, etwas grob skizziert, die Ausgangssituation des britischen Theaterstücks, das Alfred Hitchcock in New York spielen lässt – wo es nicht funktioniert. Es sind Kleinigkeiten.

Auch New York kennt unterschiedliche soziale Klassen, im Film zeigt das vor allem Mrs. Atwater in ausgefeilter Bosheit, wenn sie sich gelangweilt abwendet, wenn die redselige Haushälterin Mrs. Wilson erzählt. Aber die sozialen Klassen in Großbritannien sind schärfer abgegrenzt, die Oberen geben sich nobler und sprechen auch so. Arthur Laurents, der vor allem für eben die Dialoge zuständig war, hat versucht, die Noblesse ins Amerikanische zu übersetzen – aber wenn die amerikanische High Society versucht, nobel – oder: hochnäsig – zu sprechen, klingen sie, wie ein schwule Comicfigur.

Und dennoch sprechen Brandon und Philip blasiert – vor allem John Dall als Brandon. Es klingt aufgesetzt, maniriert, aufgesagt – es klingt, als sei Brandon homosexuell. Tatsächlich haben die beiden jungen Männer im Theaterstück eine Beziehung und leben zusammen. Brandon hatte dann sogar ein Verhältnis mit Rupert Cadell, dem Lehrer, den im Film jetzt James Stewart spielt (Ist das Leben nicht schön? – 1946; „Die Nacht vor der Hochzeit“ – 1940; „Rendezvous nach Ladenschluss“ – 1940; „Mr. Smith geht nach Washington“ – 1939). Im Film aber wird die Homosexualität nicht einmal erwähnt; statt dessen steht sie wie ein weißer Elefant mitten im Raum: Die blasierten Upperclass-Kids sind wohl reich genug, dass jeder ein Penthouse bezahlen könnte; warum also wohnen sie zusammen? Das irritiert während der gesamten Spieldauer des Films.

Ein damaliges Verhältnis zum Lehrer taucht nicht mehr auf, im Film ist er einfach ein intellektuelles Vorbild mit einer durch Nitzsches Übermenschen inspirierten Philosophie, die vor allem Brandon offenb ar zu wörtlich genommen hat. Und während also der eine Elefant mitten im Raum steht, über den aber keiner spricht, steht daneben James Stewart als das offensichtliche Problem. Stewart tut, was er gut kann, ist der plaudernde Charmeur, der Inspektor, dem, ähnlich wie Agathe Christies Detektiven, jede kleine Unstimmigkeit auffällt; aber da ist keinerlei engere Beziehung zu einem der beiden jungen Männer – es bleibt verwaschen, was den ehemligen Lehrer für sie zu einem leuchtenden Vorbild werden lässt. Deshalb bleibt die übergeordnete Motivation für den perfekten Mord, nämlich von Rupert Cadell nicht entlarvt zu werden, obwohl die Leiche im Raum ist, unerklärt.

Alfred Hitchcock hat sein verfilmtes Theaterstück wie ein Theaterstück inszeniert. Er wollte keinen Bildschnitt (den es im Theater ja nicht gibt). Das gibt den Schauspielern, die bei Hitchcock den Wert von, wie er mal sagte, „Schafen“ hatte, hier ein enormes Gewicht. Hinter den Kulissen während der Dreharbeiten lag enormes Gewicht auf den Kameraleuten und Bühnenarbeitern, weil die andauernd Möbel verschieben mussten, damit die riesigen Technicolor-Kameras durch die Räume bewegt werden konnten – aber das bekommt der Zuschauer nicht mit. Er bemerkt vielleicht ungewöhnliche Kamerabewegungen, ein paar überraschend wacklige Bilder, aber wo kein Bildschnitt die Handlung treiben, kein Einstellungswechsel das Auge lenken kann, bleibt der Zuschauer bei dem, der spricht, bei den Schauspielern, die Hitchcocks Film alleine tragen.

DVD-Cover: Cocktail für eine LeicheAusgerechnet John Dall, die zentrale Figur des skrupellosen „Übermenschen“, bleibt blass, wirkt wie ein Textaufsager. Sein Schnöseltum wirkt aufgemalt. Farley Granger hat es einfacher. Er darf verängstigt sein, nervös, weinerlich, mit dem begangenen Mord eigentlich nicht einverstanden – das hilft einem Schauspieler.

Dennoch hat die Dramaturgie in diesen beiden Figuren die größte Schwäche. Die ersten 15 Minuten Spielfilm (ohne unterstützende Montage) müssen die beiden alleine tragen. Dabei reden sie unnatürliche Drehbuchsätze, stehen unnatürlich immer frontal zur Kamera, die alle zehn Minuten – mehr passt nicht auf die Filmrollen dieser Kameras – auf ein dunkles Jackett zufährt, um in dem entstehenden Schwarzbild die Rolle zu wechseln. Die beiden Mörder allein sind unsympathisch, man weiß bald, was sie vorhaben, aber es dauert dann noch, bis sie mit dem Umsetzen beginnen; wenn dann James Stewart seine Qualitäten ausspielen kann, die er als Schauspieler hat – auch wenn sie nicht in den vorliegenden Film passen – wird es spannend.

Es gibt auch in diesem Film mit seiner nur einen Kameraeinstellung ein paar Kamerapositionen, die sind superb. Als sich die Partygesellschaft etwa über den Verbleib von David austauscht, räumt die Haushälterin die Truhe mit dem Buffet ab. Dazu hat es sich die Kamera hinter der Truhe bequem gemacht und harrt dort unbewegt so lange aus, bis die vollgestellte Truhe komplett abgeräumt ist und sie im Begriff ist, die Truhe mit der Leiche darin zu öffnen – das ist hochspannend, obwohl wir den den Dialog nicht antizipieren, obwohl der Bildausschnitt nicht elegant gewählt ist, aber die Szene ist toll.

Die Methode, ein Theaterstück auf der Leinwand ohne die Mittel der Filmkunst einzusetzen wirkt … falsch. In dieser Form behindern sich die spezifischen Elemente des jeweiligen Mediums. Hitchcock gestand später ein, dass es ein Fehler war, den Schnitt als wesentliches, gestaltendes Instrument der Dramaturgie aus der Hand zu geben. Gegenüber François Truffaut bezeichnete er dies 1966 als „idiotisch“ und als „verzeihlichen Versuch“.

Immerhin: Einen sichtbaren Schnitt gibt es , gleich zu Beginn, wenn die Kamera von draußen auf der Terrasse ins Innere geht, wo David gerade stranguliert wird.

Wertung: 3 von 6 D-Mark