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Plakatmotiv (US): Notorious – Berüchtigt (1946)

Ein Thriller, bei dem Hitchcock
die Schlinge langsam zuzieht

Titel Berüchtigt (aka Weißes Gift)
(Notorious)
Drehbuch Ben Hecht
Regie Alfred Hitchcock, USA 1946
Darsteller Cary Grant, Ingrid Bergman, Claude Rains, Louis Calhern, Leopoldine Konstantin, Reinhold Schünzel, Moroni Olsen, Ivan Triesault, Alexis Minotis, Wally Brown, Charles Mendl, Ricardo Costa, E.A. Krumschmidt, Fay Baker u.a.
Genre Crime, Film Noir, Thriller
Filmlänge 101 Minuten
Deutschlandstart
21. September 1951
Inhalt

Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird der Vater der deutschstämmigen Amerikanerin Alicia Huberman wegen Landesverrats zu einer Gefängnisstrafe in einem US-Gefängnis verurteilt, auf sie wird der Regierungsagent T. R. Devlin angesetzt. Der US-Geheimdienst weiß aus Abhöraktionen, dass sie gegenüber den USA loyal eingestellt ist, aber von der Zusammenarbeit ihres Vaters mit den Nationalsozialisten wusste. Alicia, die ein Alkoholproblem hat, und Devlin verlieben sich ineinander. Infolge der Liebesbeziehung hört Alicia sogar auf zu trinken. Sie reisen nach Rio de Janeiro, wo der amerikanische Geheimdienst sie bereits erwartet.

Devlins Vorgesetzte wünschen, dass Alicia den Kontakt zu einem früheren Vertrauten ihres Vaters wieder aufnimmt, zu Alexander Sebastian, der mit zahlreichen Nazis in Brasilien zusammenarbeitet und früher einmal in Alicia verliebt war. Durch deren erneute Annäherung an Sebastian erhofft man sich Aufschluss über die Pläne der Nazi-Organisation. Devlin hat Skrupel und will Alicia nicht in den Armen eines anderen Mannes sehen, bringt Alicia aber aus Pflichtbewusstsein und Zweifel an den beiderseitigen Gefühlen dazu, die Aufgabe zu übernehmen. Sebastian tappt in die Falle und macht Alicia nach kurzer Zeit einen Heiratsantrag, gegen den Willen seiner dominanten und eifersüchtigen Mutter Anna, die Misstrauen gegen Alicia hegt. Nach Rücksprache mit dem Geheimdienst nimmt Alicia den Antrag an. Die Organisationsmitglieder, die sich regelmäßig in Sebastians Villa treffen, gehen mit unzuverlässigen Mitgliedern rigoros um: wer versagt, wird von den anderen liquidiert.

Auf einer Party in Sebastians Haus entdecken Alicia und Devlin, dass in einigen Flaschen in Sebastians Weinkeller eine Art dunkles Erz versteckt ist, das sich später als Uranerz herausstellt. Sebastian und seine Mutter kommen den beiden auf die Schliche und um sich nicht selbst vor den Mitverschwörern zu kompromittieren, beginnen sie damit, Alicia langsam und unauffällig zu vergiften. Devlin allerdings deutet Alicias aufkommende Schwäche falsch; er nimmt an, dass sie wieder mit dem Trinken begonnen hat …

Plakatmotiv (US): Notorious – Berüchtigt (1946)

Was zu sagen wäre

Ein Mann verkuppelt seine Geliebte mit einem anderen Mann, damit er diesen anderen Mann besser ausspionieren kann. Das ist ein pikantes Szenario, wie es Alfred Hitchcock liebt. Alles andere, das Uran, die Nazis ist nur Beiwerk, Hitchcocks klassischer MacGuffin, den er prächtig verkauft.

Dabei geht es langsam los. Solange Cary Grant und Ingrid Bergmann (Ich kämpfe um Dich – 1945; „Das Haus der Lady Alquist“ – 1944; „Wem die Stunde schlägt“ – 1943; Casablanca – 1942) sich kennenlernen und ineinander verlieben hat der Film keine Richtung, als Zentrum nur die beiden Hauptdarsteller. Aber in Rio de Janeiro zieht Hitchcock die Schlinge seines Psychothrillers zu und präsentiert großartige Suspenseszenen. Es gibt eine Kamerafahrt zum Auftakt eines großen Empfangs, bei der Alicia Devlin einen Kellerschlüssel geben muss, damit der im Weinkeller verräterische Flaschen untersuchen kann. Dabei schwebt die Kamera von weit oben aus der Vogelperspektive herunter bis sie ganz close an Bergmanns Hand mit dem Schlüssel darin zum Stehen kommt. Als Alicia den Schlüssel zuvor steht, ist die Spannung schwer zu ertragen, weil ihr Mann, den sie gerade beisteht, nur nebenan ist und mit ihr durch die offene Tür spricht. In diesem zusammenhang zeigt uns Hitchcock, wie man aus dem Alkoholkonsum einer Party Suspense macht: Weil nun Alex, ihr Mann, während der Party den Schlüssel zum Weinkeller nicht hat, darf auf keinen fall der Vorrat ausgehen, der oben am Büffet in Eiskühlern bereit steht; mehrmals leistet sich Hitchcock während der fortschreitenden Handlung daher Zwischenschnitte auf Kellner, die Tabletts mit Champagner herumtragen, Blicke in die eiskübel, aus denen nach und nach die Champagnerflaschen verschwinden. Erstaunlich, wie aus an sich harmlosen Bildern beklemmende Spannung gezaubert werden kann.

Plakatmotiv: Weißes Gift (1946)

Während Hitchcock seine Schlinge langsam zuzieht, wird es um Ingrid Bergmann immer einsamer, während ihre Schwiegermutter und ihr Mann sie langsam vergiften. Es ist Hitchcocks alter Trick, dem Zuschauer alles zu sagen, seinen Protagonisten nur wenig. Die Folge: große Spannung. Wenn dann auch noch Devlin ihr den Rücken zuwendet, weil er glaubt, Alicia habe wieder mit dem Trinken angefangen, ist das im Kinosessel schwer zu ertragen.

Neben den großen Namen auf der Besetzungsliste sticht Leopoldine Konstantin hervor, die die Mutter von Claude Rains spielt. Sie ist ein prachtvoll bösartiger Dämon im herrschaftlichen Gewand; es fällt kaum auf, dass sie im realen Leben nur dreieinhalb Jahre älter ist als ihr Filmsohn — sie war zum Zeitpunkt des Drehs 59, Claude Rains (Fahrkarte nach Marseille – 1944; Casablanca – 1942) 56 Jahre alt. Claude Rains war für den Oscar als bester Nebendarsteller nominiert, Ben Hecht für das beste Originaldrehbuch.

Dem Originaldrehbuch von Ben Hecht, für das er 1947 für den Oscar nominiert wurde, lag eine Idee von Hitchcock zugrunde, außerdem Motive einer von David O. Selznick ausgegrabenen Kurzgeschichte des Journalisten John Taintor Foote mit dem Titel „The Song Of The Dragon“ aus dem Jahr 1912, einer Art Mata-Hari-Geschichte. Selznick, bei dem Alfred Hitchcock zu diesem Zeitpunkt unter Vertrag stand, verkaufte die Rechte an dem Film im Paket mit dem Drehbuchautor Ben Hecht, dem Regisseur Alfred Hitchcock sowie den Schauspielern Cary Grant („Arsen und Spitzenhäubchen“ – 1944; Verdacht – 1941; „Die Nacht vor der Hochzeit“ – 1940; Sein Mädchen für besondere Fälle – His Girl Friday – 1940; „Die Schwester der Braut“ – 1938; Leoparden küsst man nicht – 1938) und Ingrid Bergman kurz vor Drehbeginn für 800.000 Dollar und 50 Prozent des Gewinns an RKO, um seinen Teil an dem Film „Duell in der Sonne“ (1946), der bereits über dem Budget und hinter dem Zeitplan lag, zu finanzieren.

Wertung: 6 von 6 D-Mark
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