Plakatmotiv: Bei Anruf Mord

Ein großartiges Kammerspiel.
Völlig verrückt. Sehr spannend.

Titel Bei Anruf Mord
(Dial M for Murder)
Drehbuch Frederick Knott
nach seinem gleichnamigen Broadway-Stück
Regie Alfred Hitchcock, USA 1954
Darsteller Ray Milland, Grace Kelly, Robert Cummings, John Williams, Anthony Dawson, Leo Britt, Patrick Allen, George Leigh, George Alderson, Robin Hughes u.a.
Genre Crime, Film Noir, Thriller
Filmlänge 115 Minuten
Deutschlandstart
3. Dezember 1954
Inhalt

Der ehemalige Tennisprofi Tony Wendice hat ein Problem. Seine wohlhabende Frau Margot ist offenbar ein Verhältnis mit dem Krimiautor Mark Halliday eingegangen. Nachdem er Margots Handtasche gestohlen und einen darin befindlichen Liebesbrief von Mark gelesen hat, steht für ihn fest: Er muss seine Frau beseitigen, um an ihr Vermögen heranzukommen. Ohne ihr Geld könnte er seinen aufwändigen Lebensstil nicht finanzieren.

Geschickt manipuliert er seinen ehemaligen Studienkollegen, den Hochstapler Charles Swann, um ihn dazu zu bringen, seine Frau zu ermorden, während er selbst mit seinem Nebenbuhler einen Club besucht und so ein perfektes Alibi hat.

Er versteckt den Wohnungsschlüssel seiner Frau im Treppenhaus, damit Swann sich die Türe aufsperren kann. Er schärft ihm ein, den Schlüssel beim Verlassen der Wohnung unbedingt wieder am selben Ort zu verstecken. Zunächst scheint alles nach Plan zu verlaufen. Swann dringt zur verabredeten Zeit unbemerkt in die Wohnung ein. Tony ruft aus dem Club zu Hause an, um seine Frau ans Telefon zu locken. Als sie abhebt, versucht Swann sie mit einem Schal zu erwürgen. Margot wehrt sich jedoch verbissen und ihr gelingt es, Swann mit einer Schere zu erstechen. Tony hat alles am Telefon mit angehört. Als sich seine Frau in Panik wieder am Telefon meldet, ist klar, dass etwas schiefgegangen ist.

Tony fährt nach Hause und überlegt sich fieberhaft einen neuen Plan. Noch bevor die Polizei kommt, nimmt er den Schlüssel, den er bei der Leiche von Swann findet, an sich und legt ihn unbemerkt in die Handtasche seiner Frau. Er verbrennt den Schal, mit dem Swann seine Frau ermorden wollte, im Kamin. Dann fälscht er geschickt einige Indizien, um bei der Polizei den Verdacht zu erwecken, Margot habe Swann vorsätzlich getötet, weil sie von ihm erpresst wurde. Vor dem Eintreffen der Polizei steckt Tony den Liebesbrief von Mark in die Anzugtasche des toten Swann. Bei der Anwerbung des Mörders hat er bereits dafür gesorgt, dass dessen Fingerabdrücke darauf zu finden sind. Da es auch keine Spuren für ein gewaltsames Eindringen des Täters gibt, sieht es so aus, als habe Margot ihn selbst in die Wohnung gelassen und wegen der Erpressung mit dem Liebesbrief erstochen.

Zum Schein verteidigt Tony seine Frau. Er wendet ein, er habe doch alles am Telefon mit angehört. Schließlich wirft er sogar der Polizei vor, Beweise gefälscht zu haben. Er spekuliert auch darauf, dass ihm ohnehin niemand glauben wird und man ihn für den verzweifelten Ehemann hält, der um das Leben seiner Frau kämpft. Tatsächlich wird Margot festgenommen und im folgenden Prozess zum Tode verurteilt. Es scheint, als habe Tony das perfekte Verbrechen begangen …

Plakatmotiv: Bei Anruf Mord

Was zu sagen wäre

Alfred Hitchcock in seinem Element: Eine unschuldige Mordverdächtige, ein „perfekter Mord“, ein eng begrenzter Raum für die Handlung. Dabei ist die Handlung so dreist übertrieben, dass man meinen könnte, es mit einem – weil komplett künstlich – klassischen Hitchcock-Stoff zu tun zu haben. „Dial M for Murder“ war aber schon ein Broadway-Hit, und der Stoff flog Hitchcock auch nicht einfach so zu. Er hält ihn angeblich sogar für „eine belanglose Gelegenheitsarbeit“. Der Regisseur Peter Bogdanovich fragte ihn, warum er das Stück denn überhaupt verfilmt habe: „Hitch sagte Wenn die Batterien leer sind, nimm einen Hit und verfilme ihn.

Plakatmotiv: Bei Anruf MordFrederick Knott war gehalten, sein Theaterstück nur marginal an filmische Voraussetzungen anzupassen, die Struktur sollte er unbedingt beibehalten. Hitchcock erklärte Bogdanovich: „Man sollte nicht versuchen, einen Hit cineastisch zu manipulieren. Denn wenn man ein Stück kauft, kauft man die Konstruktion. Die Konstruktion macht es zu einem Hit. Wenn man das ändert, ruiniert man das, was man soeben gekauft hat.“ Der Film ist eine seiner besten Arbeiten geworden. Weil er für jede Szene die perfekten Kamerapositionen gefunden hat. Weil er die richtigen Schauspieler gefunden hat. Weil er bei seinem erst dritten Farbfilm (nach Cocktail für eine Leiche, 1948 und Sklavin des Herzens, 1949) die Farbe zum eigenen Akteur macht.

Hitchcock dreht gern auf beengtem Raum. Er kann dort besser mit extremen Einstellungen experimentieren. Das gelingt mal besser (Das Rettungsboot – 1944), mal weniger gut (Cocktail für eine Leiche – 1948), im vorliegenden Fall nutzt er die natürliche Schwäche eines dialoglastigen Stücks für das (visuell wirkende) Medium Film für seine Zwecke. Sein Opening von „Dial M for Murder“ erklärt beispielhaft, was an Cocktail für eine Leiche nicht funktioniert hat: Binnen 20 Sekunden weiß hier der Zuschauer: Grace Kelly ist verheiratet mit Ray Milland. Die Ehe ist wenig leidenschaftlich. Kein Wunder: Sie hat einen Liebhaber. Dass die Ehe wenig leidenschaftlich ist, macht ein dröger Kuss ebenso deutlich, wie die anschließende Frühstücksimpression – sie liest Zeitung, er sortiert den Frühstückstisch um, beide sprechen nicht. Außerdem trägt sie ein hochgeschlossenes weißes Kleid. Dessen Eleganz unterstreicht zunächst lediglich die gelangweilte Ehefrau, steht in der nächsten Szene aber in deutlichem Kontrast zu dem roten Kleid, das sie trägt, als sie ihren Liebhaber leidenschaftlich küsst. Dann erst gibt es Dialog. In diesem Auftakt kann man gut analysieren, warum auch die Auswahl der Anziehsachen ein wichtiges filmisches Stilmittel ist. Nachdem Grace Kelly ihren Angreifer erstochen hat, trägt sie ein schmuckloses graues Kleid.

Dann rollt der Master of Suspense seinen boshaften Teppich aus und es ist schon eine atemberaubend dreiste Mordplanung, die er uns da auftischt – und atemberaubend ist auch, dass uns das gar nicht stört. Das liegt zum einen an Ray Milland, der das Mordkomplott in dem Gespräch mit Charles Swann elegant auffächert und seinem Gast dabei häppchenweise klarmacht, dass dieser gerade erpresst wird. Hier flutscht der geschriebene Dialog, Ray Milland brilliert mit Charme, schneidender Bosheit und angeberischer Breitbeinigkeit – dieses grotesk anmutende Mordkomplott, das er sich da ausgedacht hat, muss man erst mal glaubhaft spielen können – und die Kamera malt die passenden Bilder; sie schwebt unter der Zimmerdecke, versteckt sich hinter Gegenständen, liegt auf dem Boden, und wenn der künftige Mörder die Wohnung verlassen hat, haben wir den geplanten Mord schon einmal komplett durchgespielt.

Streng genommen ist die gesamte Ausgangssituation ein einziger Irrealis. Macht aber nix. Ist total spannend, typisch Hitchcock, der sich ungerne von der Realität in seine Spannung reinpfuschen lässt. Dieses Hitchcock-künstliche Setting macht höllisch Spaß. Hitchcock verrät in den Dialogen immer schon vorher, was passieren wird und deshalb fiebern wir automatisch, ob es passieren wird – egal, was Es ist, selbst, wenn es ein geplanter Mord ist. Und sind gefesselt, wenn der minutiös ausgetüftelte Plan dann an lauter Kleinigkeiten zu scheitern droht: Ray Millands Uhr bleibt kurz bevor der Mord passieren soll, stehen, die Telefonzelle, von der aus er anrufen will, ist besetzt und und wir sehen zu und denken Hoffentlich schafft er es noch rechtzeitig. Und als der Killer hinter dem Vorhang wartet und wartet, denken wir Hoffentlich kann er rechtzeitig die Wohnung verlassen, wenn der Anruf nicht kommt. Im nächsten Moment hoffen wir, dass Grace Kelly nicht ans Telefon geht. Hitchcock schafft es, die Sympathien des Zuschauers zu manipulieren, sie binnen Minuten mehrmals neu auszurichten.

Wir erlauben uns sogar zu glauben, dass Ehemann Tony seine Frau, nachdem die gerade einen Mann erstochen hat, gefühlvoll ins Bett bringen kann – „„Now Darling, go to bed“; als würde die ein Auge zumachen können. Aber der Film auf engstem Raum braucht halt eine Situation, in der Tony dem toten Mörder unbeobachtet den Wohnungsschlüssel aus der Manteltasche fischen und zurück ins die Handtasche seiner Frau bugsieren kann und das Schlafzimmer ist halt der einzige andere Raum am Filmset – Spannung geht vor Realität.

Plakatmotiv: Bei Anruf MordRay Milland („Das verlorene Wochenende“ – 1945) zieht sich die Rolle des bösen Ehemannes über wie eine zweite Haut. Sein Tony handelt methodisch und überlegt, und bleibt den ganzen Film über ein charmanter Plauderer, während Robert Cummings als Liebhaber Mark den ganzen Film über der Eindringling bleibt, der eine Ehe zerstört. Dieser Kriminalschriftsteller steuert Theorien und Gefahren eines perfekten Mordes bei, spielt hölzern – und ist letztlich Hichcocks MacGuffin, ohne den das Komplott gar nicht erst angedacht worden wäre. Dass Ray Milland 22 Jahre älter, Cummings 19 Jahre älter ist als Grace Kelly, die des einen Ehefrau und des anderen Geliebte spielt, ist eines dieser Hollywood-Regeln, wonach Männer gut spielen und Frauen schön aussehen müssen. Grace Kelly (Mogambo – 1953; 12 Uhr mittags – 1952) überspielt die Altersunterschied souverän, gibt eine elfenhafte Ehebrecherin, die für ihren Seitensprung hart bestraft wird. Die von ihrem Mann manipulierte Ehefrau spielt sie einfühlsam und glaubhaft dünnhäutig.

Der letzte Akt gehört John Williams, der im Paradine Case noch eine stumme Anwaltsrolle – den Barrister Collins – hatte. Als Chief Inspector Hubbard ist Williams unwiderstehlich. Ein aufrechter Brite und scharfsinniger Polizist, der sich kein X für ein U vormachen lässt. Er ist die verkörperte Rehabilitation der Polizei, die Hitchcock so oft als einseitig unfähig auftreten lässt: „Alles macht sich lustig über die schwerfällige Polizei (the flat footed Policemen), aber mögen uns die Heiligen vor den Amateurdetektiven (giftet Amateur) bewahren.“ Unter all den Experten, die glauben, das perfekte Verbrechen planen (Ehemann) oder erfinden zu können (Liebhaber und Schriftsteller) ist Chief Inspector Hubbard mit dem strengen Schnäuzer der einzig wahre Experte, der dem Amateurexperten Tony Wendice das Heft des Handelns aus der Hand windet.

Wertung: 6 von 6 D-Mark