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Plakatmotiv: Downsizing (2017)
Eine bissige Gesellschaftssatire,
der es an Dramaturgie mangelt
Titel Downsizing
(Downsizing)
Drehbuch Alexander Payne + Jim Taylor
Regie Alexander Payne, USA, Norwegen 2017
Darsteller Matt Damon, Christoph Waltz, Hong Chau, Kristen Wiig, Rolf Lassgård, Ingjerd Egeberg, Udo Kier, Søren Pilmark, Jason Sudeikis, Maribeth Monroe, Jayne Houdyshell, Phil Reeves, James Van Der Beek, Alison J. Palmer, Tim Driscoll u.a.
Genre Drama, Science Fiction
Filmlänge 135 Minuten
Deutschlandstart
18. Januar 2018
Inhalt

Die Ressourcen der Erde neigen sich dem Ende zu, der Planet platzt aus allen Nähten. Um das Problem der Überbevölkerung zu lösen, haben norwegische Wissenschaftler eine Methode entwickelt, mit der sie Menschen schrumpfen und somit ihre Bedürfnisse und ihren Konsum enorm verringern können.

Ein 12 Zentimeter kleiner Mensch verbraucht schließlich weniger Wasser, Luft und Nahrung als ein großer. Diese kontroverse Behandlungsmethode wird auch in den USA aggressiv vermarktet. Die entsprechend reduzierten Bedürfnisse der Menschen nach der Miniaturisierung sollen demnach einen luxuriösen und verschwenderischen Lebensstil auch für Durchschnittsbürger ermöglichen. Diesen Verlockungen folgend, beschließen Paul und Audrey, sich der Miniaturisierung zu unterziehen. Audrey macht jedoch kurz vor der Behandlung einen Rückzieher und Paul wird alleine geschrumpft.

Während das Verfahren bald missbraucht wird – so lassen afrikanische Diktatoren rivalisierende ethnische Gruppen schrumpfen und das Heimatschutzministerium ist alarmiert über verkleinerte Terroristen im Hosentaschenformat, die ungehindert die US-Grenzen passieren –, zieht Paul in ein luxuriöses Haus in der abgeschirmten Miniaturengemeinde Leisureland. Ein Jahr später hat die Routine des Alltags ihn wieder eingeholt. Er arbeitet mittlerweile als telefonischer Berater in einem Callcenter und ist mit seinem Nachbarn Dušan und dessen Geschäftspartner Konrad befreundet. Die beiden Europäer genießen ihr neues Leben mit vielen Frauen, Alkohol und Drogen.

Eine entscheidende Wende in Pauls Leben tritt ein, als er durch Zufall die Bekanntschaft mit der vietnamesischen Reinigungskraft Ngoc Lan macht. Die Frau war in ihrem Heimatland eine Dissidentin, wurde durch die dortige Regierung zwangsverkleinert und mit anderen politischen Gefangenen in einer Fernsehverpackung in die USA abgeschoben, wobei sie eines ihrer Beine verlor.

Paul wird so auf einen unbekannten Teil der scheinbar perfekten Miniaturwelt aufmerksam – riesige Mietshäuser mit armen Einwanderern, die sich hinter einer hohen Mauer außerhalb des geschützten Leisurelands befinden. Bei diesen Gebäuden handelt es sich offensichtlich um einfache Bürocontainer in Normalgröße. Für verkleinerte Menschen umgebaut, verfügen diese nun über etwa 15 Stockwerke. Die Lage der Menschen dort ist außerordentlich trostlos. So erfährt Paul, dass Ngoc Lan eine an Krebs erkrankte Frau pflegt und dafür Schmerzmittel aus Dušans Wohnung entwendet. Paul tut sein Möglichstes um sie zu unterstützen, kommt dabei jedoch schnell an seine Grenzen …

Was zu sagen wäre

Es muss ein launiger Abend gewesen sein, an dem Alexander Payne mit seinem Bruder zusammen saß und darüber fabulierte, wie viel komfortabler das Leben sein würde, wäre man nicht größer als zehn Zentimeter. Die Frage dieses launigen Abends blieb hängen und Payne machte sich mit seinem Co-Autor Jim Taylor – mit ihm hatte er schon Filme wie Election, „About Schmidt“, Sideways oder Descendants – Familie und andere Angelegenheiten gestemmt – daran, diese Idee auszuformulieren. Einfach kleiner werden ist es ja noch nicht. Da stehst du plötzlich auf einer anderen Stufe in der Nahrungskette, werden Vögel, ja sogar Mücken zu einer elementaren Gefahr. Solche Fragen laufen in Paynes „Downsizing“ im Hintergrund ab, er will keinen Science-Fiction-Film zeigen.

Diese Fragen zeigen aber, wie penibel sich Alexander Payne seinem Sujet nähert: Bevor er seine Geschichte erzählen kann, muss das Ambiente stimmen – oder besser: stimmig sein. Erst das verschafft dem Drama, in dem es betont nicht um die wissenschaftlich plausible Erklärung eines Schrumpfungsprozess geht, seine Glaubwürdigkeit. Im Grunde erzählt Payne im besten Sinne vom Menschen als solchen. Die Science Fiction ist ja immer dann am besten eingesetzt, wenn sie aus die Zukunft erzählt und aber das Heute meint. Und hier wird sein optimistischer Blick auf die menschenfreundliche Wissenschaft des Downsizing schnell düster. Denn, egal wie groß, egal wo: Die Menschen lernen nicht dazu. Es gibt die, um den Planeten zu entlasten und die Menschheit zu retten, jene, die sich schrumpfen lassen, später sogar ins Innere der Erde emigrieren. Und es gibt die anderen, denen der Planet wurscht ist, die sich schrumpfen lassen, weil das wirtschaftliche Vorteile verspricht, und dann auf dem Rücken der anderen weiter auf dem Viulkan tanzen. „Sie werden sich verhalten, wie Menschen es immer tun. Sie werden verrückt und bringen sich gegenseitig um und sterben vor uns aus.. Das wird passieren.

Es gibt so einen Spruch, den Menschen hören, die sich nach einem Schicksalsschlag neu orientieren, einen neuen Platz im Leben suchen, der lautet: Egal, was Du tust, Du wirst Dich überall hin mitnehmen. Die schöne neue Welt, die Payne uns in der ersten Stunde in sonnigen Bildern mit klinisch sauberen Medizinern, glänzendem Besteck, freundlichen Menschen und wirtschaftlich atemberaubenden Perspektiven schildert, schrumpft im Laufe des Geschehens auf die menschliche Ebene zurück, die Paul Safraneks Nachbar Dušan an einer Stelle so umschreibt: „Okay, manchmal bin ich ein Arschloch. Aber die Welt braucht Arschlöcher. Wodurch soll man sonst die ganze Scheiße loswerden?“ In der Welt der Kleinen geht es zu wie in der Welt der Großen. Die Utopie, es werde alles besser, ist eine Idee aus der Marketingabteilung.

Plakatmotiv: Downsizing (2017)Denn natürlich hat die Erfindung des Downsizing nicht dafür gesorgt, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Statt dessen lassen Diktatoren unliebsame Regimegegner, lassen Justizbehörden Schwerkriminelle zwangsschrumpfen. Diese Evolution menschenfreundlicher Ideen hin zum militärischen Atompilz kennen wir aus der Geschichte zur Genüge.

Auf dem Plakat ganz oben steht Matt Damon, von Beruf Superstar (The Great Wall – 2016; Jason Bourne – 2016; Der Marsianer – 2015; Interstellar – 2014; Monuments Men – 2014; The Zero Theorem – 2013; Elysium – 2013; Liberace – Zuviel des Guten ist wundervoll – 2013; Wir kaufen einen Zoo – 2011; Contagion – 2011; Der Plan – 2011; True Grit – 2010; Hereafter – Das Leben danach – 2010; Invictus – 2009; Departed – Unter Feinden – 2006; Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind – 2002; Die Bourne Identität – 2002; Ocean's Eleven – 2001; All die schönen Pferde – 2000; Forrester – Gefunden! – 2000; Die Legende von Bagger Vance – 2000; Der talentierte Mr. Ripley – 1999; Dogma – 1999; Der Soldat James Ryan – 1998; Good Will Hunting – 1997; Der Regenmacher – 1997; Chasing Amy – 1997).

Aber hier ist Damon kein gestählter Kämpfer wider das Schurkische. Damon kommt betont spießig daher, inklusive Bauchansatz und so einer amerikanischen wie-es-sich-gehört-Freundlichkeit. Immer verbindlich, aber im entscheidenden Moment kann er nicht sagen, ob es ein Mitleids-, ein Freundschafts-, ein Geilheits- oder doch ein Liebes-Fick war. Mit solchen Fragen musste sich Damons Paul Safranek, Betonung auf dem fran, noch nie beschäftigen. Damon macht seine Sache großartig, wird aber getoppt von Hong Chau (Inherent Vice – Natürliche Mängel – 2014), die eine zwangsgeschrumpfte Vietnamesin mit ausgeprägtem Selbst- und Zielbewusstsein spielt. Wie es Chau in rund 90 Minuten, die sie in diesem Film mitwirkt, schafft von der unsichtbaren Putzfrau über die fordernde, unverschämte Zicke zum Love Interest zu mutieren, das ist großes Schauspiel.

In einer Nebenrolle als Pauls osteuropäischen Nachbarn und Lebemann Dušan Mirkovic spielt Christoph Waltz. Das Auffallenste ist wohl, dass er angenehm zurückgenommen spielt; nach seinen beiden Oscar-Rollen für Quentin Tarantino in Inglourious Basterds (2009) und in Django Unchained (2012) irrlichterte er einige Filme lang im ewigen Echo dieser Rollen (Tulpenfieber – 2017; Legend of Tarzan – 2016; James Bond 007 – Spectre – 2015; The Zero Theorem – 2013; Der Gott des Gemetzels – 2011; Die drei Musketiere – 2011; The Green Hornet – 2011).

Alexander Payne hat eine bissige Gesellschaftssatire inszeniert, die sich einfachen Sehgewohnheiten widersetzt. Der Spannungsbogen ist durchlässig, die Dramaturgie nicht stringent. Aber Payne lässt seine Zuschauer nie alleine. Jedes Bild sitzt. Am Anfang sind das die heutzutage einfach zu montierenden Bilder von großen und kleinen Menschen. Später ist es die präzise Beobachtung des Downsizing zu klassischer Musik auf dem Soundtrack – es gibt viel zu erleben im Film von Alexander Payne und Jim Taylor, auch wenn sich eine Dramaturgie, also eine Geschichte, nicht immer aufdrängt.

Wertung: 5 von 8 €uro
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