Kinoplakat: A.I. Künstliche Intelligenz
Steven Spielberg stolpert über
Kubrick auf höchstem Niveau
Titel A.I. Künstliche Intelligenz
(Artificial Intelligence: AI)
Drehbuch Ian Watson + Steven Spielberg
nach der Kurzgeschichte „Supertoys Last All Summer Long“ von Brian Aldiss
Regie Steven Spielberg, USA 2001
Darsteller Haley Joel Osment, Jude Law, Frances O'Connor, Brendan Gleeson, Jake Thomas, William Hurt, Daveigh Chase, Clara Bellar, Keith Campbell, Emmanuelle Chriqui, Kelly Felix, Ben Kingsley, Katie Lohmann, Paul Isaac Martin, Kathryn Morris, Miguel Pérez, Sam Robards, Adam Scott, Kirk B.R. Woller u.a.
Genre Drama, Science Fiction
Filmlänge 146 Minuten
Deutschlandstart
13. September 2001
Inhalt

Mitte des 21. Jahrhunderts: Die Bodenschätze gehen zur Neige, die Technologie entwickelt sich mit rasender Geschwindigkeit. Die Wohnungen werden überwacht, die Nahrung stammt aus dem Reagenzglas und als Hausangestellte arbeiten keine Menschen, sondern Maschinen. Gartenarbeit, Haushalt, Gesellschaft in einsamen Stunden – für alles gibt es Roboter.

Kinoplakat: A.I. Künstliche IntelligenzDie letzte – umstrittene – Hürde in der Roboterentwicklung sind Gefühle. Roboter werden als ausgereifte Haushaltsgeräte angesehen – Emotionen gesteht man ihnen nicht zu. Aber weil so viele Eltern immer noch auf ihre Genehmigung zur Fortpflanzung warten, ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten. Cybertronics Manufacturing stellt die Lösung vor: David.

David ist der erste Roboterjunge, der auf Liebe programmiet ist. Zu Testzwecken wird er dem Cybertronics-Angestellten Henry Swinton und seiner Frau Monica anvertraut, denn ihr eigener Sohn liegt tiefgefroren im Krankenhaus und wartet auf die Entwicklung eines Heilverfahrens. Trotz all der Liebe und Hilfsbereitschaft, die David zu geben hat, entsteht unerwartet eine Situation, die ihm dieses Leben unmöglich macht – Swintons Sohn erwacht aus dem Koma, David wird zum bloßen Spielzeug gemacht. 

David fühlt sich weder von den Menschen noch den Maschinen verstanden – Geborgenheit bietet ihm nur sein Supertoy-Teddybär, mit dem David sich aufmacht, seinen Platz im Leben zu finden. Er entdeckt eine Welt, in der der Unterschied zwischen Roboter und Maschine unüberbrückbar groß und dennoch kaum wahrnehmbar erscheint. Davids einzige Chance ist die Blaue Fee, über die er in dem Roman „Pinocchio“ gelesen hat. Die Blaue Fee konnte aus der Holzpuppe einen Menschen machen, als wird sie auch aus ihm einen Menschen machen können.

David begibt sich auf die Suche nach der Fee aus dem Märchen …

Was zu sagen wäre

Das muss man sich auch erst mal trauen. Einen großen, teuren Studio-Film mit einer langen Vorlesung über Roboter im Allgemeinen und Gefühle solcher im Besonderen zu beginnen – gefilmt vor allem mit Close Ups von Professor und Studenten. Steven Spielberg verneigt sich vor dem im Frühjahr 1999 verstorbenen Regisseur Stanley Kubrick. Der Macher von 2001 – Odyssee im Weltraum war mit dem „A.I.“-Projekt schon Mitte der 80er Jahre schwanger gegangen. Es basiert auf der Brian Aldiss' Shortstory „Supertoys last all summer long“. Kubrick konnte das Projekt nicht mehr realisieren. Seine letzte Arbeit wurde Eyes Wide Shut mit Tom Cruise und Nicole Kidman.

Vorne Kubricks Zynismus, hinten Spielbergs naiver Glaube ans Gute

Spielberg, der mit Kubrick oft über die Verfilmung der Supertoys gesprochen hat, hatte Kubricks Vorschlag, „A.I.“ gemeinsam zu machen – Kubrick als Produzent, Spielberg als Regisseur – stets abgelehnt. Jetzt hat er den Film doch gemacht und versucht, aus Kubricks kühler, sarkastischer Menschenliebe und seiner eigenen naiven Vorstellung vom Guten im Menschen ein homogenes Werk zu machen.

DVD-Cover (US): Artificial Intelligence: A.I.Herausgekommen ist ein moderner „Pinocchio“ mit kalter Brillanz in der ersten Hälfte, die Kubrick tatsächlich ähnlich sieht und einer pathetisch-sentimentalen zweiten Hälfte, die dem Zuschauer ein gewisses Maß an Akzeptanz abverlangt: Die unbedingte Liebe des Jungen – bemerkenswert: Haley Joel Osment – zerrt an den Nerven des Zuschauers, der sich angesichts des hübschen Jungen dauernd klar machen muss: „Es ist ein Roboter!“.

Nach langer Odysse durch Roboter-Bordelle und auf der Flucht vor Roboterfeinden kommt David nach New York. Hier taucht der Professor aus der Vorlesung vom Anfang wieder auf – „Komm, ich bringe Dich zu den anderen“, sagt er und meint die Erfinder und Konstrukteure, die David gebaut haben – und verschwindet dann ohne weitere Erklärung aus dem Film. Am Ende trifft der Junge auf die Roboter der über- übernächsten Generation, die ihre Herkunft suchen – den Menschen. Endlich kommt hier der elektronische Pinochio ans Ziel, ist das missing link, das menschliche Bindeglied, das einzigartige Wesen, das nur ein Mensch sein kann. Der menschlichste aller Roboter, der Letzte, der die ausgestorbene Rasse der Menschheit gekannt hat.

Spielberg setzt auf den zweiten Blick

Das ausgesprochen schwülstig anmutende Ende, das die Journalisten in der Münchner Pressevorstellung zu Ausrufen wie „Mein Gott, ist das schlecht!“ veranlasste, ist sicher … nun, sagen wir mal: gewöhnungsbedürftig. Zu meinem Erstaunen sagt Spielberg in einem SPIEGEL-Interview, der Film werde seine Wirkung erst beim zweiten Gucken entfalten, „in Amerika erst richtig verstanden und entdeckt werden, wenn er auf DVD herauskommt und im Fernsehen“. Beunruhigend, dass der Kinomann Spielberg plötzlich auf den kleinen heimischen Bildschirm Wert legt.

Wer heiße Roboterkriege oder stampfende Dino-Action erwartet, ist hier fehl am Platz. Spielberg hat seinen dunkelsten Film gedreht – freilich mit einem Schluss, der sich nahtlos in seine frühen Sci-Fi-Werke einreiht. Ein Film über menschliche Gefühle, erzählt in unterkühlter Atmosphäre und Bildern. Ein ambivalentes Märchen um die Liebe, die den Menschen erst zum Menschen macht – die Filmlänge von gut zweieinhalb Stunden ist da allerdings etwas zu viel des Guten. Zwei Stunden hätten sicherlich auch gelangt.

Wertung: 5 von 6 €uro