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Plakatmotiv: Molly's Game (2017)
Starke Schauspieler in
einem mittelguten Drama
Titel Molly's Game – Alles auf eine Karte
(Molly's Game)
Drehbuch Aaron Sorkin
nach den Memoiren von Molly Bloom
Regie Aaron Sorkin, China, Kanada, USA 2017
Darsteller Jessica Chastain, Idris Elba, Kevin Costner, Michael Cera, Jeremy Strong, Chris O'Dowd, J.C. MacKenzie, Brian d'Arcy James, Bill Camp, Graham Greene, Justin Kirk, Angela Gots, Natalie Krill, Stephanie Herfield, Madison McKinley u.a.
Genre Biografie, Drama, Crime
Filmlänge 140 Minuten
Deutschlandstart
8. März 2018
Inhalt

Molly Bloom hat in ihrem Leben schon viel gewonnen, aber auch schon ziemlich viel verloren. Die ehemalige Skifahrerin, die bei den Olympischen Spielen auf Medaillen hoffte, musste ihre sportliche Karriere wegen einer Rückenverletzung vorzeitig beenden. Der Unfall, bei dem sie sich diese zuzog, scheint einen Keil in die ohnehin bereits angespannte Beziehung zu ihrem Vater getrieben zu haben.

Molly überlegt sich, wie sie nun auf andere Art Geld verdienen kann, und zieht von Colorado nach Kalifornien, wo sie als persönliche Assistentin eines Mannes arbeitet, der Pokerspiele ausrichtet. Still und leise wird Molly zum eigentlichen Kopf des Geschäfts und etabliert Buy-Ins in Höhe von 10.000 US-Dollar, was für die reiche Kundschaft jedoch kein Problem zu sein scheint. Als ihre Kollegen und allen voran ihr Chef versuchen, sie aus dem Geschäft zu halten, zieht Molly nach New York, wo sie Pokerspiele mit noch exklusiveren Gästen und noch höheren Buy-Ins organisiert.

Schnell greift Molly zu Drogen, und als sie auch Mitgliedern von drei unterschiedlichen russischen Verbrecherfamilien Zutritt gewährt, steigen die Buy-Ins gar auf 250.000 US-Dollar. Sie bietet bald zwei Spiele pro Tag an sechs Tagen in der Woche an und achtet darauf, dass bei den Veranstaltungen möglichst viele wunderschöne Frauen anwesend sind.

Eines Tages jedoch wird Molly vom FBI verhaftet und von der Regierung angeklagt, die sich erhofft, über sie Details über ihre Stammgäste zu erfahren …

Was zu sagen wäre

Nach einer wahren Geschichte. So heißt es ja immer häufiger im Vorspann zu Spielfilmen oder gleich schon auf den Plakaten. Dies also ist eine wahre Geschichte. In den Grundzügen. Molly Bloom gibt es, die exklusiven Pokerrunden hat es gegeben mit Teilnehmern wie Leonardo DiCaprio, Tobey Maguire oder Ben Affleck und das Strafmaß hat es auch gegeben. Und es ist eine spannende Geschichte, die Einblick bietet in eine Gesellschaft der Reichen und prollig Reichen, für die Leinwand umgeschrieben von einem der besten Autoren im Filmgeschäft: Aaron Sorkin (Steve Jobs – 2015; Moneyball – 2011; the social network – 2010, außerdem die TV-Serien „The Newsroom“ – 2012 – 2014 sowie „The West Wing“ – 1999 – 2006). Sorkin steht für Schnellfeuer-Dialoge, treffsichere Wortwahl und spannende Dramaturgie. Mit „Molly's Game“ liefert er sein Regiedebut.

Wieder ist der Film wortgewaltig, blüht in schwungvollen Dialogen; wenn die Protagonisten mal  nicht reden, kommentiert Molly aus dem Off das geschehen. Eine lange Weile geht es um Poker, es fliegen Fachbegriffe durch den Kinosaal wie All in, Flop, Action, Bad Beat, Toke und so weiter. Man sollte vorher ein Glossar studiert haben, um zu verstehen, was Molly erzählt, warum der eine gewinnt und der andere verliert. Zumindest, bis man verstanden hat, dass es darum eigentlich nicht geht. Diese dauernde Profisprache soll Mollys Wesenszug unterstreichen, dass sie immer in allem die Beste sein will und sich akribisch darauf vorbereitet – bei ihrer ersten Pokerrunde hat sie von Poker keine Ahnung. „Ich googelte jedes unbekannte Wort, das ich hörte“, erzählt Molly aus dem Off. „Flop, River, Fourth Street, Cooler, Boat, einen Lauf haben.“ Diese Möglichkeit hat der Zuschauer im Kinosessel nicht

Plakatmotiv (US): Molly's Game (2017)Das ist der Schwachpunkt in diesem komplexen Drama: Es lenkt ab und den Blick darauf, dass die Geschichte sich nicht für einen Kinofilm eignet, auch wenn eine Edelfeder sie für die Leinwand dramatisiert hat. Dass Molly ehrgeizig ist, dass sie immer die Beste sein will, weil ihr Vater sie schon als Kind dazu getrieben hat; dass sie ihrem Vater beweisen will, dass sie alles schaffen kann und es später einem nur „Player X“ genannten Hollywood-Star zeigen will, dass der sie nicht unterkriegt, offenbart sich schon in der Schauspielerin, die die Titelrolle spielt, Jessica Chastain. Die Frau mit den roten Haaren spielt gerne starke Frauen, die sich in einer von Männern dominierten Welt durchsetzt (Die Erfindung der Wahrheit – 2016; The Huntsman & the Ice Queen – 2016; Der Marsianer – 2015; „A Most Violent Year“ – 2014; Interstellar – 2014; Das Verschwinden der Eleanor Rigby – 2013; Mama – 2013; Zero Dark Thirty 2012; The Help – 2011; Coriolanus – 2011).

Die starke Frau mit der wunden Seele ist auch hier ihre Rolle. Sie ist in jeder Szene des Films und macht den Rücken sehr gerade, damit sie nicht unter der Last des Films einknickt. Sorkin verlässt sich zu lange auf sie allein, während er seine Story schleifen lässt. Im zweiten Drittel mäandert das Drama nämlich zwischen Enttäuschungen und Wieder-Aufstiegen eher planlos an uns vorbei, es gibt keine Anhaltspunkte, wo wir im Kinosessel mal mit der Protagonisten fürchten – oder von mir aus auch uns über sie ärgern – könnten. Die unentwegte Erzählung aus dem Off über das Zurückliegende, das vom FBI schon Aufgedeckte – Molly wartet ja schon auf ihre Anklage – macht uns zu Betrachtern eines länglichen Nachrichtenstücks, in dem es um Frauen in Cocktailkleidern und um ein verbotenes Spiel geht, das schwer zu durchschauen ist. Die großen Spielerfilme – „Cinsinnatti Kid (196) etwa oder Haie der Großstadt (1961) – haben Poker zu einem Duell Mann gegen Mann stilisiert, wo am Ende eine noch verborgene Karte entscheidend war; da konnte man im Kinosessel die tödliche Kugel erkennen.

Plakatmotiv (US): Molly's Game (2017)Bei Molly kreisen lauter Männer, nach den Stars und Wall-Street-Haien kommen die kleinen, aber steinreichen Spieler, die Betrüger und die Russenmafi. Sie kommen. Und sie gehen wieder. Sie bleiben im Drama meistens egal, tauchen dann als Zeugenmosaik in der Anklageschrift wieder auf – dokumentarisch wahrscheinlich authentisch. Aber nicht mitreißend.

Da ist man im Kinosessel schon froh, wenn der Film ins Heute springt, wo Molly ihrem Verfahren entgegensieht und sich derweil mit ihrem Anwalt auseinandersetzt. Da sprühen verbale Funken, da glüht Sorkins schreibendes Herz, da wird der Film spannend, auch weil Sorkin eine durchweg wunderbares Ensemble um sich versammeln konnte. An der Spitze Chastain und Idris Elba, hier in einer Anzug-und-Krawatte-Rolle, nicht Flecktarn und Knarre (Der Dunkle Turm – 2017; Star Trek: Beyond – 2016; Bastille Day – 2016; „The Gunman“ – 2015; Thor – The Dark Kingdom – 2013; Pacific Rim – 2013; Prometheus – Dunkle Zeichen – 2012; Ghost Rider: Spirit of Vengeance – 2011; „American Gangster“ – 2007).

Kevin Costner spielt mit, der starke Mann im Hollywood der 90er Jahre (Hidden Figures: Unerkannte Heldinnen – 2016; 3 Days to Kill – 2014; Jack Ryan: Shadow Recruit – 2014; Man of Steel – 2013; „Mr. Brooks – Der Mörder in Dir“ – 2007; Crime is King – 2001; Thirteen Days – 2000; Aus Liebe zum Spiel – 1999; Message in a Bottle – 1999; Postman – 1997; „Tin Cup“ – 1996; Waterworld – 1995; Perfect World – 1993; „Bodyguard“ – 1992; JFK – Tatort Dallas – 1991; „Robin Hood – König der Diebe“ – 1991; Der mit dem Wolf tanzt – 1990; Feld der Träume – 1989; No Way Out – 1987; Die Unbestechlichen – 1987; „Silverado“ – 1985; „Fandango“ – 1985), der sich gut in die Mentoren- und Vater-Rollen eingelebt hat. Graham Greene als Richter, Michael Cera als „Player X“ – große Spieler in kleinen Rollen. Sie geben mit ihrer Präsenz dem Film Tiefe, die er über sein Drama nicht erreicht.

Sorkin scheint seinem Buch selbst nic ht zu trauen. Weshalb sonst würde er seinem Drama ein sehr gefühliges Vater-Tochter-alles-wieder-gut-Ende anflanschen, das der Authentizität nicht gut tut. Es gehört zum Hollywoodfilm heute dazu, dass die Heldin nach dem Fegefeuer nun aber auch Erlösung finden muss. Das geschieht auf der Leinwand, während Molly von der Tonspur aus dem Off entschuldigend hinzufügt, dass aber ihr Leben als eine, die sich in einem Mafiaprozess „schuldig“ bekannt hat, vorbei ist, niemand würde sie nun mehr einstellen, egal wie clever sie ist. Die Bilder aber sagen: Mit so einer Familie im Rücken, mit so einem tollen sozialen Umfeld wird das schon klappen. Alles gut!

Für die hohen Erwartungen an den Film ist das zu wenig.

Wertung: 5 von 8 €uro
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